KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 21. August 2015, 22:01
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Mao Zedong – Der Lange Marsch und die Lyrik

471. Kolumne

Das politische Leben Maos lässt sich nur partiell – wie das fast aller großen Männer – moralisch rechtfertigen. An den Folgen seiner Landreform nach dem Sieg der Kommunisten 1949 starben Millionen Bauern an Hunger. Viele Menschen wurden politisch verfolgt, viele hingerichtet. Die von Mao entfachte Kulturrevolution vernichtete Wissen und Werte, Kunst und Gebäude der kaiserlichen Vergangenheit. Dabei hat sich kaum ein Herrscher unserer Zeitgeschichte so eng angelehnt an die Majestät des besiegten Systems wie er, das beweist die heutige Gestalt des Tian-an-men-Platzes in Peking. Aber es geht von diesem Mann (vor allem in der Zeit vor 1949) eine Faszination aus, die ich nicht in Eis kühlen kann; mir geht es wie vielen Chinesen, die – teils aus anderen Motiven – ähnlich empfinden. Mao Zedong, Sohn eines wohlhabenden Bauern in der Provinz Hunan, ist ein Mann voller Widersprüche – der gnadenlosen Härte in der Durchsetzung politischer Macht steht die Einfühlsamkeit des Sozialisten und Lyrikers gegenüber. Mich interessiert die Zeit seines Aufstiegs zum mächtigsten Mann Chinas, seine Persönlichkeit als Feldherr und Lyriker.
Die Frage, ob Mao mit Hannibal verglichen werden kann, wie manche meinen, ist nicht so einfach zu beantworten. Ob er der Lyriker war, der im 20. Jahrhundert die chinesische Lyrik bereicherte und erneuerte, schon eher. Ich neige zu der Ansicht, dass beide Thesen übertrieben sind. Der berühmte Lange Marsch war ein fluchtartiger Rückzug, der in den chinesischen Schulbüchern zur Legende eines Feldherrn hochstilisiert wird – und doch war dieser Marsch mehr als eine simple Flucht innerhalb eines Bürgerkriegs. Denn knapp zehntausend Überlebende eines Hunderttausend-Mann-Heeres gewannen, unterstützt von immensen Fehlern des Generals Jiang Kai-shek, Führer der nationalistischen Republikaner, mehr und mehr die Unterstützung des Volks und trieben den Feind zur Flucht nach Taiwan.
Es bleibt der unglaubliche politische Erfolg eines Mannes, der zur mythischen Gestalt wurde, noch bevor er starb. Ich sehe, dass auch die Verfasser der neuesten großen Biografie, Alexander V. Pantsov und Steven I. Levine, längst nicht alle Fragen überzeugend beantworten können. Ich beschränke mich auf einen kleinen, aber vielleicht aufschlussreichen Aspekt: Ich inspiziere die Gedichte Maos im Hinblick auf sein Handeln während der schwersten Not der Kommunisten Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Vielleicht gibt Maos literarische Verarbeitung seines politischen, ideologischen und militärischen Handelns interessante Einblicke. Die Legendenbildung begann schon während Mao Zedongs Kampf um die Führung in der Kommunistischen Partei.

In seinem Gedicht Changsha blickt Mao zurück auf seine Jugend. In Changsha besuchte er 1913-1918 das Lehrerseminar, danach nahm er an der Organisation der liberal-demokratischen Studiengesellschaft Erneuerung des Volkes teil, 1918/19 arbeitete er als Hilfsbibliothekar an der Beijing-Universität und studierte die Hauptschriften des Marxismus-Leninismus. Im Januar 1921 gründete er in Changsha eine kommunistische Organisation und nahm im Juli des gleichen Jahres am Ersten Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas in Shanghai und Jiaxing teil als Vertreter der Organisation von Hunan. 1925 arbeitete Mao als geschäftsführender Direktor der Propagandaabteilung des Zentralen Exekutiv-Komitees (ZEK) der Guomindang und als Herausgeber der politischen Wochenzeitung Zhengzhi zhoubao. Mao war nun 32 Jahre alt.



