KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 22. Juli 2015, 20:44
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BRIEFE AN HERRN ANDRÉ ÜBER DIE LITERATUR (1)

472. Kolumne


1

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich schicke Ihnen einige neue Texte: „Totenblätter. Geschichten aus dem Menschenpark“ und „Schlachtbilder“. Vielleicht sind diese Kurzprosa-Stücke zur Veröffentlichung in Ihrer Zeitschrift geeignet. Mit freundlichen Grüßen Damonte


Sehr geehrter Herr André,
vielen Dank für die Nr. 3 Ihrer „Textur“!
Ich gewann in unserem Telefongespräch den Eindruck, Sie wünschten, dass ich Ihnen ungeschminkt sage, was ich von „Textur“ und dem ganzen Geschäft drumherum halte. Und da ich Immer-Neugieriger absolut frei bin und gerade Lust und Zeit habe, sage ich, was ich denke:
Das buchartige Heft ist handwerklich erstklassig gemacht: Layout und materiale Struktur. Kompliment!
Ganz enorm ist auch, was Sie in Mannheim alles auf die Beine stellen: „Forum Literatur“ usw. Alle diese Aktivitäten sind allerdings sehr am Schloß orientiert, also an einer ganz bestimmten gesellschaftlichen (Bildungs-)Schicht [„Weindegustation mit Michael Graf Adelmann, Patron des Weinguts Burg Schaubeck und Herr der ‘Brüsseler Spitzen’ ... Sektempfang mit Partybrezel und schwäbischem und ... französischen Wein... Eintritt 20,- Euro ... Bacchuszimmer im Ordensbau v. Residenzschloss Mannheim ... Am Flügel begleitet ...“].
Im Klartext gesagt: Das Ganze ist kaufmännisch ausgerichtet. Einerseits ist das (zumal aus Ihrer Sicht) völlig okay. Andererseits kriegen Sie so keine junge, keine wirklich gute Literatur - sondern: Sie bedienen als Dienstleister die Interessen einer bestimmten sozialen Schicht. Sie nehmen mit der „Textur“ nicht an der Weiterentwicklung des eigentlichen Literaturbetriebs teil. „Textur“ ist, leicht polemisch formuliert, das ‘Schmuckliteraturblatt zum Schloss-Weingut’ und der dazugehörigen zahlungsfähigen Degustationsgesellschaft.
Der literarische Inhalt kann mit der äußeren Form nicht mithalten.
Offen gesagt: Die meisten Autoren sind recht schwach und bieten nur ziemlich konventionelle, teils sogar recht sentimentale Verse oder Prosa, also nichts wirklich Neues, sondern längst viel besser Gesagtes und sogar viel Langweiliges bis hin zu gepflegten Gefühlsduseleien. Ich meine das überhaupt nicht böse. Ich weiß, dass Sie einen hochkomplizierten Balanceakt zwischen Kunst und Kommerz veranstalten, wenn Sie schwarze Zahlen schreiben wollen. Ihnen ist immerhin das kleine Kunststück gelungen, in der Zs. einigermaßen lesbare Texte zu versammeln, von denen keiner so schlecht ist, dass er peinlich wirkt. Das ist schon viel.
Ich finde zwei Beiträge ganz gut: Erstens und literarisch/sprachlich nach meiner Auffassung am besten: Albrecht Schau, Butzele [Sprachwitz! - nur: a wengele sär sär schbezjell schwäääbsch: Butzele! Aber: Grandioser Humor!]. Zweitens: Hans Albrecht Schwarz, Buckelhansgarten [das ist ganz einfach ein interessanter Bericht, sprachlich genau und zugleich stimmungsvoll].
Es fällt auf, dass Sie immer wieder die gleichen Lokalmatadoren des schönen Worts veröffentlichen (wollen). Das ist ziemlich ‘inzestuös’. Es ist fraglich, wie lange das (auch wirtschaftlich) gutgeht.
Es gibt viele Varianten der Verlagsarbeit, wie Sie sie betreiben. Sie machen das, glaube ich, sehr intelligent im regionalen Bereich, und Sie werden das sicherlich mit der Zeit auszuweiten versuchen, weitere Attraktions-Mittel finden, und das ist Ihr gutes Recht. Mit literarischer Kunst im engeren Sinn wird das aber auch in Zukunft nicht viel zu tun haben. Sie sind im Moment dabei, das immer genauer zu reflektieren und zu erkennen.
Sie werden geschäftlich immer stärker (erfolgreicher), wenn Sie die psychologischen, kommunikativen und insgesamt gesellschaftlichen Aspekte immer genauer in den Griff bekommen, oder aber schwächer, wenn Sie Ihr Liebhaberinteresse an der Literatur wirklich ganz ernst nehmen.
Damit wird aber auch klar, dass ich in solch einem schwierigen Balanceakt Ihr Autor nicht sein kann.
Ihnen alles Gute! Ihr Damonte

