Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Donnerstag, 07. Februar 2019, 12:48
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Gundermann

von  Lala


Eine große Überraschung war für mich der Film   Gundermann von  Andreas Dresen. So richtig warm bin ich mit den bisherigen Filmen von Dresen nicht geworden. Das was Dresen beschäftigte, beschäftigte mich (grad) nicht. Ein Achselzucken und ein interessiert mich nicht wirklich, hatte ich bislang für seine Filme übrig. Ob die nun wirklich gut oder schlecht sind, kann ich daher auch nicht sagen. Im Gegensatz - zum Beispiel – zum Wenders Film  „Paris, Texas.“ Der Film ist schlicht  "Örks" und das kann ich gerne auch nochmal in epischer Breite ausführen.

Dresens Filme habe ich erst gar nicht gesehen, weil’s mich nicht interessierte. Anders bei Gundermann. Irgendwie war mir der Typ, Gundermann, in der Wendezeit aufgefallen. Ich wusste, als der Film erschien: Ach, das ist doch der Baggerführer, der Liedermacher und IM aus der Lausitz. Sein Lied „Linda“ kannte ich auch. Witzigerweise im Gegensatz zu einer mir sehr, sehr nahestehenden Person, die in der Lausitz geboren und dort aufgewachsen ist. Sie kannte den nicht.

Da der Hauptdarsteller, Alexander Scheer, Gerhard Gundermann stark ähnelt und durch seine musische Begabung geradezu wie eine Reinkarnation des früh verstorbenen Gerhard Gundermanns wirkt, habe ich mir den Film angesehen und war zwei Stunden lang gefesselt. Man muss sich vielleicht etwas daran gewöhnen, dass Dresen in der Biographie von Gundermann hin und herspringt. Mal Vorwendezeit, mal Nachwendezeit und ganz viel Leben und Liebe zwischen diesen Zeiten, sprich in der DDR. Die war eben während ihres vierzigjährigen Lebens nicht nur Hotel Lux und Stalinismus.

Michael Gwisdek, einer der profiliertesten Schauspieler in der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland, beschrieb den Knast und die Diktatur der SED sinngemäß so, dass er, der Berliner, als er sich gewahr wurde, dass er den Absprung in den Westteil verpasst hatte, tagelang depressiv gewesen war und dann sein Leben in der DDR begonnen hat mit Geburtstagen, Feiertagen, Hochzeiten, Zielen. Er richtete sich ein und führte ein normales Leben. Spielte man mit und haute nicht zu sehr auf die Pauke, erlebte man ein stinknormales, spießiges wie normales deutsches Leben.

Wie brutal das System zuschlagen und auch noch mit Sippenhaft bestrafte, steht außer Frage. Die Funktionäre waren paranoid, trauten ihrem Volk nicht, bespitzelten es, waren mörderisch nachtragend bei Liebesentzug und Ausreise. Aber dennoch gab es – trotz dieser psychotischen Ausschläge einer Funktionärsclique mit angeschlossenem Repressionsapparat - einen Alltag ohne Angst – mit Campen am Balaton statt am Ballermann.

Pervers? Ganz sicher pervers. Aber das sollte uns heute und hier auch nicht so unbekannt sein, in einer perversen Situation zu leben und sich in dieser eingerichtet zu haben. Der MDR spult die alten Defa-Serien über Tramfahrerinnen, Seekapitäne, Ärzte, Piloten, Krankenschwestern, alleinstehende Papis im Alltag der DDR immer und immer wieder ab und das Sandmännchen darf auch nicht fehlen.

Wer jetzt glaubt, dass Dresens Film auf Kuschelkurs mit der DDR und dem IM Gundermann gegangen ist, der irrt. Diese in vielen Teilen gebrochene Biographie, dieser Scherbenhaufen des Gerhard Gundermanns, wird an keiner Stelle verkitscht und verkittet.

Uneingeschränkten Tribut, Anerkennung zollt Dresen der Musik von Gundermann. Den Liedern und den Texten. Und ich finde auch, dass die hörenswert sind – so wie Bob Dylan oder dessen Management. Gundermann war 1994 im Vorprogramm von Dylan.

Ansonsten – und deshalb springt der Film auch vor und zurück – bleibt die Biographie ein Scherbenhaufen und in der stärksten Szene des Films, einer Szene wo es der Figur Gundermanns vis-a-vis um Entschuldigung geht und der Zuschauer auch weiß was Gundermann damit verbindet, was eine Ent - Schuldigung ihm bedeuten würde, bleibt der Film sich und allen seinen Figuren treu. Und. Das. Ist. Stark. So wie im Film – nötigt das Respekt ab.