毛泽东:长沙
一九二五年

独立寒秋
湘江北去
橘子洲头
看万山红遍
层 林尽染
漫江碧透
百舸争流
鹰击长空
鱼翔浅底
万物霜天竞自由
怅寥廓
问 苍茫大地
谁主沉浮

携来百侣曾游
忆往昔峥嵘岁月稠
恰同学少年
风华正茂
书 生意气
挥斥方遒
指点江山
激扬文字
粪土当年万户侯
曾记否
到中流击水
浪 遏飞舟



Mao Zedong: Changsha – 1925

Ich steh allein. Kalter Herbst.
Hier der Xiang, nach Norden fließend,
da die Spitze der Orangeninsel.
Ich seh die vielen Berge, den roten Horizont,
die ganz erschöpfte Farbe des Waldes,
den breit gewordenen tiefgrünen Fluss,
auf dem sich hundert Kähne drängen ...
Adler jagen durch den weiten Raum,
und Fische schweben überm seichten Grund –
alles Leben unter diesem Frostgestirn will Freiheit.
Enttäuscht, weil gar nichts daraus wurde,
frag ich Himmel und Erde:
Wer beherrscht denn das Auf und Ab des Seins?

Ich war schon einmal hier mit vielen meiner Freunde.
So stark ist die Erinnerung an diese intensiven Jahre,
als wir Klassenkameraden waren
in der Blüte unsrer Jugend,
dann Studenten voller Leidenschaft,
wir diskutierten pro und contra, suchten Lösungen,
wir kannten alle Flüsse, alle Berge Chinas,
und schrieben Manifeste:
Das ganze Herrscherpack ist nur ein Dreck!

Wisst ihr noch:
Wir schlugen mitten in der Strömung auf das Wasser,
und die Wellen bremsten den Flug unsres Boots.


Changsha ist das erste Gedicht der in China 1963 erschienenen und von Mao autorisierten Buchausgabe von 37 Gedichten, in denen er sich anlehnt an chinesische Traditionen der Poesie. Lu Xun (1881-1936), der erste Dichter der chinesischen Moderne und Zeitgenosse Mao Zedongs war der Auffassung, in der Zeit der Tang-Dynastie (618-907) seien alle wesentlichen Gedichte bereits geschrieben worden, und so verzichtete er weitgehend darauf Lyrik zu schreiben und widmete sich lieber der erzählenden Prosa. Mao war offenkundig nicht dieser Meinung. Neu an seinen Gedichten ist das politische Engagement, das jedoch fast nie plakativ-agitatorisch formuliert wird, sondern in einfachen Worten und leiseren Bildern auftritt.

Mao zitiert seinen jugendlichen Zorn („Das ganze Herrscherpack ist nur ein Dreck!“), er setzt dieses Gefühl und Wollen nicht absolut, er behält Distanz zu dem drängenden Eifer von einst und relativiert in den Schlussversen seine Haltung mit einer anderen Erinnerung, die ein viel subtileres Handeln vorschlägt: Gegen die Strömung des Flusses ist ein treibendes Boot machtlos, gemeint ist die herrschende Strömung der Zeit, die gesellschaftlichen Strukturen sind noch zu stark, als dass man gegen ihren Strom schwimmen könnte, einzeln schon gar nicht. Es geht um das allmähliche Verändern dieser Strukturen. Das Natur-Bild des träge, aber stark dahinfließenden Stroms legt den Gedanken nahe, dass die gesellschaftlichen Kräfte den Gesetzen der Natur entsprechen. Nur geistige Eingriffe können diese Kräfte beeinflussen. Die Wellen, die beim Schlagen aufs Wasser entstehen, lassen sich als Störung der gegebenen gesellschaftlichen Bedingung verstehen; sie sind Voraussetzung für größere, auf sie folgende, auf ihnen aufbauende Veränderungen.

Das Gegen-Bild kennen wir: Seeleute gossen in der Zeit der Segelschifffahrt Öl auf sturmbewegte Wellen, um das Wasser zu beruhigen und die Wellen zu besänftigen. Ein Schlag ins Wasser ist ein Bild, das wir in unserem europäischen Alltag verwenden, wenn wir eine vergebliche Handlung meinen. Diese Bilder sind nicht dialektisch gemeint, sie beschreiben nur rein physikalisch Ursache und Wirkung.

In Maos Gedicht ist die physikalische Wirklichkeit erst einmal zweitrangig. Es kommt ihm darauf an, zunächst das Denken zu verändern – durch Beobachtung der Lage und durch ein Handeln, das die Situation evolutionär verändert, in kleinen dialektischen Schritten erreicht der Handelnde die Synthese: die Vorbereitung der Revolution; nun erst wird der Kampf aussichtsreich. Die politische Pointierung des Gedichts im Bild einer ideologischen Idee ist das Neue an der Lyrik, die sich formal und sprachlich noch kaum löst von der poetischen Tradition.

