Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 25. Juli 2012, 23:49
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Das Imperium schlägt zurück ...

von  Lala


Kurz bevor ich Zwölf geworden war, war ich mit meinen Eltern und meiner Familie in der Stadt gewesen. Im Kino. Genauer gesagt: im Westberliner Zoopalast. Und wir haben uns „Das Imperium schlägt zurück“ angeschaut.

Ich weiß noch wie heute, wie ich von der Musik erschlagen worden bin und mit offenem Mund den großen, gelb umrandeten Lettern auf schwarzen Grund folgte.   Es war einmal vor langer Zeit … die Rebellen flüchteten kreuz und quer … aber tausende Sonden des dunklen Fürsts verfolgten sie … und dann jagte man in Cockpitperspektive eines futuristischen Gleiters über eine bucklige Eiswüste. Das Ganze auch noch in Farbe und in Stereo!

Farbe und Stereophonie waren damals, in den eigenen vier Wänden, nicht selbstverständlich. Und wenn man die Hausantenne auf DDR 1 oder DDR 2 eingedreht hatte und am Fernsehgerät die entsprechenden Programmschalter mechanisch und manuell eindrückte, war noch jahrelang, aber nicht aus ideologischen Gründen, sowieso alles schwarz und weiß. Das Farbfernsehen der DEFA war eben auf das SECAM System eingestellt und nicht auf das westdeutsche PAL. Kurzum: de r Kinobesuch und der Besuch des damals trick-, bild und soundtechnisch innovativsten Film flashten mich kolossal.
Der abendliche Ausflug in die City im Fond des Autos meines Vaters mit dem Besuch des Star Wars Films war meine persönliche Mondlandung. Ich war jung und unerfahren. Kurz darauf wurde ich Zwölf, hatte freien Ausgang und genug Geld für eine Kinokarte in meiner Tasche.

Aus tiefster West-Berliner Provinz fuhr ich zum ersten Mal alleine, frank und frei, wenn nicht befreit, in Richtung City. City? Naja, eigentlich in die Stadt, denn da wo ich wohnte und die Linien 34 oder 35 damals endeten, da war schon damals keine Stadt gewesen. Mit Bus und U-Bahn, der Linie 1, brauchte man über eine Stunde bis zum Zoo. Bis in die Gegend wo es Kinos gab. Leben. Die grüne Zone. Westlich vom Zoo? Gab es damals nichts. Außer Spandau. Spandau war das unentdeckte Land. Spandau war der Wüstenplanet Tatooin des niemals schlafenden Westberlins. In dieser lebensfeindlichen Einöde stand ich als kleiner, zwölfjähriger Junge mit dem Plan ins Kino zu kommen und die gelbe Schrift, die sagenhafte Musik und das Schweben über die Eiswüste wieder zu erleben.

Schon der Trip oben in der ersten Reihe, direkt vor den Frontscheiben, im 35er Doppeldecker Bus bis nach Ruhleben, erschien mir wie eine Reise in einem rumpligen Weltraumtransporter. Wie dem des Millenium Falcon von Han Solo. Alles, ob Bus, Bahn oder Wartezeit, gerierte für mich zum Abenteuer und mir war vor Aufregung fast schlecht, als ich das Ziel meiner Träume, den Zoopalast endlich erreicht hatte.

Aber schnell bemerkte ich, dass der Zauber weniger Wochen zuvor, das abendlich, festliche Ambiente verflogen war. Nicht Kino Eins oder Zwei, sondern bloß Kino Acht oder Neun, dazu an einem schmuddeligen Februar am frühen Nachmittag, das machte nicht mehr so viel her. Erst recht, als ich in einem fast leeren, verrauchten, stinkigen Kino saß und die Leinwand mir nur halb so groß erschien wie beim ersten Mal. Trotzdem stellte sich der Zauber wieder ein, als auf der Leinwand die magische Formel erschien: Es war einmal vor langer Zeit …

Nach der Hälfte des Films habe ich das Kino wieder verlassen und bin mit dem 94er und 34er wieder nach Hause gefahren. Nach Spandau. Heute liegt Spandau gleich hinter Ikea* und hat ein Cineplex. Mit Brille sogar in 3D.



*So singt es Horst Evers in seinem Spandau Lied zur Melodie von Petula Clarks Downton. Hörenswert.

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (26.07.12)
Schöner Text über eine persönliche Kino-Initiation, von dessen Qualität sich einige kVler hier eine dicke Scheibe abschneiden können: Der Ich-Erzähler steht zwar im Mittelpunkt, der Text verkommt aber nicht zu einer gestelzt geschriebenen, gefühlsduseligen Nabelschau voller Banalitäten.
Vor Jahren schrieb ich für eine kleine Zeitschrift (Titel inzwischen vergessen) einen Artikel über meine eigene Kino-Initiation, die zwar anders verlief, aber durchaus Ähnlichkeiten hat...

 Lala (26.07.12)
Dieter
Danke für das Lob. Freut mich wenn Dir der Text gefällt. Könnte vieleicht jeder mal von uns sein erstes Kinoerlebnis verfassen? Das wird sich finden.

Magenta
Das Scheitern der Wiederholung und damit das Vergängliche, Unwiederbringliche davon wollte ich erzählen - scheint bei Dir gut angekommen zu sein und das freut mich sehr.

 Dieter_Rotmund (27.07.12)
Durch 2-3 Berlinale-Besuche ist mi auch der Zoopalast etwas vertraut, aber am schönsten war es im "International"...
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