Sehr geehrter Herr André,
vielen Dank für Ihren Rundbrief, dem ich entnahm, dass Sie Texte von mir in der neuesten Ausgabe Ihrer Zeitschrift veröffentlichten, obwohl ich Ihnen im Februar zu bedenken gab, dass „ich in solch einem schwierigen Balanceakt Ihr Autor nicht sein“ könne - Sie haben mich aber tatsächlich auf Ihr Seil gestellt, und nun bin ich gespannt, wie ich in der dünnen Luft da oben das Gleichgewicht halte. Mit großer Freude las ich in Ihrem Info neben meinem Namen den des nicht unbedeutenden Lyrikers Holger Benkel, den ich sehr gut kenne und schätze, sodass er mich beim Lesen im Falle eines Falles vor dem Absturz bewahrt, wenn ich ihn nicht mit in den Abgrund reiße. Im Netz wachen wir dann wieder auf. Ich bin gespannt auf den Gang der Texte über das Seil.
Ihnen alles Gute! Ihr Damonte


Sehr geehrter Herr André,
ich beobachte den Gang der Texte über das Seil. Ich halte mich an Holger Benkel fest, der vor mir geht. Das Seil ist dick, und daher der Gang leichter als gedacht. Andere halten mit Mühe die Balance, sie gehen in einer Kette, jeder hält sich fest am anderen. Ein paar Texte stürzen vom schwankenden Pfad und fallen ins Netz... Sie wohnen alle in einem Schloss und schauen zu den schönen Fenstern heraus. Die meisten sind fein angezogen, nur wenige sind so schön, dass sie das beste Kleid tragen: Ihre Haut. Sie stehen am Fenster und sprechen zur Welt. Manche rufen lauter laute Sätze in die Luft, andere schreien, wieder andere flüstern, einige schwätzen, haben gar nichts zu sagen oder reden mit sich selbst. Und einige springen die Treppen hinab, laufen in die Stadt hinein, tanzen auf dem Seil und singen ihr Lied.
Meine Kritik an der letzten Ausgabe war sehr streng, mein Maß zu hoch. Ich will milder sein und relativer urteilen.
Vielen Dank für das Belegexemplar und Ihre Zeilen vom 30.6.!
Zum Thema „Prinzip Hoffnung | Hoffnungs-Schimmer“ habe ich kaum etwas, außer den „Schlangegeschichten“ (da müssten die relevanten Texte ausgewählt werden) und „Kautskys Nachtgesang“.
Ihnen alles Gute! Ihr Damonte