„Wer [oder was] beherrscht denn das Auf und Ab des Seins?“, fragt der junge Mao. Den Naturbildern im ersten Abschnitt des Gedichts, die das Leben beschreiben, wird das Nachdenken über sie gegenübergestellt – die Analyse fällt kritisch aus: Das ganze Herrscherpack, die Bourgeoisie der Republik, unterdrückt das Volk wie in der Zeit des Kaisertums, an die Stelle der alten Ausbeuter treten nur andere. Hinzu kommt, dass Chinas Einheit durch bürgerkriegsähnliche Zustände und mehrere ‚Warlords’ zerfällt; Japan hält chinesische Gebiete besetzt. Die Guomindang Jiang Kai-sheks verfolgt immer nationalistischere Ziele und dient der Erhaltung bzw. Wiederherstellung der bourgeoisen Herrschaftsverhältnisse. Aus dieser Zeit erwächst die kommunistische Bewegung – sie steht noch am Anfang. Maos Gedicht konzentriert sich auf diesen Moment, auf die Macht der Analyse und der Besinnung, die umschlägt in ein erstes Handeln, das sich gegen die Unaufhaltsamkeit wehrt, mit der das Boot, also die Gesellschaft, ins Ungewisse treibt. In diesem Boot sitzen die Neugestalter der Zukunft.

*

Die Drei Gedichte mit sechzehn Zeichen wurden 1934/35 während des „Langen Marschs“ geschrieben. Hier zitiert Mao ein Volkslied: Der Wanderer im hohen Gebirge muss sich bücken, der Reiter vom Pferd absteigen. Doch gewinnt das Bild in Maos Triptychon eine gewisse Ambivalenz – einerseits geht es um die bis zu 3300 Meter hohen Bergpässe im Grenzgebiet zu Tibet, andererseits um den Himmel als Bild für ein Ziel, dem man innerlich nah bleibt, auch in der härtesten Lage.




„Ich kann den Himmel mit der Hand berühren!“ Der Reiter erschrickt, aber er ist auch erstaunt. Die Flucht vor der erdrückenden Übermacht Jiang Kai-sheks ist – trotz riesiger Verluste – gelungen, der Himmel erinnert an den großen Traum vom siegreichen Kampf, der im zweiten Gedicht von der gewaltigen Veränderung der Welt angedeutet wird. (In derartigen Gipfel-Bildern steckt der Keim zur Legendenbildung – in Davids Napoleon-Bild ist es beabsichtigt.)




Mit dem Himmel des ersten Gedichts korrespondiert der ganz anders gemalte Himmel im dritten Gedicht. Die Berge stechen in den Himmel, sie drängen hin zu ihm. Mit der scharfen Klinge der emporstrebenden Roten Armee wird der Himmel – ein Bild für die Herrschaft über die Welt – erobert. Ein Weltbild bricht zusammen. Der Himmel unterwirft sich den Bergen – der Überbau hält sich an der Basis fest, nicht umgekehrt wie bisher. Interessant ist die Personifizierung des Himmels – er sehnt sich geradezu nach seiner Wandlung, und so entsteht der ironisch formulierte Gedanke von der Abschaffung von Religion und Herrscherglaube.



毛泽东:十 六字令三首

一九三四年到一九三五年


第一

快马加鞭未下鞍
惊回首
离天三尺三


其 二

倒海翻江卷巨澜
奔腾急
万马战犹酣

其三

刺破青天锷未 残
天欲坠
赖以拄其间



Mao Zedong
Drei Gedichte mit sechzehn Zeichen – 1934/1935

Das erste
Berge ...
Schneller! Ich peitsche mein Pferd. Ich will nicht vom Sattel.
Dann schau ich auf und erschrecke:
Ich kann den Himmel mit der Hand berühren!

Das zweite
Berge ...
Die Meere schwappen über, die Flüsse schwellen an,
da rauschen ungestüm
zehntausend Pferde trunken in die Schlacht.

Das dritte
Berge ...
stechen in den blauen Himmel, und die Klinge bleibt scharf.
Der Himmel, der zerbrechen will,
hält sich an den Bergen fest.

