Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 21. September 2011, 16:27
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Der doppelte Lothar

von  Didi.Costaire


Der doppelte Lothar
15.09.2011

Als vor einigen Tagen fast zeitgleich der Vertrag zwischen dem bulgarischen Fußballverband und Lothar Matthäus um zwei Jahre verlängert wurde und die FDP bei ihrer Klausurtagung auf Schloss Bensberg offiziell nicht am Stuhl ihres angeschlagenen Außenministers rüttelte, fühlte ich mich an eines meiner Lieblingsbücher erinnert.

„Bananenrepublik und Gurkentruppe“ heißt es, der Autor Norbert Seitz. In dem 1987 erschienenen Werk wird die nahtlose Übereinstimmung von Fußball und Politik seit 1954 anhand zahlreicher Begebenheiten dargestellt. Aus dem Klappentext:

Bananenrepublik und Gurkentruppe sind polemische Grenzbegriffe, die Staatsverdrossenheit und Zuschauerschwund, die Legitimationsprobleme im Politischen und die Pfeifkonzerte in Stadien scharf markieren...
Im Vergleich zu den beiden Helmuts mit der Mütze, Schmidt und Schön, müssen Becken-Kohl und Bauer-Helmut fast schon als kulturelle Störfälle ihrer Branchen angesehen werden.

Auch in dieser Legislaturperiode gibt es etliche Parallelen zwischen Ball- und Staatsführung. Es begann mit der überraschenden Meisterschaft des neureichen und eng mit der Wirtschaft verzahnten VfL Wolfsburg, dem ein sensationelles Ergebnis der FDP bei den Bundestagswahlen 2009 folgte. Für Westerwelle, damals noch in der Rolle des Felix Magath, übernahmen bis zur Besinnungslosigkeit wiederholte Steuersenkungsversprechen die Funktion von Medizinbällen und endlos scheinenden Bergläufen. Die Wirksamkeit dieser Mittel war in beiden Fällen von kurzer Dauer.

Die CDU/ CSU wurde schon bei Seitz durch den FC Bayern München symbolisiert. Dessen ständiges Hin und Her von experimentellen Fußballphilosophien und Althergebrachtem getreu dem Motto „Keine Experimente!“ in der Besetzung des Trainerjobs (erst Klinsmann, dann Heynckes, dann van Gaal und jetzt wieder Heynckes) konnte niemand so gut in Worte fassen wie die Kanzlerin: „Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial – und das macht die CDU aus.“
Bayern München und die C-Parteien wurden in letzter Zeit gleichermaßen zusätzlich geschwächt, zum einen durch verletzungs- oder krankheitsbedingte Langzeitausfälle (hier Robben und Ribery, dort Schäuble – die Abkürzung lautet jeweils „Robbery“) und zum anderen durch den jähen Absturz hoffnungsvoller Kometen (hier das Torhütertalent Thomas Kraft, dort der aufstrebende Politstar zu Guttenberg).

Die SPD hat sich mehr und mehr dem Hamburger Sportverein angeglichen. Sowohl dem Dino der Politik als auch dem der Bundesliga fehlt der alte Glanz. Nur schwache Gegner und Arbeitssiege wie der von Olaf Scholz in der Hansestadt sicherten das Überleben im Oberhaus auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Für die Grünen traten Claudia Roth, Cem Özdemir und die anderen in diesem Jahr ähnlich erfrischend und erfolgreich auf wie Jürgen Klopp, Nuri Sahin und die Mannschaft von Borussia Dortmund. Was beim BVB Meisterschaft und Perspektiven sind, manifestiert sich bei der Umweltpartei in der Forcierung des Atomausstiegs und glänzenden Wahlergebnissen. Ob der Erfolg lange anhält, ist hier wie dort noch mit Fragezeichen behaftet.

