Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Montag, 22. April 2019, 11:35
(bisher 15.386x aufgerufen)

Pleite nach Stadionbesuch?

von  Dieter_Rotmund


Seit einiger Zeit gibt es den Begriff der Eventisierung. Es ist ein Kunstwort, im Kern der englische Begriff event (Ereignis, Geschehnis, Veranstaltung), die um eine typisch deutsche Erweiterung ergänzt ist, "eingedeutscht", wie man so schön sagt.
Unter Eventisierung versteht man, ein an sich normales Ereignis um so viele Show-Elemente zu erweitern, dass es zu einem Publikums-Ereignis mit Unterhaltungswert wird. Ein Beispiel aus der Hobbyliteratenszene: Die ganz normale Amateur-Lesung wurde inzwischen fast ganz vom der Veranstaltungsform Poetry Slam abgelöst. Dort tritt die Qualität der vorgtragenen Texte in den Hintergrund. Wichtig wird die Oberfläche, wie sich die Poetry Slam -Redner(innen) präsentieren und wie viele "Buddies" sie mitgebracht haben, die für sie Stimmung machen. Es gewinnen dort also eher klassische Rampensäue mit Comedy-Bezug als die verschüchterten Mauerblümchen mit hermetischen Gefühlsgedichten.
Das kann man mögen oder nicht, es ist ein gutes Beispiel für den Begriff der Eventisierung. Auch auf anderen Gebieten gibt es das, z.B. bei Popmusikkonzerten, die inzwischen für die Auftritte ihrer bekanntesten Protagonisten dreistellige Eintrittspreise verlangen - und die auch gezahlt werden. kV-Kolumnist Blackheart hat vorgestern in seiner wöchentlichen Kolumne darüber berichtet.
Ein ähnliche Entwicklung gibt es auch beim Fußball. Jüngst veröffentlichte der Europäische Fußballverband ein Ranking, das darüber Auskunft gibt, wie viel ein durchschnittlicher Stadionbesuch (zu einem Spiel) kostet. Keine Überraschung ist, dass in dieser Aufzählung die englischen "Clubs" drei der ersten vier Plätze belegen. Es gab auf der Insel schon gesamte Fan-Abwanderungsbewegungen zu den Spielen niedrigklassiger Mannschaften (die WDR-Sendung "sport inside" berichtete darüber). So etwas in dieser Art wird es in Deutschland nicht geben. Der Grund liegt nicht daran, dass ein Stadionbesuch in Deutschland "vergleichsweise günstig", so der passende Euphemismus, ist. Sondern daran, dass in Deutschland die Arbeitnehmer genug Geld verdienen, oder um es mit Arno Geiger (Bremer Literaturpreis, jüngst!) zu sagen: Es geht uns gut.
Mein persönlicher erster Impuls angesichts des Rankings war Empörung. 44,90 Euro für einen Besuch eines Spiels der Profkicker des Hamburger SV? Bayern München sogar 72,20 Euro! Und das achso bodenständige arbeiterklassige Gelsenkirchen immer noch 31,60 Euro?! Wohlgemerkt, die Liste bezieht sich nur auf Ticketpreise, das schale Bier im Plastikbecher und eine fade Bratwurst sind da nicht inbegriffen. Und nicht inbegriffen ist auch die aggressive Stimmung im Stadion und das sicherlich nicht freudige hohe Polizeiaufkommen (in martialischer Schutzkleidung) vor dem Stadion.
Aber meine Empörung ist verfehlt. Will sagen: Es gibt eigentlich keinen Grund empört zu sein. Wenn der durchschnittliche Stadionbesucher diese Preise zahlen kann und die typischen Unannehmlichkeiten dafür in Kauf nimmt, dann hat er die Freiheit dies zu tun. Vielleicht ist auch meine Sicht deswegen einfach vernebelt, weil ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nur mit Pressekarte ins Stadion gehe. Und vor allem: Ich unterschätze wahrscheinlich die sog. Lagerfeuer-Qualität eines solchen Stadionbesuchs: Denn am Montag kann man sich im Büro mit fast allen über diese Spiel unterhalten. Auch die, die nicht live vor Ort gewesen sind, habe zumindest das Ergebnis mitgekriegt, man bekommt dieses ja nolens volens ungefragt überall mitgeteilt.
"Warsch uffm KSC?"(hochdeutsch: " Warst Du beim KSC?") heisst dann zum Beispiel in der Region Karlsruhe die typische Büroflur-Frage. Gemeint ist aber nicht die Jahreshauptversammlung des Vereins, sondern das jüngste Heimspiel der Profikicker-Mannschaft. Und dort live vor Ort gewesen zu sein, hochbezahlten Sportsöldnern und aufmerksamkeitsdefizitären Holigans zuzusehen, das ist offenbar einfach alles in allem bis zu 100 Euro wert. Nun gut, warum auch nicht. So, what? So, what!

(Grafik: statista)

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Didi.Costaire (14.02.19)
Beim KSC in der 3. Liga wird es nicht ganz so teuer sein, aber es ist erschreckend, wie viele Leute diesen Eventisierungs- und Kommerzialisierungswahnsinn mitmachen, nicht nur in Bezug auf Stadionbesuche, sondern auch auf Bezahlfernsehen.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 14.02.19:
Ich denke, das ist ein Ausgleich zum ansonsten öden Angestellten-Job?
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram