Lachs

Parabel

von  Quoth


Wir nahmen in dem kaum besetzten Gartenlokal an Holztischen Platz. Das Personal war bemüht, sich die Begeisterung über unser Kommen nicht anmerken zu lassen; wie wir später erfuhren, hatten sie in Erwartung besseren Besuchs viel zu viel Lachs gekauft und hatten Sorge, auf dem leicht verderblichen Material sitzen zu bleiben. Wir waren acht gestandene Mannsbilder, und die hitzigen Debatten des Vormittags über die Finanzierung unseres Startups hatten uns hungrig gemacht, Jean-Pierre und ich bestellten gleich eine doppelte Portion, er mit Senf-, ich mit Dillsauce, es schmeckte vorzüglich. Bertold und Simon gaben ihren Widerstand auf, und bald waren wir uns einig: Wir sollten das Angebot des Kreditgebers aus der Schweiz annehmen. Beim Dessert ließ die Chefin, Mittfünfzigerin im Dirndl, es sich nicht nehmen, uns persönlich zu begrüßen und zu danken. Als wir die unvergleichliche Qualität des norwegischen Lachses rühmten, korrigierte sie uns: Wir hätten Lachs aus einer funkelnagelneuen Fischfarm in wärmeren Gewässern bekommen. Das Wasser müsse zwar dauerhaft gekühlt werden, was die Kosten steigere, aber dafür sei die Versorgung mit proteinreichem Futter wegen der kürzeren Transportwege sehr viel kostengünstiger und wirtschaftlicher. Wir bekamen alle noch einen Grappa und kehrten satt und aufgeräumt an unseren Tagungsort zurück. Am Abend hatten wir alles zufriedenstellend abgeschlossen, machten noch einen Zug durch die Schwabinger Bars und gingen im Hotel schlafen. Jean-Pierre warf noch einen Blick in die Abendzeitung, die auf dem Tisch lag. Ich war schon am Einschlafen – da sprang er plötzlich aus dem Bett, lief zum WC – und ich hörte ihn würgen und unartikuliert röhren, dann rauschte die Klospülung. „Ich bin alles los!“, stöhnte er, als er ins Bett zurückkehrte. „Was bist du los?“ „Den ganzen Lachs.“ „Was ist denn los mit dem? Mir ist er gut bekommen.“ „Ich hätte nicht in die Zeitung gucken sollen.“ „Wieso, was stand da drin?“ „Die MURENA S.A., die Fischfarmen im Mittelmeer unterhält, will wegen des anhaltenden Erfolgs an die Börse gehen.“ „Und was ist dabei?“ „Ihre ergiebigsten Aquakulturen liegen vor der libyischen Küste und vor den Inseln Lampedusa und Lesbos.“ Mir wurde schlecht.



Anmerkung von Quoth:

https://de.wikipedia.org/wiki/Publius_Vedius_Pollio#cite_note-4

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (17.10.22, 21:18)
Die Aquakulturen sind ja schon vor Norwegen schlimm genug ... aber die im Mittelmeer, die gibt es tatsächlich?

 Quoth meinte dazu am 18.10.22 um 16:41:
Vielen Dank für den Kommentar, Graeculus. Aber irgendwas hast Du übersehen - vielleicht die Genrebezeichnung "Parabel"? Zur Verdeutlichung habe ich eine Anmerkung eingefügt! Gruß Quoth

 Graeculus antwortete darauf am 18.10.22 um 17:44:
Diese Verbindung habe ich in der Tat nicht hergestellt, obgleich ich diese Vedius-Pollio-Anekdote kenne. Danke für den Hinweis.
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