Respekt, weil man die Zwiespältigkeit des Systems, des Lebens im System, die Naivität, die Feigheit, Widerlichkeit wie Heldenhaftigkeit in vielen Szenen, vielen Scherben dieser Vita des Gerhard Gundermanns beobachten durfte.

Diese Rezension schreibe ich auch hinsichtlich der gerade schwelenden Debatte um „Das Leben der Anderen“ und Christoph Heins Kritik daran. Da ich „Das Leben der Anderen“ nicht gesehen habe, werde ich mich nicht weiter über den Film einlassen. Aber ich habe die Einlassungen von Christoph Hein zum Film gelesen und fühle mich bestärkt darin, dass der Film „Gundermann“ die DDR und das Leben in der DDR, in diesem anderen und doch nicht so anderen deutschen Staate, sehr gut vermittelt.

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (07.02.19)
Hmmm. Ich bin eher mit dem Frühwerk Dresens vertraut und habe ihn mal rauchend auf dem Bahnsteig im Karlsruher Hauptbahnhof stehen sehen. Ich schätze sein Frühwerk sehr, besonders Halbe Treppe beide Wiechmann-Film und Sommer vorm Balkon und Halt auf freier Strecke ist auch super.
Aber inzwischen bin ich mit DDR-Themen übersättigt, muss ich sagen. Den extrem melancholischen Paris, Texas fand ich super, allerdings damals, als er neu war. Keine Ahnung, wie ich heute über ihn urteilen würde. Kürzlich sah ich Tykwers Der Krieger und die Kaiserin wieder und bin nicht mehr ganz so begeistert. Nun, ja.
Warum Hein nach so vielen Jahren nun meckert und nun auch Richter an Werk ohne Autor, wer kann mir das erklären? Ist doch albern.

P.S.: "um Entschuldigung geht" wirkt etwas arg sperrig, oder? Geschmeidiger ist "um Entschuldigung bittet". Dass er dafür vielleicht ein paar Schritte nach vorn trat, ist eher unerheblich.

Kommentar geändert am 07.02.2019 um 15:28 Uhr

Kommentar geändert am 07.02.2019 um 15:38 Uhr

 Willibald (12.02.19)
Dresens Film scheint mir ein Meisterwerk zu sein, das Buch, die sorgfältige biografische Recherche, die Besetzung der Hauptrolle mit Alexander Scheer (vielleicht einigen noch bekannt aus der "Sonnenallee") und, und, und...

Hier ein bisschen weg von Details der Filmstruktur, aber wohl ergiebig für Dresens Einstellung:

Andreas Dresen, der Regisseur, im Gespräch mit Birk Meinhardt

Als Gundermann das Perverse, das Faule im Staate bemerkte, ist er ausgestiegen und wurde selber bespitzelt.

Darüber hat er später kein Gewese gemacht. Wäre ja noch schöner, könnte man jetzt sagen, möchte sein, dass er nicht im Nachhinein noch rumgetönt hat. Aber das Weiterreichende ist: Er hat sich gestellt. Er ist zu Leuten hin, die er bespitzelt hat. Er hat es beim Konzert seinem Publikum gebeichtet. Und als er dann beim Interview im SFB saß, vor Anne Will und Andreas Schneider, die darüber offenbar nicht Bescheid wussten und ihn fragten, warum er sich nicht seinen Fans mitgeteilt habe, erzählte er es nicht. Seltsam, er hätte die Karte locker spielen können. Wahrscheinlich hatte er eine tiefe Abneigung, sich auch nur ansatzweise als Helden zu stilisieren.

Vielleicht war es auch eine Verteidigungshaltung, eine neue Konsequenz, ein trotziger Stolz: Nicht vor euch mit euren so völlig anderen Leben will und muss ich mich verantworten, sondern vor mir.

