Die Schafe, die mich am Nachmittag besuchten, wurden eingefangen. Das Leitschaf, das als ersten den Zaun überwand, was viel Geschickt und Kraft erfordert – ein drittes Schaf ist zwischen Zaun und Fels hängengeblieben, konnte sich nicht allein befreien –, wurde bestraft.
Der Bauer legte ihm eine Schlinge um den Hals und band das andere Ende des zehn Meter langen Seils an einen Pfahl.
Zuerst standen die anderen Schafe neben den bestraften und bekundeten ihr Mitgefühl, aber nach kurzer Zeit verteilten sie sich auf der Weide und fraßen, als wäre nichts geschehen.
Das angebundene Schaft versuchte sich zu befreien. Es rannte, um das Seil loszureißen, aber die Schlinge zog sich fester um seinen Hals, und der Sprint des Schafes wurde plötzlich gestoppt.
Ich kannte solche Szene nur aus Filmen. Jemand rennt los, um sich loszureißen, aber plötzlich hängt er in der Luft und fällt hart auf den Boden.
Nachdem das Schaf es mehrmals probiert hatte, blieb es stehen. Sah nach hinten. Rührte sich nicht.
Ich fragte mich, warum es den alten Bauern, der kaum noch laufen kann, nicht umgerannt hat.
Warum hat ihr Schafe euch nicht zusammengetan und den Bauern umgerannt?
Bei einem Gefängnisausbruch würde man so verfahren. Außerdem würde man dem Wächter noch einige verpassen.
Ich war wütend. Ich wollte auf die Weide, die vor meinem Küchenfenster liegt, und das Schaf befreien. Vermutlich hätte ich dem Bauern außerdem eine verpaßt.
Wenn er nicht in der Lage ist, den Zaun so aufzustellen, daß eine Flucht nicht möglich ist, soll er sich selbst betrafen.
Außerdem ist nichts passiert. Autofahrer sind daran gewöhnt, daß Schafe und Küche hin und wieder direkt auf der Straße stehen.
Vor zwei Jahren ist die gesamte Herde in der Nacht aus einer anderen Weide ausgebrochen und die Straße hinunter. Ich war noch munter und habe mich über die Geräusche draußen gewundert.
Ich bin dann raus, habe mit dem Leitschaf gesprochen. Es war verwirrt. Die Herde stand vor der Brücke und wußte nicht weiter. Ich sagte und zeigte: dreh um und geht mit deinen Kollegen zurück auf die Weide.
Das Leitschaf wendet und geht zurück. Die anderen folgen.
Fast alle sind auch zurück auf die abgesperrte Weide. Einige haben die Eingang nicht gefunden. Sie haben sich dann neben der Straße aufs Gras gelegt.
Heute habe ich die Schafe nicht aufgefordert, zurück auf die Weide zu gehen: ich bin davon ausgegangen, daß es die beiden Schaf-Männer sind.
Daß es zwei Schaf-Frauen sind, habe ich nicht erwartet, weil ich es für unmöglich hielt, daß sie die Weide zum Haus verlassen können.
Außerdem war ich zufrieden, daß sie das Gras vor dem Haus kürzten. Ich dachte: das könnte ihr immer machen, dann muß ich es nicht tun.
Die Schafe hielten sich jedoch nicht lange vorm Haus auf, sondern gingen über die Straße auf Nachbargrundstück.
Dann wohl weiter in Richtung des Hauses, wo die Schwestern des Bauern wohnen.
War wohl nicht so clever.
Inzwischen ist es dunkel. Die Bestrafung ist vollzogen. Das Schaf wieder frei.
Na ja, es ist nicht frei. Es hat nur nicht mehr eine Schlinge um den Hals.
Ob es weiß, daß es nicht mehr leben würde, hätte es den Bauern ernsthaft angegriffen und verletzt?
Oder weiß es, daß es draußen bald nichts mehr zu fressen gibt und es auf den Bauern angewiesen ist?