Sommerabend

Text

von  Alex


Es ist ein lauer Sommerabend. Wir sind in einem Park. Um uns Menschen, die wir mögen. Dennoch sind wir nur zu zwei in unserem eigenen, kleinen Universum. Es ist friedlich dort. Ich genieße es, nichts sagen zu müssen, weil die Stille zwischen uns sich für mich leicht anfühlt. Um zu glauben, dass du mich ohne Worte verstehst, bin ich zu alt, und abgeklärt. Um zu glauben, dass ich mich nicht vor dir rechtfertigen muss, dafür reicht meine Fähigkeit zum Träumen aber noch.


Morgen sieht die Welt vielleicht wieder düsterer aus. Morgen hab ich vielleicht wieder Angst, dass du mich nicht so fühlst, wie ich dich. Aber heute Abend sind diese Gedanken weit weg. Ich wünschte, ich könnte deine Gedanken lesen. Doch es ist nicht so schlimm, dass ich es nicht kann. Die dunklen Wolken sind in weiter Ferne und ich habe heute Abend keine Lust, sie herbeizurufen. Lieber möchte ich diesen Augenblick mit dir leben. Heute Abend ist so schön, vielleicht wird's nie mehr so gut wie jetzt. 


Heute Abend hab ich genug Vertrauen in dich, um davon auszugehen, dass dir unsere Verbindung genauso wichtig ist wie mir. Heute Abend hab ich genug Vertrauen in dich, um davon auszugehen, dass du mir die Dinge, die du für unsere Verbindung relevant findest. Heute Abend hab ich keine Angst vor der Nähe, die ich zu dir fühle. Im Gegenteil, ich fühle mich so wohl in ihr, als wäre ich dort schon einmal gewesen. Als würde ich dort schon seit Jahren leben. Dabei kennen wir uns noch gar nicht so lange.


Mir fällt auf, dass du dich neben mich gelegt hast. Ich habe das Bedürfnis, dir noch näher zu sein. Mich neben dich zu legen, ist ein guter Anfang. Doch das allein reicht gerade nicht. Also versuche ich, zu sehen, was du siehst. "Was siehst du?", frage ich dich. Manchmal sind Worte doch ganz nützlich. Normalerweise spiele ich dieses Spiel nämlich mit meinem Hund, der mir darauf noch nie eine vernünftige Antwort geben hat. Aber du, Mensch, sprichst ein wenig mehr meine Sprache. Deine Antwort ist ein Lächeln, das sich warm in mir ausbreitet:" Die Sterne." 


In meinem Leben habe ich schon oft den Sternenhimmel betrachtet. Ich hab Gedichte über ihn geschrieben und er hat mir zugehört, als sonst niemand da war, mit dem ich hätte reden wollen. Ich hab darunter geschlafen und mich dabei geborgen gefühlt, obwohl ich kein Dach über dem Kopf hatte... oder vielleicht genau deswegen. Aber mit jemand Anderem Sterne angeschaut hab ich noch nicht so oft. Heute Abend ist ein guter Zeitpunkt dafür. Du bist ein guter Mensch dafür. Ich liebe das Gefühl, die Welt ein bisschen mit deinen Augen zu sehen.


Ich denke, dass ich weniger Angst vor deiner Nähe sein sollte. Ich fühle, dass meine Angst vor Nähe, und meiner Verletzlichkeit, mir schon zu viel von der Begegnung mit dir versaut hat. Heute Abend will ich dich und den Sternenhimmel fühlen, sonst nichts. Ich weiß, dass meine innere Kriegerin mich nur davor schützen will, wieder verletzt zu werden. Aber ich fühle auch ganz sicher, dass es keine echte Nähe geben kann ohne Vertrauen und ohne den wahnsinnigen Mut, dem Gegenüber zu vertrauen. Heute Abend hab ich genug Wahnsinn und Mut, um dir dieses Vertrauen zu schenken. 


Ich wünsch mir, der Moment würde nie enden. Aber ich halt mich nicht fest an diesem Wunsch. Mir ist klar, dass alle Dinge endlich sind. Das Leben ist eine Aneinanderreihung schöner und schrecklicher Augenblicke. Alle davon sind vergänglich. Das Einzige, was du im Leben hast, sind die Augenblicke, und deine Erinnerung daran. Doch gerade die Vergänglichkeit der Dinge macht sie so besonders. Die Endlichkeit des Moments zu sehen und ihn dennoch zu genießen, das ist Leben.


Heute Abend ist einer dieser Momente, die ich immer im Gedächtnis behalten möchte. Was auch immer morgen mit uns passieren sollte, oder nächste Woche, oder nächstes Jahr, oder in ein paar Jahren - Heute Abend hat Magie inne und ich habe genug Mut und Wahnsinn und Emma in mir, um ihn nicht mit meiner Angst vor der Zukunft zu zerstören. Dafür bin ich dankbar. Alles in mir fühlt sich warm an. Ich nehme deine Hand und lass los. Wir sehen uns den Himmel an. Die Sterne leuchten so schön im Zauber von Emma und meiner Zuneigung zu dir. Ich verkneife es mir, von Liebe zu sprechen. Wenn ich davon irgendwann mit dir sprechen will, will ich dabei nüchtern sein.


Ich nehme deine Hand und fühle dich, so sehr ich kann. Ich lass dich so tief in mich, wie ich kann. Alles daran fühlt sich gut und richtig an. Das ist schön. Der Himmel ist schön. Du bist so schön. Ich denke darüber nach, dass ich dieses Gefühl vor ein paar Tagen fast weg geworfen hätte. Der Gedanke sticht mir ins Herz und mir wird klar, wie sehr ich mich selbst damit verletzt hatte.


Mir hat die Nähe zu dir so Angst gemacht, dass ich mich dir entreißen wollte. In diesem Moment kam mir das ganz vernünftig vor. Ich dachte, ich könnte uns beide so vor dem großen Schmerz bewahren, der bei zu großer Nähe nur logischerweise folgt. Ich dachte, du hättest nicht so viel Gefühle für mich, wie ich für dich. Ich dachte, ich müsste dich vor meinem Wahnsinn beschützen. Doch heute Abend wird mir der Irrsinn meines Handels erst richtig bewusst.


Wir beide haben so viel Potential, füreinander gut zu sein. Natürlich haben wir auch großes Potential, und zu verletzen. Wir sind beide Idioten, beide sensibel, beide manchmal gedankenlos. Aber heute Abend hab ich dieses tiefe Vertrauen in uns, dass wir uns nicht absichtlich verletzen wollen.


Ich halte deine Hand. Du fühlst dich richtig an. Heute Abend reicht mir das aus. Heute Abend ist alles, was wirklich zählt. Niemand weiß, was morgen ist. Aber es macht keinen Sinn, sich den Augenblick zu zerstören, indem man sich Sorgen über die Zukunft macht. Alles, was gerade wichtig ist, ist der Sternenhimmel über uns, dass du dich echt anfühlst, und das Wissen, dass ich mich auch selbst halten kann, falls du mich doch irgendwann enttäuschen solltest.


Auch wenn es sich danach anfühlt, jemand zu vertrauen ist kein freier Fall ohne Fallnetz. Ich selbst bin mein Fallnetz und ich werde mich immer halten.


Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online: