Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Donnerstag, 12. April 2012, 08:57
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Dortmund vs. München

von  Dieter_Rotmund


Wer jetzt denkt, hier würde etwas über das gestrige Fußballspiel der 1. Herren-Fußballmannschaft des Vereins „BVB Dortmund 09“ gegen die 1. Herren-Fußballmannschaft des Vereins „FC München Bayern“ stehen, sieht sich getäuscht. Ich habe keine Lust, Zeit damit zu vergeuden mir anzusehen, wie 22 grotesk überbezahlte Männer in buntbedruckten Leibchen gegen einen Ball treten und tausende willige Stadionbesucher, die diese Gehälter zahlen, Radau machen. Das höchst alberne Drumherum will ich nicht auch noch durch Aufmerksamkeit in dieser „Film&Fußballkolumne“ adeln. Sogar meine geliebte FAZ hat in ihrer heutigen Ausgabe dem Thema einen ganzseitigen Artikel gewidmet, den ich nicht gelesen habe bzw. nur die Überschrift. Der Artikel steht auf Seite 2, auf Seite 1 des Sportteils befindet sich ein sehr gutes und informatives Interview mit einem Hockeytrainer. Das habe ich gelesen und für gut befunden. Übrigens steht in der Überschrift, im Titel der heutigen Donnerstagskolumne überhaupt nichts von einem Fußballspiel, der Titel nennt nur zwei deutsche Städte.
In der heutigen Kolumne soll es um Scherenschnittfilme gehen. Scherenschnittfilme, was ist denn das, noch nie gehört? Das wundert mich nicht. Es gibt nämlich keinen Wikipedia-Eintrag zum Thema „Scherenschnittfilm“. Und was es nicht auf Wikipedia gibt, existiert ergo nicht bzw. hat nie existiert. Der Scherenschnittfilm ist auf Wikipedia zur Fußnote von „2D Animation“ geworden, da steht dann der einzige Satz zu Scherenschnittfilm: „Eine Sonderform des Flachfigurenfilms, bei der die Elemente wie beim Schattenspiel nur als dunkle Silhouetten erkennbar sind“. Aufgepasst, in diesem Eintrag geht es nicht um die FDP!
„Flachfigurenfilm“, so ein Blödsinn. Welcher Klugscheißer hat sich eine derartige, affektierte Bezeichnung einfallen lassen? Der Scherenschnittfilm ist eine leider ausgestorbene Filmart, mit der man wunderbar Märchen und Fabeln erzählen konnte. Durch einen Glücksfall, anders kann man es nicht bezeichnen, konnte und durfte ich in meiner Kindheit einige Scherenschnittfilme im Kino sehen. Was ich sah, war, dass man mit einem Minimum an graphischen Mitteln - und dazu noch unbunt - ein Maximum an erzählerische Dichte erzeugen konnte. Der Scherenschnittfilm wäre heute, würde er noch wahrgenommen werden, ein herrlicher Anachronismus: Rapper-Liedermacher können mit dieser Technik keine Filmchen zu ihrem Rumgehampel machen, man kann mittels Scherenschnittfilme nicht mit höchster Empörung darauf hinweisen, das in Ost-Uganda Kinder Heizöl stricken müssen und vor allem: Man kann mit der Handy-Kamera nicht eben einmal schnell in der großen Pause einen Scherenschnittfilm herstellen. Scherenschnittfilm machen, das hieß sorgfältiges Arbeiten unter weitgehenden Ausschluß der eigenen, persönlichen Befindlichkeiten. Anders gesagt: Scherenschnittfilm und Facebook haben keine Gemeinsamkeiten, sie sind von völlig unterschiedlichen Planeten. Das macht den Scherenschnittfilm zusätzlich sympathisch. Der Vergleich hinkt? Finde ich nicht. „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, „Don Quixote“ und „Das tapfere Schneiderlein“ hießen die Filme damals. Übrigens war der Scherenschnittfilm einstmals eine deutsche Domäne, hauptsächlich durch das Wirken von Lotte Reiniger und Carl Koch. Was soll man über den Scherenschnittfilm noch schreiben? Vermutlich am besten nichts, sondern die nächste (seltene) Gelegenheit nutzen und einen im Kino sehen...
...und man möge mich bitte informieren, wenn das obengenannte Fußballspiel als Scherenschnittwerk verfilmt ist.

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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (12.04.12)
Nun, Jack, ich bin kein Freund von Metonymen und habe mich ja schon in einer anderen Kolumne darüber lustig gemacht, dass manche Medien so tun, als würden ganz Städte gegeneinander antreten. Genausoweinig traten gestern die gesamten Mitgliedschaften von "FCB" und "BVB" (was heißt das eigentlich? Bochumer Verkehrsbetriebe?) gegeneinander an. Vielmehr haben diese Vereine doch immer mehr als nur eine Mannschaft und da finde ich es respektabler, wenn man die Mannschaften, die tatsächlich spielen, auch dezidiert nennt.
Trotzdem Danke Jack, für Deine kurzen Sätze zu diesem gestrigen Fußballspiel. Ich war auf einem Lauftreff und rannte bei schöner Frühlingsabendsonne an einem Segelflugplatz vorbei (wo auch tatsächlich um diese Zeit gestartet und gelandet wurde, wobei ich ein wenig Sorge hatte, dass mir vielleicht dieses Zugseil auf'n Kopf knallt) und durch Wälder und Felder.

 BrigitteG (12.04.12)
Jetzt hast Du mich ins Grübeln gebracht, Dieter... ich habe eine ganz vage Erinnerung daran, dass ich als kleines Kind mal Scherenschnittfilme im s/w Fernsehen gesehen habe. Es war nicht oft, und ich meine, ich wäre auch nicht sehr interessiert gewesen. Warum weiß ich nicht mehr, vielleicht war mir zu wenig darin los *g*.
Ansonsten wollte ich noch fragen, ob Du eigentlich nicht ein Fan der Angewohnheit des gelegentlichen Absätze Machens in Texten werden willst .

 Lala (12.04.12)
Hi Dieter,

ich kenne den Scherenschnittfilm nur aus dem Kunstunterricht. Dunkel entsinne ich mich da eines lebensfrohen Grashüpfers der im Sommer den Eichchörnchen fröhlich auf seiner Geige fidelte (war es ein Grashüüfer? Naja, solche Viecher ebend, deren Grille es ist unbedingt Geige zu spielen). Er war beliebt bei allen Tieren, sie applaudierten ihm und gaben auch was ab, aber die Fleißigen ahnten schon, dass er es über den Winter nicht schaffen würde. Und während der Meister spielte, sammelten die spießigen Eichhörnchen Nuss um Nuss.
Es kommt wie es kommen muss, während im Winter sich alle in ihre Höhlen verkriechen, stapft die Grille frierend durch den Schnee und ist ohne Publikum und ohne Brot. Keiner will ihn haben, jeder misst seinen Vorrat und weiß, auch wenn er eine Nuss über hat, dass er keine abgeben kann. Die doofen Hörnchen kommen über den Winter und der Geiger erfriert und stirbt im Schnee.
In der Nachbesprechung waren die Eichhörnchen die Helden, der Geiger ein Tunichgut und brotloser Künstler und ich wusste, denn ich verteidigte die Grille und fand die anderen Viecher zum kotzen, dass schwarz/weiß Scherenschnittfilme im Schuluntericht grausam sind.Heute ahne ich, dass der Film vielleicht besser war, als die Intention des Lehrkörpers. Aber nur vielleicht. Trotzdem stimme ich Dir zu, dass Scherenschnittfilme eine besonder Ausstrahlung haben.

@Jack Ich neide Dir, dass Du noch mit dieser Hingabe das Spiel verfolgen kannst.

 Dieter_Rotmund (13.04.12)
Liebe Brigitte,
das sind Absätze! Nach "...zwei deutsche Städte", nach "FDP" und kurz vor Schluß nochmal einer...
Aber ich gebe zu, je nach Browserdarstellung sieht das so aus, als wären da keine. Manche kVler machen Leerzeilen, das wäre vielleicht eine Lösung.
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