* *




Das Gedicht Winterwolken – dreizehn Jahre nach dem endgültigen Sieg der Roten Armee, nach chinesischer Zählweise am 70. Geburtstag Mao Zedongs geschrieben – zeigt erneut, wie Feststehendes umgekehrt wird. Hier ist es die Melancholie, die sich in Freude verwandelt, weil der Sieg des Kommunismus errungen wurde. In der traditionellen chinesischen Lyrik verbildlichen die Blüten der Winterkirsche die Niedergeschlagenheit der Menschen. Nun aber ist man gewappnet gegen die Härte des Lebens und gegen feindliche äußere Einflüsse. Gemeint sind Bär und Tiger, Osten und Westen, die Sowjetunion und der Papiertiger Amerika. Die Gefahr der Fabelwesen und ihrer Nachkommen im Gewand eines falschen, verratenen Kommunismus oder eines degenerierten Kapitalismus. Und wieder ist es die Erde, die Wärme verströmt, es ist die Basis, die Arbeit des Volkes, die richtige Ideologie der Partei. Die zweite Strophe des Gedichts erreicht komisch-polemische Züge.
Wer so gehärtet und geschützt im gesellschaftlichen Leben steht, muss nicht befürchten unterzugehen wie eine Fliege im Frost der Lüge in West und Ost.



毛泽东: 冬云
一九六二年十二月二十六日

雪压冬云白絮飞
万花纷谢一时稀
高天滚滚寒流急
大地微微暖风吹



独有英雄驱虎豹
更无豪杰怕熊罴
梅花欢喜漫天雪
冻死苍蝇未足奇



Mao Zedong: Winterwolken – 26. Dezember 1962

Schneebeladen schweben weiße Winterwattewolken,
Tausende von Blumen sind verblüht und bald verwelkt.
Am Himmel oben rollt und kreist und drängt ein kalter Strom,
doch unten auf der Erde weht ein sanfter lauer Wind.

Nur große Charaktere können Tiger jeder Art verjagen,
auch hat ein kühner Held vor Bären keine Angst.
Die Winterkirsche blüht und strahlt vor Freude, wenn es schneit,
die Fliege aber stirbt im Frost, und keiner wundert sich.

* * *


[Übersetzung der Gedichte Maos: Ulrich Bergmann]





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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Bergmann (21.08.15)
Faszinierend sind ja so manche Großtäter der Geschichte, Napoleon, Karl der Große, Augustus, auch Hitler und Stalin, Attila, Dschingis Khan, ... Fast keiner von ihnen schrieb akzeptable Gedichte. Im Übrigen gab es immer wieder große Herrscher (und Herrscherinnen), die in der Geschichte partiell objektiv sinnvoll erscheinen, obwohl sie viele Opfer verschuldeten. Stalin und Mao sind Beispiele dafür - darüber lässt sich trefflich streiten.
Als chinesischer Lehrer hätte ich ganz bestimmt meine Meinung nicht so öffentlich gezeigt, vielleicht wäre ich ganz angepasst gewesen, um zu überleben, und vielleicht hätte das nichts genutzt, weil ich Opfer verleumderischen Denunziationen geworden wäre - ein Schicksal, das mir auch in der DDR gedroht hätte, wäre ich nicht im Alter von 10 Jahren zu meinem Vater in den Westen übergesiedelt.

 Melodia (26.08.15)
@NZT48: Wenn man sich anschaut, wie die politisch-gesellschaftliche Situation zu jener Zeit war, wären vermutlich viele von uns auf den Zug aufgesprungen: Warlords, Willkür, Hunger und Mangel an fast allen Gütern sowie eine politische Instabilität und Ausbeutung vom "Westen". Nach über 2.000 Jahren Kaiserreich und dem Scheitern der Republik nach wenigen Jahren, wusste in China niemand wie es weiter geht. Es bleiben KPCh und die Guomindang.
Ich möchte jetzt nicht sagen, dass Chiang Kai-shek den Bürgerkrieg losgetreten hat; aber wer auf seine Verbündeten schießen lässt (also Kommunisten, nachdem Shanghai gemeinsam von einem Warlord befreit wurde) und seine Partei als de facto Einheitspartei etabliert ist keinen Deut besser. Mal abgesehen davon, dass der vom Westen unterstütze Generalissimus 1938 ganze Dämme sprengen ließ um die Kommunisten aufzuhalten; mit der Folge das fast 900.000 Menschen starben und 12 Million obdachlos wurden. Aber es kommt halt immer darauf an, wer die Geschichte erzählt.
Anfangs waren Maos Ideen und Programme durchaus unterstützenswert. Er ist erst später seinem Größenwahn und Machthunger verfallen; fand aber auch genug Menschen die bereitwillig mitmachten. 2.000 Jahre Kaisertum bekommt man nun mal nicht so schnell aus den Köpfen.