Mag sein, sicher. Und es geht noch weiter. Er wird in der Sendung auch nach dieser Geschichte mit dem Armeegeneral Hoffmann befragt, auf den er wegen seiner tiefen Abneigung gegen jeden Personenkult kein Loblied hatte singen wollen; diese Weigerung war ja der Hauptgrund dafür gewesen, dass er von der Offiziersschule gegangen ist oder gegangen wurde. Und diese Episode kannten die Journalisten. Darum fragten sie danach. Weil sie so schön ist und sie sie dem Publikum weiterreichen wollten. Aber Gundermann stieg einfach nicht darauf ein. Auch diese Karte ließ er stecken. Das ist schade. Und das ist auch herrlich. Das hat eine ganz andere Größe, als sie zum Beispiel ein Ibrahim Böhme gehabt hat. Ich habe ein Theaterstück über den gemacht. Der hat schränkeweise Spitzelberichte der schlimmsten Art geliefert, und hat es bis ans Ende seines Lebens geleugnet: Das ist zwar meine Schrift, aber das habe ich nicht geschrieben. Das ist zwar meine Stimme, aber das habe ich nicht gesprochen.

Sie sind der Sohn des Regisseurs Adolf Dresen, der im Zuge der Biermann-Ausbürgerung das Land verlassen hat, Ihr Ziehvater war der auch aufrührerische Christoph Schroth, allein deswegen liegt die Frage nahe: Waren Leute auf Sie angesetzt?

Das ist schnell zu beantworten, ja. Aber wie gehen die Leute später damit um? Welche Konsequenzen ziehen sie für ihr Leben? Ich musste während der jetzigen Film-Arbeit oft an eine Situation Anfang der neunziger Jahre denken: Bei mir erschien mein engster Freund aus der Schulzeit, der wohnte in Mecklenburg. Abends um zehn steht er plötzlich mit einer Flasche Rotwein vor meiner Tür in Babelsberg. Wir setzen uns in die Küche, und er sagt, ich hab dich bespitzelt, all die Jahre hinweg. Da geschah etwas Seltsames: Ich kam mir blöd vor. Weder hatte ich Einsicht in meine Akten beantragt, noch war der Freund sonstwie unter Druck, er war wirklich aus freien Stücken gekommen. Und ich fühlte mich auf einmal in die Rolle des Richters gedrängt. Ich konnte ja schlecht sagen, schön, dass du gekommen bist, danke, und jetzt weiter wie vorher. Andererseits konnte ich ihn nicht rausschmeißen. Wollte ich auch nicht, denn sein Mut verdiente Respekt. Bestimmt ein Jahr haben wir versucht, die Freundschaft zu retten, doch es glückte nicht. Der Vertrauensbruch ging zu tief. Ich erinnere mich an unser letztes Gespräch auf seinem Balkon. Wir kamen wieder auf die Frage, warum, und er sagte, es ging um die Sache, da musste man manchmal solche Entscheidungen treffen. Ich erwiderte, man darf sich einer Sache wegen doch nicht über jede Moral erheben. Er rechtfertigte es weiter. In dem Moment bin ich aufgestanden und gegangen. Was ist denn mit der nächsten, mit irgendeiner anderen Sache? Setzt man sich für die auch wieder über alles hinweg?

Andreas Leusink (Hg.): Gundermann. Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse ... Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christian Links Verlag 2018, S. 132f.
Cora (29)
(12.02.19)
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 Willibald (12.02.19)
Dann für Neugierige:

(1) Hintergründe

 (mdr)
 (heute journal)

(2) Lied. Und musst du weinen

 
(Und musst du weinen)


greetse
ww

Und wenn der Alte geht,
dann kriegste seine Werkzeugtasche,
die blanke Schienenzange und die Thermosflasche.
Und musst du weinen,
dann liebe einen Mann,
doch liebe keinen, doch liebe keinen,
doch liebe keinen von der Eisenbahn.

Und wenn die Alte geht,
dann kriegste ihre Badewanne,
die Fingernagelbürste und die Fliederteekanne.
Und musst du weinen,
dann liebe eine Frau,
doch liebe keine, doch liebe keine,
doch liebe keine ausm Tagebau.

Die haben harte Hände und ein hartes Herz,
die streiten ohne Ende und die sterben früh.
Die suchen ein Vergnügen und finden nur den Schmerz.
Die können lügen, aber leben können die nie.

Verbrenn die armen Träume,
reiß das Häuschen nieder,
verkauf das Holz der Bäume und den Duft vom Flieder.
Und willst du reich sein dann liebe dir ein Kind,
doch lass es weich sein,
so butterweich sein,
wie deine Alten nie gewesen sind.

Die haben harte Hände . . .

Kommentar geändert am 12.02.2019 um 16:11 Uhr
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