KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 20. Februar 2016, 15:16
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Über den Konjunktiv

498. Kolumne


Seltsam finde ich übertriebenes Festhalten am redundanten Formaleinsatz beim Schreiben und Sprechen.
In dem Satz „Morgen werde ich nach Köln reisen“ z. B. ist eine Doppelung des Futurs. In anderen Kommunikationssituationen, wo das Konjunktivische klar ist, würden gehäufte Konjunktive stören, weil umständlich und fast schon belehrend wirkend. Ich denke, heute ist die lückenlose Verwendung des Konjunktivs tatsächlich oft demonstrativ und eigene Überlegenheit im Dialog mit anderen (auch dem Leser gegenüber) erheischend.
Ästhetisch betrachtet stört mich das gezierte und manierierte Schreiben und Reden. Die Ersetzung von Konjunktivformen durch würde + Infinitiv wird von den Grammatik-Puristen vollkommen zu Unrecht als schlechtes Deutsch stigmatisiert.
Und die Angst der Formalfreaks vor Sprachverlust ist ja wohl das Erbärmlichste.
Ergo: Die Hommage an den Konjunktiv ist ein nostalgischer Rückblick auf den Lateinunterricht in Sexta, Quinta, Quarta. Habt Dank, ihr Retter des Abendlands, dass ihr mir wieder bewusst macht: Wie wunderbar sind die Stilwandlungen der letzten Jahrzehnte gegenüber der akademischen und gymnasialen Sprachhuberei von einst!

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (26.02.16)
Lieber Uli,
alles, was du hier wiederholst, hattest du in dem Thread zu meinem Beitrag "Die Konjunkdiva erzählt" schon einmal gesagt.
Für den Fall, dass sich jemand nicht mehr so genau erinnert, kopiere ich unseren Diskurs dazu aus dem o. a. Thread hierher:

Kommentar von Bergmann (08.02.2016)
Wenn du mir hülfest, hälfe ich dir auch, aber ich tät dir auch helfen, wenn du mir nicht helfen würdest. Also: Wenn du mir hilfst, helfe ich dir auch.
EkkehartMittelberg meinte dazu am 08.02.2016: Abgesehen von dem Schmankerl "Ich hälfe, du hülfest", könnte man fragen: Warum der verschnörkelte Konjunktiv in dem ersten Konditionalgefüge, wenn es der Indikativ wie in dem zweiten auch tut? Deshalb, weil es inhaltlich ein feiner Unterschied ist. Dem ersten könnte vorausgehen: Ik weeß ja nich, aber: Wenn du mir hülfest, hälfe ich dir auch. Vor dem zweiten könnte stehen: Alles klar. Wenn du mir hilfst, helfe ich dir auch.
Merci, Uli, es lebe der Konjunktiv!
Bergmann antwortete darauf am 09.02.2016: Nee nee, so leicht isses nich.
Die chinesische Sprache kommt ohne Konjunktivformen aus. Die deutsche schaffte (!) das auch.
loslosch schrieb daraufhin am 09.02.2016: liebhaber nach dem akt: wenn ich gewusst hätte, dass du noch jungfrau gewesen warst, hätte ich mir etwas mehr zeit gelassen. sie: wenn ich gewusst hätte, dass du noch zeit gehabt hättest, hätte ich mir die strumpfhose ausgezogen.

