Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Dienstag, 18. August 2020, 19:41
(bisher 873x aufgerufen)

Gedankensplitter zur Rassismus-Debatte

von  Dieter_Rotmund


Gastkolumne
von
 Schachtelsatzverfasserin

Ich habe vor einigen Tagen vor meinem Computer gesessen, wollte eigentlich den Entwurf einer Novelle schreiben. Aber wie das manchmal so ist: Es ist mir nichts dazu eingefallen. Also habe ich zur Ablenkung eine Presseschau im Netz gestartet und bin auf einen Artikel gestoßen, der sich mit Rassismus und vorrangig mit dem amtierenden Weltmeister der Formel 1, Lewis Hamilton, und seinem Kampf dagegen beschäftigt.
Lewis Hamilton, 31, Engländer und Nachfahre karibischer Einwanderer nach England, ist wie jeder sehen kann, ein dunkelpigmentierter Vertreter der Menschheit (ist das politisch korrekt?). Durch seine Erfolge hat er einen Status erreicht, den man wohl zu Recht als privilegiert bezeichnen kann. Nun beschwert sich LH darüber, dass die F1 ein „von Weißen dominierter Sport“ sei. Natürlich gibt es in der F1 sehr wenige nicht europäisch aussehende Fahrer und wohl auch Mitarbeiter in den Teams. Aber das liegt doch nicht an rassistischen Vorurteilen. Ich bin sicher: Wenn bei den derzeitigen 9 Teams jeweils ein Fahrer nichteuropäischen Aussehens anfragt, ob eine Chance auf ein Cockpit bekäme, dafür auf Salär verzichtet und sein Vater vielleicht noch das Team finanziert (siehe Lance Stroll), wäre jedem ein Platz sicher. Hier liegt die Diskriminierung doch nicht bei „schwarz“, sondern bei „nicht reich genug“.
Wenn dann Toto Wolf, Teamchef beim Mercedes-F1-Team, in einem Interview gegenüber dem „Guardian“ Betroffenheit einfordert mit der Erklärung „Stellen Sie sich die Narben vor, die es hinterlässt, wenn ein 8-Jähriger (Lewis Hamilton, d. V.) auf der Kartbahn rassistisch beleidigt wird“, und dann anfügt: „Wir als weiße Männer mittleren Alters können uns nie in die Situation eines rassistisch misshandelten Menschen hineinversetzen“, platzt mir die Hutschnur. Nicht, dass ich die Tatsache, dass es Rassismus gibt, leugnen oder gutheißen will, aber warum immer nur Betroffenheit, wenn die „Colored People“ das Thema sind. Warum nicht die gleiche Betroffenheit, wenn „weiße“ Kinder, wegen Armut, schlechter Bildung oder anderer „Makel“, die sie genau so wenig beeinflussen können wie ihre Hautfarbe, von ihresgleichen beleidigt und ausgegrenzt werden? Auch bei diesen hinterlässt das tiefe Narben, die z. T. ein Leben lang schmerzen.
Oder: Moritz Herrmann von der „Zeit“ spricht mit Christiane Kassama, KiTa-Leiterin aus Hamburg-Flottbek, einem der begüterten Stadtteile Hamburgs, die angetreten ist, eine „diskriminierungssensible, rassismuskritische Frühbildung von Kindern in Kita und Vorschule“ zu erreichen. Sie fordert u. a., dass „Jim Knopf“ und auch „Pippi Langstrumpf“ nicht mehr gelesen werden sollen (www.zeit.de; 23.07.2020). Wenn das Lesen beziehungsweise Vorlesen dieser Geschichten Rassismus fördert, sind dann Michael Ende und Astrid Lindgren Rassisten?
Selbstverständlich trauen wir uns auch nicht, etwas gegen Juden zu sagen, auch das ist ja nach heutiger Lesart „Rassismus“. Ich habe gedacht, „Jude sein“ bedeutet, dass man einer Glaubens- oder Religionsgemeinschaft angehört, nicht, dass man ein bestimmtes Aussehen hat. Da hat man die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart, 27, vom "Harbour Front Literaturfestival 2020“ in Hamburg ausgeladen. Mit ihrem demnächst erscheinenden Roman "Omama", aus dem sie auf dem Festival lesen wollte, war sie für den mit 10.000 Euro dotierten "Klaus-Michael-Kühne-Preis" für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres nominiert. Aufhänger für die Ausladung: Ein Teil ihres Programms von 2018, in dem sie die provokante Frage stellt, ob den die meToo-Bewegung antisemitisch sei. Schließlich seien die Hauptbeschuldigten der Filmindustrie, also Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski, alle jüdischen Glaubens. Wer Lisa Eckhart schon mal gesehen und gehört hat, weiß, dass sie polarisiert. Ich mag ihre Darstellung auf der Bühne nicht, aber ich stimme ihr voll zu, wenn sie in dem erwähnten Programm die Frage stellt:

Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten?......
Die heilige Kuh hat BSE!

