KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 13. Januar 2026, 21:40
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Traurige Sonette

874. Kolumne
 
Wenn ein Text lediglich optisch und mit den Hebungen sich wie ein Prosatext über 14 Zeilen erstreckt, dann wird sogar die Form beschädigt. Und das gedankliche Gerüst. Wenn zudem Enjambements aus Unvermögen hinzukommen, ohne jeden Charme von Keckheit und Hintergründigkeit, dann muss er und kann nicht anders urteilen, der Richter Bao in mir. Da hat sich in den letzten 1000 Jahren nichts geändert: Form und Inhalt bedingen einander. Das Sonett aus Italien verlangt den Klang! Wenn dann jeder Reim fehlt, vor allem der Endreim, dann gibt sich der Dichter selbst das Todesurteil für seinen Text, der nur aufs Sonett hinweist, aber keines ist.
Ich habe übrigens selbst ein paar Sonette geschrieben, die sich in der Dialektik von Form und Inhalt bewegen und mit End- und Binnenreimen klingen, wenn ich sie auch nicht für bedeutend halte (zumal ich als Erzähler mehr kann). Meine Sonette spielen daher eher mit der Form des Sonetts, deren Möglichkeiten ich trotz ihres Regel-Diktats nicht verkennen will. Aber ich will mich in dieses Kostüm nicht hineinzwängen, es zwickt und zwackt da und dort, es schnürt mir Bauch und Herz ein und lähmt meinen Schritt. 
Man widme dem Sonett ein Trauer-Sonett über seinen Niedergang. Da passt die alte Form vorzüglich.
 
20.12.25

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