@Bergmann: Ich gebe dir recht mit der Faszination für Diktatoren, Kaiser, Eroberer etc. Ist auch verständlich, wie ich finde; zumindest aus sozial-historischer Sicht. Und Gedichte haben, wenn überhaupt, nur eine Handvoll dieser Menschen geschrieben.
Mao ist tatsächlich eine große Ausnahme. Und auch hier streitbar. Verlangte die vollkommene Abwendung von allem traditionellem, konfuzianischem usw. und schrieb selbst Gedichte nach klassischer Form und mit entsprechender Symbolik.

Die Gedichte "Changsha" und "Winterwolken" habe ich damals (also für die bereits in einer anderen deiner Kolumnen erwähnten Hausarbeit) ebenfalls übersetzt und interpretiert. Beide hab eich hier 1zu1 aus der Arbeit kopiert:


„Changsha“

Allein stehe ich im kalten Herbst
Sehe den Xiang, der nordwärts fließt,
Die Orangeninsel, das Kap.
Sehe Zehntausend Berge, rotes Rund,
sich türmenden Wald, verfärbt;
breit der Fluss, ein Jadeschein,
hundert Boote auf Wettfahrt.
Adler stoßen hoch in die Luft,
Fische schweben am seichten Grund –
zehntausend Arten, unterm Frosthimmel streitend für Freiheit.
Verdrossen der Öde,
frag ich die blaue Weite, die große Erde:
Wer ist Herr über die Natur?

Kam mit hundert Gefährten einst her.
Gedanken an damals: stolzer Jahre, erfüllter Monate.
Allesamt Lernende, junge Leute, aufrichtig, aufrecht;
Studenten, ungestüm, unbedacht.
Mit Fingern auf unser Land zeigend,
unsere Schriften, voller Lob und Tadel.
Die Würdenträger: für uns weniger als Staub.
Erinnert ihr euch:
Wie wir inmitten der Strömung ins Wasser schlugen,
die Wellen den Flug der Boote hemmend?


In der ersten Strophe befasst sich Mao mit der Landschaft und der Natur um Changsha, der Hauptstadt Hunans, in der Mao von 1912 bis 1917 zur Schule ging. Die zweite Strophe blickt dann fast wehmütig in die Vergangenheit, in die Erinnerungen Maos. Im ersten Teil sind mehrere Symbole zu finden. So stehen Orangen für Glück und Inseln für Langlebigkeit, was wie ein perfekter Zufall anmutet, dass es bei Changsha eine so genannte Insel gibt. Auch die Zahl Zehntausend, die für Unsterblichkeit steht, sowie die Farbe Rot, ein Symbol für Freude, verstärken das Bild. Dazu kommen Jade und Wasser, als Symbole für
Reinheit und Weichheit. Die nachfolgenden Zeilen sind als Metapher auf das chinesische Volk und die damalige Situation zu lesen: Die Boote sind mit Generationen gleich zu setzen, die Adler mit Stärke und die Fische, in diesem Zusammenhang, für die vielen verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes, wieder mit der Zahl Zehntausend verbunden, die um die
Zukunft Chinas kämpfen. Das Lyrische Ich, Mao, scheint allerdings noch bange zu sein, wie es ausgehen wird.
Die zweite Strophe lässt die Erinnerungen des Lyrischen Ichs Revue passieren mit allen Freuden und auch Fehlern. Gleichzeitig zeigt es die Anfänge des politischen Engagements Maos auf und die Auflehnung gegen die Eliten, die für den Autor und seine Freunde weniger
als Staub waren, ein Sinnbild für Vergänglichkeit. Dafür stehen auch die drei letzten Verse, wie es der Gruppe in Mitten aller (politischen) Strömungen gelang, den aktuellen Zustand in Aufruhr zu versetzen.