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Graeculus (20.08.20)
Ich habe gedacht, „Jude sein“ bedeutet, dass man einer Glaubens- oder Religionsgemeinschaft angehört, [...]
Das war bzw. ist eine falsche Annahme. Jedes Kind einer jüdischen Mutter ist (nach jüdischem Selbstverständnis) Jude. Man kann daher von einem jüdischen Volk sprechen, innerhalb dessen es zugleich eine spezielle Religion gibt - der freilich nicht jeder Jude angehört.
Stünde es so, wie Du es sagst, dann könnten Juden keine Atheisten sein; genau das ist aber bei Karl Marx, Sigmund Freud, Woody Allen usw. der Fall.
Vermutlich war auch Hannah Arendt, die nun wirklich sehr bewußt Jüdin war, Atheistin.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 20.08.20:
Manche sagen sogar, Jude zu sein, sei kein Bekenntnis zu einer Religion, sondern eher eine Art Lebenseinstellung.

Medias in res: Man kann es auch so sehen: LH nutzt seine privilegierte Stellung, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. Warum nicht? Dieses elitäre "Nur wer Rassimus am eigenen Leib erfahren hat, darf darüber eine Meinung haben und diskutieren" finde ich blöd.

Übrigens hat man inzwischen Frau Eckhardt wieder ein-, aus- und wieder eingeladen. Nun hatte sie verständlicherweise keine Lust mehr und hat angelehnt.

Antwort geändert am 20.08.2020 um 12:20 Uhr

 Schachtelsatzverfasserin antwortete darauf am 20.08.20:
@Graeculus
Jedes Kind eines jüdischen Vaters muss aber konvertieren, weil es per se erst einmal als Nicht-Jude gilt. Das schreibt das Halahach vor. Das verstehe ich dann doch als Glaubens-Dogma. Der Glaube an die Existenz von Jahwe ist allerdings im Judentum nicht zwingend, insofern kann man durchaus Jude und gleichzeitig Atheist sein.
@Dieter_Rothmund: Ich stimme den ersten beiden Absätzen zu.
Zu Lisa Eckhart muss ich sagen, dass sie lediglich zu einer Online-Lesung wieder eingeladen wurde, da verstehe ich ihre Ablehnung durchaus. Ich würde auch nicht lesen wollen, ohne vor Ort zu sein, zumal es ja um einen mit 10.000,00 € nicht ganz nebensächlichen Preis geht.

 Graeculus schrieb daraufhin am 20.08.20:
Jedes Kind eines jüdischen Vaters muss aber konvertieren, weil es per se erst einmal als Nicht-Jude gilt.
Das istdoch klar - ein uralter Rechtsgrundsatz: Die Vaterschaft ist unsicher, die Mutterschaft ist sicher.
Da wollen die Juden auf Nummer sicher gehen.

 Schachtelsatzverfasserin äußerte darauf am 20.08.20:
Ist das dann nicht Diskriminierung dieser Kinder? Ein DNA-Test wird ja nicht als Beweis anerkannt, um als Jude in Israel alle Rechte zu erlangen. Beispielsweise kann ein solcher "Nicht-Jude" keine Ehe schließen, die anerkannt wird. Und eine Vorverurteilung der Mütter, die ja erst einmal per se als Lügnerinnen hingestellt werden?

 Graeculus ergänzte dazu am 20.08.20:
Diese Regeln sind Tausende von Jahren alt. Damals gab es weder DNA-Tests noch die Idee gleicher Rechte für alle.
Und heute? Niemand kann sie ändern gegen den Willen orthodoxer und ultraorthodoxer Juden. Und die gelten als nicht sehr reformfreudig. Sie orientieren sich an etwas anderem als modernen Ideen.

 Schachtelsatzverfasserin meinte dazu am 21.08.20:
Also doch Religion, oder?

 miljan (20.08.20)
Es ist schlichtweg unsinnig, sich darüber aufzuregen, dass jemand sich gegen Rassismus ausspricht, nur weil man meint, Armut unter Weißen sei doch auch ein Problem. Anstatt, wie es konsequent wäre, einfach eine Kolumne darüber zu schreiben, wie Kinder unter Armut und schlechter Bildung leiden, anstatt also selbst einfach mal das zu machen, was du in der öffentlichen Debatte zu vermissen meinst, instrumentalisierst du "arme, weiße Kinder", um dich weder mit diesen noch mit Rassismus ernsthaft auseinandersetzen zu müssen. Vielsagend dabei das Bedürfnis, "etwas gegen Juden" sagen zu wollen, nicht etwa etwas gegen bestimmte Einzelpersonen. Man könnte meinen, das Jüdischsein sei hier von besonderer Bedeutung. Wenn es in der Diskussion zunehmend nur noch um Weinstein, Allen oder Polanski geht, nicht aber um Spacey, Toback, Wedel und viele weitere, stellt sich durchaus die Frage, ob es hierbei tatsächlich um die Thematisierung sexueller Gewalt und letztlich um die betroffenen Frauen geht, oder um eine Reinszenierung eines alten antisemitischen Schmierentheaters.