Die Linken hingegen wurden trotz einer beachtlichen Fanschar und zahlreichen Auseinandersetzungen vor großen Kulissen noch immer nicht in der Bundesliga aufgenommen. Es mag daran liegen, dass sie sich mitunter modernen Spielsystemen genauso verweigern wie Wegen weg vom Marxismus. Das führt allerdings fatalerweise dazu, dass mir bei ihrem Wechsel an der Führungsspitze - von den Lichtgestalten Gysi und Lafontaine hin zu Lötzsch und Ernst - der von Beckenbauer und Beckenbauer zu Vogts und Bonhof beim Deutschen Nationalteam 1990 in den Sinn kommt.

Schließlich gibt es diverse Vereine und politische Gruppierungen, die auf niedrigerer Ebene auf sich aufmerksam machen. Viele davon sind in den östlichen Bundesländern aktiv, oder für die, die keinen Kompass besitzen, am rechten Rand. Ganz anders geartet sind der FC St. Pauli respektive die Piratenpartei, in denen auch weitaus größeres Potenzial steckt, Siege in großen Arenen und bei bedeutenden Wahlen zu erringen.

Es bleibt weiterhin spannend. Lothar Matthäus („Ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal“) und Guido Westerwelle („Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!“) jedenfalls sind gewillt, Seite an Seite, wenn auch auf unterschiedlichen Spielfeldern, bis 2013 weiterzukämpfen. Es gibt jedoch Hoffnung, dass es nicht soweit kommt, denn wie sagte der Loddar sehr richtig: „Wir sind eine gut intrigierte Truppe!“


Ergänzung 21.09.2011
Wie schnelllebig das Fußballgeschäft doch ist... Zuerst lästerte Bulgariens Ministerpräsident Borissow in aller Öffentlichkeit über den Loddar, und vorgestern wurde bereits seine Entlassung als Trainer der bulgarischen Nationalmannschaft verkündet. Treueschwüre zählen im Fußball wenig.
In der Politik ist das ähnlich, aber es geht alles nicht ganz so rasant.


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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (15.09.11)
Das Buch ist zwar satirisch gemeint, der Fußball in Deutschland ist aber sicherlich ein Spiegelbild der Gesellschaft.
Das mit den Fußballvereinen-Parallelen "funktioniert" aber erst seit Einführung der Fußball-Bundesliga, oder? Zur NSDAP fällt mir jedenfalls kein Kickerclub ein... Nun, gut zu braunen Zeiten (bis 1938) war Deutschenland auch keine Banane, sondern eher so eine Art fressendes, pumeliges Seepferdchen mit Beute (Ostpreussen)...

 Didi.Costaire (15.09.11)
Hallo Dieter, ich denke, auch und gerade für die NS-Zeit kann man genügend Beispiele und Tendenzen finden. So standen z. B. im Jahr vor der Machtergreifung Bayern München und Eintracht Frankfurt im Finale um die Deutsche Meisterschaft, zwei Vereine, die später als "Judenclubs" diffamiert und geschwächt wurden und während der Nazidiktatur in keinem Endspiel mehr standen. Stattdessen wurde Schalke in den Jahren sechsmal Deutscher Meister, und später standen regelmäßig Wiener Klubs im Endspiel.
Die Unterschiede liegen wohl hauptsächlich darin, dass man die Zeit nicht aus eigenem Erleben kennt und dass sie sich kaum für humorvolle Betrachtungen eignet.

 Dieter_Rotmund (15.09.11)
Aha, wusste ich nicht!

Schalke war wahrscheinlich deswegen so erfolgreich, weil die noch Spieler hatten, die nicht an der Ostfront totgeschossen wurden, sondern sog. "Kumpel" waren, die eben nicht zum Militär eingezogen wurden, aber das ist nur eine Vermutung...

 Didi.Costaire (15.09.11)
Fußball unterm Hakenkreuz, ein weiterer Buchtitel und vielleicht ein Thema für eine (andere) Kolumne...

 Didi.Costaire (15.09.11)
Die erste Hauptrunde des unter dem Motto "Wir fahren nach Berlin" stehenden DFB-Pokals spricht für ein knappes Scheitern der Piraten. In der Liga gibt es eine zweite Chance...
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