Lieber Herr André,
anbei die Korrektur. Auf Seite 32 fehlt ein Komma; Sie können aber auch für dieses und das nächste Komma Gedankenstriche setzen. Kautskys Gedanken will ich nicht mit „...“ markieren (üblich sind einfache Anführungszeichen), aber es ist ohne besser.
Sie haben auch für die Lieder, die Kautsky hört, Anführungszeichen hinzugefügt; damit bin ich einverstanden, weil es reizvoll ist und in der Logik meiner Geschichte liegt, die eigentlich imaginierte Welt der Toten real erscheinen zu lassen. Die beiden Schmuck-Initialen (S und I) sind in Ordnung, auch Ihre Absatz-Gestaltung gefällt mir. Das lockert den Text optisch gut auf.
Holger Benkel sagte mir, er habe Ihnen seine Rezension meiner Arthurgeschichten angeboten. Die Rezension ist viel zu lang, und Sie kennen die Texte gar nicht. Zum Kennenlernen füge ich eine Diskette bei, weil Ihnen die Schlangegeschichten, die zu Arthur gehören, so gefielen. Die Arthurgeschichten sollten schon vor zwei Jahren in Halle veröffentlicht werden, aber inzwischen glaube ich nicht mehr daran, weil die uräus-Presse, soweit ich weiß, völlig mittellos ist, schon seit Jahren kein Buch mehr herausbrachte. Ich ziehe dort mein Manuskript zurück.
Ich bitte um Streichung der entsprechenden Angabe in meiner „Vita“ auf Seite 38.
Ihnen alles Gute! Ihr Damonte


Lieber Fabian André,
vielen Dank für TEXTUR 5! Ich habe mich sehr über die gemeinsam gefundene Interpunktion und Ihre Textgestaltung meiner Geschichte gefreut. Danke auch für die Veränderung der biografischen Angaben.
Die erstaunlich umfangreiche Ausgabe finde ich formal wieder ganz außerordentlich gelungen. Ein richtiges Buch ist das geworden. Mir gefallen die Fotos von Frau Andrä, die sich wie ein roter Faden kritischer Hoffnung durch die Nummer ziehen.
Das Layout ist nie zu eindringlich, sondern sehr gewinnend, zum Lesen einladend und zugleich formal konsequent und erfreulich klar. Schrifttypen, Formatierungen, Absatzgestaltung, Rechtschreibung - das ist alles korrekt und überzeugend. Ich erwähne das, weil es heute längst nicht mehr selbstverständlich ist, auch nicht in allen großen Verlagen. Die formalen Dinge sind eben auch eine geistige Leistung.
Richtig beeindruckt bin ich von Ihrer Idee, die Verantwortung für diese Ausgabe teilweise abzugeben bzw. zu delegieren. Da haben Sie mit der engagierten Isolde Andrä ein besonderes Glück. Das Prinzip gemeinschaftlicher Gestaltung bei zugleich klarer Führung (Richtlinienkompetenz) scheint mir klug und effizient zu sein. So bleibt die Zeitschrift lebendig. Ich habe den Eindruck, dass Sie mit immer deutlicherem Erfolg die Qualität der Textbeiträge steigern.
Mit TEXTUR 5 ist Ihnen, finde ich, eine herausgeberisch und verlegerisch gute Nummer in der Landschaft der Literaturzeitschriften geglückt. Ich sage das nicht, weil meine kleine Geschichte drinsteht - sondern ich bin auch froh, dass sie in einer guten Umgebung steht.
Holger Benkels Gedichte - diesmal vermittelt durch zwei seiner (so typischen) Briefe, eine gute Idee! Sie sollten ruhig das Risiko eingehen, in einer der nächsten Ausgaben auch noch schwierigere Gedichte meines Freundes zu veröffentlichen. Er schreibt sehr beachtliche Traumgeschichten (er nennt sie Traumnotate), von denen möglicherweise die eine oder andere auch zum nächsten Thema passt.
Schwächere Autoren/Texte sind geblieben... Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie nicht leicht ist, manche regionale Autoren zu übergehen.
Wenn Sie die Herausgeberschaft noch stärker vom Ich zum Wir umgestalten, wird es leichter, die literarische Qualität zu steigern. Die vorliegende Ausgabe ist ein guter Schritt zu diesem Weg, denke ich. Ich wünsche Ihnen ein gutes und erfolgreiches neues Jahr, vor allem Gesundheit und Freiheit von aller Not! Herzlichst: Ihr Damonte

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Graeculus (69)
(01.09.15)
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 Bergmann (01.09.15)
kv ist nicht mein Lebenselixier.
Schreib erst mal 500 Kolumnen, ehe du von (m)einer Sommerpause redest!
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