Kommentar geändert am 20.08.2020 um 12:27 Uhr

 Schachtelsatzverfasserin meinte dazu am 20.08.20:
Ich rege mich nicht darüber auf, dass sich jemand gegen Rassismus ausspricht, ich bin lediglich der Meinung, dass das Beispiel F1 sehr wohl nichts mit Rassismus zu tun hat.
Die wie Du schreibst "Instrumentalisierung armer weißer Kinder" ist schlicht nicht vorhanden. Ich bin nur der Meinung, dass in der Debatte die "Rassen" als Einzelproblem dargestellt werden, obwohl es auch andere Diskriminierung gibt. Insofern empfehle ich die Art. 3 - 5 GG.
Das "nur" Weinstein, Allen und Polanski in dem hier in Rede stehenden Programm von Lisa Eckhart erwähnt werden, dürfte wohl ihr selbst überlassen bleiben. Und außerdem: Außer Harvey Weistein ist keiner der von Lisa Eckhard und auch von Dir Genannten bislang angeklagt worden, da es keine belastbaren Beweise dafür gibt, dass die Behauptungen der Anzeigenerstatte/innen wahr sind. Da greift dann immer noch der Grundsatz "in dubio pro reo". Ich maße mir nicht an, den Wahrheitsgehalt der Aussagen der Frauen und Männer (Kevin Spacey) zu werten. Es macht mich nur betroffen, dass sich genau wie bei Lisa Eckhart die Öffentlichkeit und die Verantwortlichen in Vorverurteilungen übertreffen und dabei wohl auch Existenzen gefährden.

 LotharAtzert (20.08.20)
Reine Ablenkung vom Wesentlichen. Ob schwarz, gelb, weiss, oder sonstwas: die fast 900 PS (=Energieverbrauch von 900 Pferden pro Fahrer), mit der die Wissenschafts-Hybris die Welt zerstört, kommt nicht einmal zur Sprache.

 Schachtelsatzverfasserin meinte dazu am 20.08.20:
Es ging bei meinen Gedanken auch nicht um Sinn oder Unsinn der Formel 1 an sich. Fährst Du nur Fahrad und gehst zu Fuß?

 LotharAtzert meinte dazu am 20.08.20:
Verstehe, es geht um Rassismus. Die Firma Knorr sucht verzweifelt (ernsthaft!) nach einem neuen Namen für ihre "Zigeunersoße". Das spricht für sich.

Es geht auch nicht um mich, aber ja, ich gehe nur noch zu Fuß.

 Schachtelsatzverfasserin meinte dazu am 20.08.20:
Prima, ist gesund :)
Und nein, es geht mir primär nicht um Rassismus, sondern darum, dass eine Gruppe (hier die "Nicht-Weißen) die heutigen "Weißen" für die in Jahrhunderten entstandenen Probleme verantwortlich macht und sofortige Buße in Form von Rückgängigmachung des zweifelsfrei geschehenen Unrechts verlangt. Im übrigen zeigt die Geschichte, dass ein Großteil der "Vermischung" der menschlichen Bevölkerung durch Sklavenhalterei auch schon in der Pharaonenzeit, bei den Römern und zu Zeiten der Inka und Maya stattgefunden hat. Also: Schleift die Pyramiden genauso wie beinahe das Denkmal von Winston Churchill in London???
Ich habe Angst vor erneuten Bücherverbrennuneng und Einschränkung der Meinung des Einzelnen als Buße für die Fehler der Altvorderen.
Wie sagte doch Marcell Jähner: Geschichte wird von den Siegern geschrieben, von Helden gelebt , jedoch nur von den Toten ertragen..
Da kann ich mich ja nur auf den Tod freuen (Sarkasmus aus)

Und: Der neue Name der Zigeunersoße von Knorr wird sicher die Ungarn dagegen aufbringen. Denn eigentlich ist diese "Soße" ein urdeutsches Gemansche. Da dürfen wir bestimmt auf eine weitere Namensänderung gespannt sein :)

Antwort geändert am 20.08.2020 um 22:28 Uhr

Antwort geändert am 20.08.2020 um 22:32 Uhr

 Willibald (21.08.20)
Hm, hier eine Nahaufnahme des der frag-würdigen Details:

WDR-Mitternachtsspitzen im Jahr 2018:

Ist MeToo nicht antisemitisch, weil Polanski und Weinstein Juden sind?

"„Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen."

" Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.."

 https://www.youtube.com/watch?v=6h8g8-2rdV8&feature=youtu.be&app=desktop

Kommentar geändert am 21.08.2020 um 14:03 Uhr

 Schachtelsatzverfasserin meinte dazu am 21.08.20:
Richtig. Ich kenne auch diesen Teil des Programms von LE. Ich hatte in 2018 die Möglichkeit, es life zu erleben. Das ist Satire und genau da ist auch der Kernpunkt. Es wird handfeste Satire gleichgesetzt mit einer wortgetreuen Meinungsäußerung und das war noch nie der Sinn der Satire. Somit schließt sich für mich der Kreis:
Zitat: Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten?
Ich denke, dass sollte auch im Fall LE für die Meinungsfreiheit gelten.

Antwort geändert am 21.08.2020 um 15:46 Uhr

Antwort geändert am 21.08.2020 um 15:47 Uhr
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram