Strickfrühstück mit Endzeitstimmung

Glosse

von  SchroedingersKaters

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Ich hetze. Natürlich hetze ich mich ab, wie immer. Pünktlich sein ist für mich ein theoretisches Konzept, aber das akademische Viertel halte ich ein, wie eine alte preußische Tugend. 

Und eigentlich habe ich mich darauf gefreut.

Das Strickfrühstück wird von der Besitzerin eines wunderschönen Wollladens angeboten.
Eine dieser Ideen, die auf den ersten Blick so harmlos wirken, dass man gar nicht merkt, wie viel Hoffnung man hineinlegt.
Und ich war es, die gesagt hat: Da gehen wir hin. Meine Mitstrickerin und ich.
Ich habe uns angemeldet. Freiwillig. Mit einer gewissen Vorfreude, die ich im Rückblick schon als bemerkenswert optimistisch bezeichne.

Ich stricke sehr gerne. Ich verliere mich darin, Masche für Masche, als könnte man sich damit die Welt zurechtlegen. Und ja, ich gebe viel Geld für Wolle aus. Mehr, als vernünftig wäre. Das ist eine meiner zuverlässigsten Macken, die mich eines Tages finanziell ruinieren werden. Wolle ist kein Material. Wolle ist Mental Health – aber nicht der Song.

Also: Strickfrühstück. In meinem Kopf: Cappuccino, ein vielfältiges Frühstück, ruhige Gespräche, Menschen, die wissen, wann man besser schweigt und einfach weiterstrickt. Ein bisschen Gemeinschaft, ohne dass sie sich aufdrängt.

Ich hätte es besser wissen müssen.

Das Café und der Wollladen befinden sich in einem kunterbunten Gebäude in der Stadtmitte. Der Wollladen im Inneren – weich, farbenfroh, gefährlich einladend. Ich denke kurz: Hier lasse ich heute Geld. Das ist der Teil des Plans, der garantiert funktioniert.

Das Wetter ist fast zu gut. Sonne, aber mild. Solch ein Tag, der einem vorgaukelt, man hätte die richtigen Entscheidungen getroffen.

Ich strample mich mit meinem E-Bike also dorthin, innerlich schon bei meinem Cappuccino draußen in der Sonne. Das war die Vorstellung, mit der ich mich selbst überredet hatte.

Wir setzen uns draußen hin. Natürlich draußen. Alles andere würde sich falsch anfühlen. Getränke bestellen.

Warten.

Warten.

Ich schaue auf die Uhr: Du wolltest hier unbedingt hin. Du hast dich angemeldet. Du bist jetzt genau da, wo du sein wolltest.

Niemand kommt.

Dann erscheint sie. Die Organisatorin. Aus dem Innenraum. Wie die Botschafterin aus einer anderen Klimazone. Ob wir uns nicht zu den anderen setzen wollen.

Zu den anderen?

Drinnen.

In meinem Kopf: Natürlich sitzen sie drinnen. Natürlich tun sie das. Und natürlich habe ich damit nicht gerechnet.

Warum?

Weil es draußen zu warm sei.

Ich sehe mich um. Perfektes Wetter. Vielleicht ist das hier der Moment, in dem ich begreife, dass meine Vorstellung von „angenehm“ inkompatibel mit der Realität anderer Menschen ist.

Natürlich bleiben wir draußen. Ein Rest Trotz. Ein letzter Versuch, die eigenen Erwartungen zu retten.

Später im Laden. Wiedersehen. Zwei Gruppen, die sich anschauen, als hätten sie unterschiedliche Veranstaltungen besucht und beide behaupten, es sei dieselbe gewesen.

Man fragt uns, wie das Essen war.

Gut, sage ich. Zumindest dieser Plan ging auf. Wenigstens ein Punkt für meine Entscheidung.

Frisches Obst, Salat, Körnerbrötchen – wirklich gut.

Dann beginnt es.

Beschwerden.

Erst leise, dann präzise, dann unaufhaltsam. Ich höre zu und denke: Das ist also das Echo meiner Anmeldung.

Ihr Gourmets der permanenten Unterversorgung, eure Maßstäbe müssen aus einer Parallelwelt stammen. Wenn das schon nicht genügt, dann ist nichts jemals genug.

Eine Frau bleibt hängen. Natürlich bleibt eine hängen. Sie redet. Ohne Pause. Ihr Toast. Vor Sonnenaufgang gegessen. Seitdem – kurz vor dem Hungertod.

Kann bitte jemand diese Schallplatte anhalten, bevor sie sich unwiderruflich in mein Gehirn einbrennt?

Ich nicke. Ich lächle. Du wolltest hierhin. Du wolltest genau das. Bitte, hier ist es.

Sie sagt wieder „Toast“.

Ich frage mich, ob man sich innerlich verabschieden kann, während man äußerlich noch anwesend ist.

Dann Organisation. Struktur. Zukunft.

Die Aufgaben werden verteilt wie in einer schlecht geführten Kommune.

Essen wird künftig geliefert oder mitgebracht.
Tisch decken. Abwaschen. Engagement auf höchstem Niveau.

Eigentlich wollte ich nur stricken und kein improvisiertes Selbstversorger-Event.

Es gibt Menschen, die den Horizont öffnen, und solche, die ihn schneller wieder verschließen, als man ihn erblicken kann.

Plötzlich wird mir klar:

Die Idee war gut.

Die Anmeldung auch.
Nur die Schnittmenge mit der Realität – katastrophal.

Ich habe eine Aufgabe.
Eine, die genau zu mir passt.

Ich vergifte alle.

Natürlich nur in Gedanken.

Aber mit Organisation.
Mit Struktur.
Mit Engagement auf höchstem Niveau.
Aus Gründen der Selbstfürsorge.

Das war mein erstes und letztes Strickfrühstück.
Oder vielleicht auch nur das letzte dieser Art.

Die Idee an sich ist nämlich gar nicht das Problem.
Vielleicht muss man sie einfach selbst in die Hand nehmen.




Anmerkung von SchroedingersKaters:

Foto: Barbara Köhler

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