„Winterwolken“

Schneelast auf Winterwolken, weiße Flocken im Fluge,
unzählige Blüten, zahllos verwelkt, sind so selten.
Hoch der Himmel, der Frost strömt unstillbar,
Die Erde, so wenig Wärme in ihrem Lufthauch.
Nur mutige Männer können Tiger und Leoparden bezwingen,
noch geringer ist der Tapferen Furcht vor den Bären.
Der Pflaumenblüte zur Freude, der wirbelnde Schnee;
Starr gefroren die Fliegen, und keiner, den es wundert.



Das Gedicht, welches Mao an seinem 69. Geburtstag verfasste, ist geradezu mit Metapher und Sinnbildern übersät und lässt sich thematisch zwei teilen. Die ersten vier Zeilen handeln ausschließlich vom winterlichen Wetter und seinen Auswirkungen, während die abschließenden vier Verse, auch durch das Hinzufügen von Mensch und Tier, abstrakter wirken.
Die erste Zeile würde symbolisch positiv erscheinen, wären da nicht Details. Schnee und die Farbe Weiß sind beides Bilder für das Alter; Wolken ein Zeichen für Glück und Frieden. Diese Idylle des Lebensabends wird aber durch die Silben Winter und Last getrübt, sowie durch den
vermeidlichen Wind, Symbol für Gerüchte oder Eifersucht, der den Schnee hinfort weht. Das bedrückte Bild geht in der nächsten Zeile weiter, in der viele Blüten verwelken, die in den Augen Maos ohnehin eine Rarität darstellen. Pflanzen und Blüten sind in China traditionell positiv konnotiert und versprechen meist neben Glück auch ein langes Leben. Es ergibt sich
eine Metapher, die auf einen Niedergang hindeutet, eventuell kulturell aber auch politisch, da das Entstehungsdatum des Gedichts auf die Zeit kurz nach dem Großen Sprung nach vorne verweist. Folgend nehmen auch die dritte und vierte Zeile diesen Gegenstand wieder auf. Durch die Verwendung der Worte Himmel, Erde, sowie Frost und Wärme und ihre jeweilige Gegensätzlichkeit, lässt sich erneut eine Yin-Yang-Thematik erkennen. Allerdings ist das Gleichgewicht gestört, da der Himmel, das Vollkommene und Unendliche von der Kälte heimgesucht wird und die Erde, Sinnbild für China, keine Wärme mehr in ihrem Lufthauch, also Atem hat. Es scheint als würde Mao darauf hinweisen, dass sein Land im Sterben liege.
In den übrigen Versen folgt nun die Wendung: Die genannten Tiere stehen sowohl für Tapferkeit und Stärke als auch für Wildheit und Grausamkeit und nur überaus mutige Männer sind in der Lage sie zu besiegen. Die Raubtiere stellen Gegner Maos dar, die mit dem Einbruch des Winters, ergo dem Scheitern der Kampagne versuchen die Machtverhältnisse umzuwälzen. Der mutige Mann ist selbstverständlich der Autor selbst. Diese Interpretation wird noch dadurch bestärkt, dass während der Qing-Dynastie diese Tiere allesamt für Offiziersränge standen; ein Hinweis darauf, dass die Feinde aus den eigene Reihen stammen und gleichzeitig von Mao als reaktionär angesehen werden. Der vorletzte Vers nimmt die Blüte wieder auf, eine Art Parallelismus zur zweiten Zeile, nur dass es sich hier um eine einzelne handelt. Die Pflaume steht in China für Härte und Stärke, da sie dem Winter trotzt und meist noch vor Frühlingsbeginn blüht. Somit ist sie auch ein Symbol für neues Leben und Erneuerung und soll Mao darstellen, wie er trotz seines Alters noch voller Tatendrang steckt. Die Fliegen bzw. Insekten im Allgemeinen symbolisieren in China die Seele, die in der letzten Zeile nun alle erstarrt sind. Mao könnte damit anspielen, dass die Weltrevolution in seinen Augen nach dem Großen Sprung nach vorne durch politische Gegner zum Erliegen
gekommen ist.


Entschuldigung für den langen Kommentar.

LG

 Bergmann (27.08.15)
Melodia:
Eine schöne und bereichernde, keineswegs zu ausführliche Ergänzung meiner Darlegungen, die auch zeigt, wie unterschiedlich Übersetzungen aus dem Chinesischen ausfallen können (müssen).
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