Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Donnerstag, 21. Mai 2020, 12:31
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Von Kausalität und Komplexität

von  Dieter_Rotmund


Gastkolumne von  Tangalur

“Was? Wovon redet der? Kausalität und Komplexität? Was hat das mit Filmen zu tun?” - Viel. Aber vielleicht fangen wir nicht am Ende an, sondern am Anfang.

Derzeit gibt es kein Thema, das die Menschen mehr beschäftigt, als dieses winzige Ding mit dem Namen “SARS-CoV-2”. Auf den sozialen Medien herrscht Krieg - aber hier wird nicht mit ballistischen, chemischen oder biologischen Waffen gekämpft, nein, es herrscht eine wahre Infodemie. Bill Gates will alle Menschen chippen lassen? Der Lockdown ist eine Lüge? Was für ein Film epischen Ausmaßes!

Doch stellt sich mir die Frage: woher kommt das? Also, nicht dass es das Hauptthema ist - man hat ja sonst nix mehr, worüber man reden kann. Sondern wieso werden jetzt all diese Verschwörungstheorien laut? Ist den Menschen langweilig, weil sie nicht mehr ins Kino dürfen? Jein. Langeweile ist sicherlich ein Faktor in dem ganzen Trauerspiel, jedoch nicht der einzige. Angst und mangelnde Informationen stehen auch ganz oben auf der Liste. Aber sind wir damit schon am Ursprung der Kausalitätskette? Und endlich beim Thema Film angelangt?

Nein. Und ja! Ein guter Film lebt ja bekanntlich von einem Spannungsbogen. Aber wie funktioniert so ein Spannungsbogen? Wieso kann man Spannung aufbauen? Ein Teilaspekt dessen, den wir uns jetzt ansehen wollen, ist die Verfügbarkeit von Information. Die Spannung einer Handlung lebt davon, dass der Zuschauer relevante Teile der Informationen nicht kennt. Ich rede hier nicht von einem MacGuffin, dessen eigentliche Funktion nur darin besteht, zu existieren - sondern von wirklich wichtigen Informationen. In einem klassischen Krimi muss der Zuschauer mit den wenigen Informationen, die dem Ermittler zur Verfügung stehen, auskommen. Das macht den Hauptteil der Spannung aus. Wer hat Heinz Müller warum wie ermordet? Am Ende kommt man meist auf einen relativ einfachen Zusammenhang aus Ursache (Motiv) und Wirkung (Mord).

Nun hat ein guter Film aber noch eine weitere Eigenschaft: man schaut ihn sich auch gerne mehrmals an. Der Spannungsbogen alleine kann nicht Grund dafür sein. Man kennt die Handlung, diese Luft ist jetzt raus. Und dennoch gibt es Dinge, die dazu führen, dass man sich sogar einen klassischen Krimi, dessen Lösung man bereits kennt, mehrmals anschaut. Nun, herzlich Willkommen in der Welt der Komplexität. Ein guter Krimi lebt nicht von seinem Plot. “Lieschen Meier hat Heinz Müller aus Eifersucht mit dem Messer erstochen” habe ich vermutlich schon in locker 200 Varianten gesehen. Das, was einen Film lebendig macht, sind die vielen Dinge darumherum: Charakterentwicklung, Detailreichtum am Set, “Nebenquests” und versteckte Abhängigkeiten. Diese Dinge bewirken, dass wir gute Filme immer wieder ansehen, unter anderen Gesichtspunkten, und immer wieder Neues in ihnen entdecken - denn wir können gar nicht alle Details, alle Zusammenhänge auf einmal erfassen.

Genau so geht es uns nun auch mit Covid-19. Die Ursache-Wirkungsbeschreibung “da ist ein Virus und macht uns krank” ist altbekannt. Das wichtige ist: wie verhält es sich? Wie breitet es sich aus? Jede Analyse, jede Studie kann ein so komplexes System nur aus einem Blickwinkel betrachten, nur einzelne Aspekte untersuchen. Jede Studie verbessert das Bild, und hilft uns, die vorherigen Informationen genauer zu bewerten und besser zu verstehen. “Der Lockdown war unnötig” streitet gegen “der Lockdown musste genau so passieren” - doch die Welt ist nicht schwarz und weiß, Die Welt ist bunt. Sicherlich wird man Aspekte finden können, die unnötig waren. Genauso wie Teile der Maßnahmen maßgeblich zur Eindämmung beigetragen haben.

In diesem Sinne möchte ich nun alle Leser dazu auffordern, selbst darüber nachzudenken, und sich ein differenziertes Bild zu schaffen. Versetzt euch in die Positionen der Anderen, betrachtet die Sache aus einem anderen Blickwinkel, und diskutiert konstruktiv, nicht destruktiv. Zusammen schaffen wir es, das “Jahrhundert der Komplexität” zu überstehen!

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Willibald (21.05.20)
Das ist eine anregende Aufhellung der Spannungsdiskussion.
Zweifellos haben es die Details in sich und reizen uns zu wiederholtem Schauen. Allerdings mag da eine Ergänzung angebracht sein, auch die bekannte Haupthandlung lässt uns manchmal oder oft in der Wiederholung nicht los. Warum?