wie funktioniert das auf chinesisch?
Bergmann äußerte darauf am 09.02.2016: Auf Chinesisch mit so viel wie nötig eingesetzten Zeichen für Geltung, Modus, Konjunktiv - im gepflegten Hochdeutsch mit so viel wie möglich von allem.
EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 09.02.2016: Ich kann kein Chinesisch, entnehme aber deiner Antwort an Loslosh, dass auch die chinesische Sprache nicht ohne Zeichen für"Geltung, Modus, Konjunktiv" auskommt. Ich kann keinen Grund erkennen, weshalb die deutsche Sprache auf ihr differenziertes Repertoire verzichten sollte.
Bergmann meinte dazu am 09.02.2016: Mein lieber, natürlich lassen wir nicht auf unsere Konjunktivformen verzichten. Aber wir können sie reduziert einsetzen, das genügt zum Verständnis, und ist auch stilistisch wesentlich günstiger. Nur das ist meine Haltung.
loslosch meinte dazu am 09.02.2016: konjunktiv ist bereits ein modus. komisch.
Bergmann meinte dazu am 09.02.2016: Komisch finde ich übertriebenes Festhalten an Formaleinsatz beim Schreiben und Sprechen.
Im Satz "Morgen werde ich nach Köln reisen" z. B. ist eine Doppelung des Futurs. In anderen Kommunikationssituationen, wo das Konjunktivische klar ist, würden gehäufte Konjunktive stören, weil umständlich und fast schon belehrend wirkend. Ich denke, heute ist die lückenlose Verwendung des Konjunktivs tatsächlich oft demonstrativ und eigene Überlegenheit im Dialog mit anderen (auch dem Leser gegenüber) erheischend.
Ästhetisch betrachtet stört mich das gezierte und manierierte Schreiben und Reden. Die Ersetzung von Konjunktivformen durch würde + Infinitiv wird von den Grammatik-Puristen vollkommen zu Unrecht als schlechtes Deutsch stigmatisiert.
Und die Angst der Formalfreaks vor Sprachverlust ist ja wohl das Erbärmlichste.
Ergo, lieber Ekkehart: Sollte deine Hommage an die Konjunkdiva (ein Wortspiel auf Kosten der Rechtschreibung und Lautung, ganz nebenbei bemerkt) tatsächlich eine Liebeserklärung an die Konjunktivformen sein und dazu vielleicht auch nostalgischer Rückblick auf den Lateinunterricht in Sexta, Quinta, Quarta - dann rufe ich euch zu: Habt Dank, ihr Retter des Abendlands, dass ihr mir wieder bewusst macht, wie wunderbar die Stilwandlungen der letzten Jahrzehnte sind gegenüber der akademischen und gymnasialen Sprachhuberei von einst!
EkkehartMittelberg meinte dazu am 09.02.2016: Gegen die zurückhaltende Verwendung eines Stilmittels habe ich natürlich nichts. Das gilt freilich nicht nur für den Konjunktiv.
EkkehartMittelberg meinte dazu am 09.02.2016: Unsere letzten Kommentare haben sich überschnitten, Uli. Du solltest den thread vorher lesen, bevor du spekulierst. Weiter oben stand dies:
"Lieber Graeculus,
ich mag nicht vorbehaltlos in den Chor von Sprachpuristen einstimmen (Du gehörst nicht dazu), weil die Sprache so lebendig ist, dass sie Ersatzformen bildet, wenn die alten schwinden.
Das schaffen auch die Fußballer, die den Konjunktiv fast ganz meiden:
Wenn wir das entscheidende Tor schießen, führen wir 1:0.
Die Logik der Kommunikation funktionierte vielleicht selbst dann noch, wenn der Konjunktiv ganz abgeschafft würde. Aber die Sprache verlöre an Schonheit."
(Antwort korrigiert am 09.02.2016)
loslosch meinte dazu am 09.02.2016: ich schwüre, dass der konkunktiv bleibt. oder: ich würde schwören, dass der konkunktiv in würde stirbt, nämlich durch das hilfsverb "werden" ersetzt wird. aber nicht immer. beispielsatz: wenn er kommen würde, würde ich ihn nicht hereinlassen. (unschön, daher: sollte er kommen, werde ich ihn nicht ...)
Bergmann meinte dazu am 09.02.2016: Na gut, das geht jetzt so langsam in die richtige Richtung.
:-)
EkkehartMittelberg meinte dazu am 09.02.2016: "Aber man schwämme in Selbstmitleid, gewönne keine Achtung und hülfe sich selbst nicht, dächte man nur larmoyant über die alten Zeiten nach."
Das ging von Anfang an in die richtige Richtung.
Graeculus (69)
(27.02.16)
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Graeculus (69)
(27.02.16)
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Graeculus (69)
(27.02.16)
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