Wider besseres Wissen bangt der Zuschauer auch beim vierten Mal Baz Luhrmann "Romeo und Julia" um die beiden und hofft auf ein glückliches Ende. Und er weint zum wiederholten Male.

Vermutlich kann unser menschliches Bewusstsein die emotionale Fokussierung nicht ausschalten. Die sympathische Identifikationsfigur und unser Gerechtigkeitsbedürfnis (das Leben möge fair mit guten Menschen umgehen) narkotisieren unsere rationalen, kognitiven, memorialen Fähigkeiten, wir blenden unser Wissen aus.

Das findet sich leicht variiert etwa auch in unserer Rezeption von Märchen, Fantasy und dem dabei beobachtbaren "dispense of disbelief" (willing suspension of disbelief). Das Alltagswissen, von Rationaliät geleitet, greift nicht.

Das alles heißt nun nicht unbedingt , der Leser hoffe und bange, weil der Romanheld hofft und bangt und man sich in den Romanheld hineinfühlen kann, sondern weil der Leser selbst auf einen guten Ausgang hofft (dass das Ungeheuer besiegt, die Schlacht gewonnen, der Held gerettet, der Bösewicht bekehrt wird, Romeo und Julia den Irrtum und den Suizid vermeiden) und weil er fürchtet, es könne anders kommen.


Der Aficionado vergleicht dazu Ed Tan und Nico Frijda und Katja Mellmann:

Tan, Ed: Film-Induced Affect as a Witness Emotion. In: Poetics 23 (1994), 7–32.
*Tan, Ed/Frijda, Nico: Sentiment in Film Viewing. In: Carl Plantinga/Greg M. Smith (Hg.): Passionate Views. Film, Cognition, and Emotion. Baltimore/London 1999, 48–64.
Mellmann, Katja: Emotionalisierung – Von der Nebenstundenpoesie zum Buch als Freund. Eine emotionspsychologische Analyse der Literatur der Aufklärungsepoche. Paderborn 2006.
Mellmann, Katja: Gefühlsübertragung? Zur Psychologie emotionaler Textwirkungen. In: Ingrid Kasten (Hg.): Machtvolle Gefühle. Berlin/New York 2010, 107–119.
*Mellmann, Katja: Literaturwissenschaftliche Emotionsforschung. In: Rüdiger Zymner (Hg.): Handbuch Literarische Rhetorik. Berlin/Boston 2015, 173–192.

Kommentar geändert am 21.05.2020 um 12:25 Uhr

Kommentar geändert am 21.05.2020 um 12:26 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 21.05.20:
Gerne gelesen.
Filme, die wir immer wieder gerne sehen, eine Auswahl:

Soylent Green, USA 1973, Der doofe deutsche Verleihtitel ist glücklicherweise in Vergessenheit geraten. Stattdessen wird einem bei Nennung dieses Films immer derselbe Ausspruch entgegen geschleudert, der offenbar das Filmerlebnis durch sog "Spoilern" schmälern soll? Das ist vergeblich, auch wer das Geheimnis schon kennt, hat noch immer viel Freude an diesem grandiosen Science Fiction-Film. Übrigens der letzte Film von Hollywood-Legende Edgar G. Robinson.

Journey to the Center of the Earth, USA 1959. Manche mögen einwenden, dass der Film vielleicht doch etwas zu betulich-harmlos inszeniert ist. Geschenkt! Es ist und bleibt eine tollte Jules-Verne-Adaption mit ganz viele Charme. Bitte nicht das 3D-Remake von 2008 gucken, das ist völlig blutlleer und belanglos.

Boys don't cry, USA 1999. Extrem beklemmendes Drama, das das Transgender-Thema schon behandelte, als die Gendersternchen-Gutmenschen noch auf Bäumen lebten. Hilary Swank war bestenfalls in Million Dollar Baby (2004) je besser.

Marathon Man, USA 1976. Laurence Olivier in einer Top-Rolle seines Spätwerks, bei Dustin Hoffman ist eine Top-Rolle seines Frühwerks. Brillanter Thriller.

 Graeculus antwortete darauf am 21.05.20:
Immer wieder verblüffst Du mich. Du schätzt Edward G. Robinson und nennst ihn Edgar?

Da ist kein Film bei, den ich mir immer wieder gerne ansähe. Dafür gibt es andere. Manche von ihnen sind kaum bekannt. Aber das ist ein Thema für sich.
Oder kennt jemand "The Late Show" mit Lily Tomlin und Art Carney? Einmal pro Jahr ist der fällig.
Auch "Blade Runner" ist ein Film, der mich immer wieder beeindruckt.

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 22.05.20:
Upps, da war ich schlampig, Danke für den Hinweis!

Zuerst dachte ich an "Late Show", der Helmut Dietl-Film von '99, aber imdb.com wusste es besser: The Late Show USA 1977. Nein, kenne ich nicht.
Und ja, Blade Runner ist klasse, aber nur im Kino, direkter Epigone von Metropolis (1927), auch super! Hast Du auch Blade Runner 2049 (2017) gesehen?
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