KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
Montag, 10. August 2026, 23:03
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Der Goldschatz
897. Kolumne
Ein Märchen im Stil Johann Peter Hebels
Es war einmal ein Mann, der hatte seine Frau sehr lieb. Das kommt im Leben wirklich vor, ist aber selten. Und der war ein Bergmann und grub tagsüber im finsteren Schacht nach Gold für seinen König. Und seine Frau, die mit ihm am Rand des Berges wohnte, nannte er seinen Goldschatz, so teuer war sie ihm. Aber da war kein Gold für ihn zu haben, er musste alles, was er aus der Ader schlug, seinem König geben. Da sagte sie eines Tags zu ihrem Mann: „Du sollst nicht umsonst dein Leben abschaufeln im Loch unter unserem Glück!“ Denn sie war klug und hatte einen Plan. „Schluck die kleinen Goldklumpen hinunter, wenn sie dir nicht die Gurgel und den Bauch aufschlitzen, jeden Tag einen!“ Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen, und tat’s schon den andern Tag, wie sie’s ihm geraten. Und als sie zwei Hände voller Goldkörner beisammen hatten, sagte er: „Ich will’s zum Schmied bringen, der soll mir eine Kugel daraus machen, die hängst du dir um den Hals.“ „Sei vorsichtig“, sagte die Frau, „und gib dem Schmied sieben Goldkörner, dann wird er’s für sich behalten und lässt dir dein Gold.“ Das sah der Mann ein und ging zum Schmied und tat’s, wie ihm seine Frau geraten.
Der Schmied war ein guter Freund und wusste die harte Arbeit der Bergleute wohl zu schätzen. Als er die Goldkörner in beiden Händen wog, staunte er nicht schlecht. „Mach mir eine Kugel daraus“, sagte der Bergmann, „und wenn sie rollt und nicht rumpelt, sollst du sieben Goldkörner als Lohn erhalten, die ich dir aus dem Berg hole.“ Da ging der Schmied an die Arbeit, schmolz das Gold aus, goss es in eine Form, hämmerte und polierte die rohe Kugel solange, bis sie rollte, ohne auch nur ein einziges Mal zu rumpeln. „Das ist eine Kugel, wie ich sie für meine liebe Frau wünschte!“, sagte der Bergmann, als er sein Gold wiedersah, wie es in einer Kupferschüssel im Kreis rollte. „Eine solche Kugel gibt es kein zweites Mal“, sagte der Schmied, „sie ist schöner als alle anderen Kugeln, aber sei achtsam, die Kugel ist schwer und verzaubert jeden, der sie um den Hals trägt.“ „Was für einen Zauber meinst du“, fragte der Bergmann. „Die Kugel macht dich leichtsinnig. Wer die Kugel trägt, wird so schön wie die Kugel, das ist die Gefahr“, sagte der Schmied, „sie zieht jeden, der sie trägt, zu Boden, wenn er sich vornüber beugt, um sich im Teich zu spiegeln.“ Der Bergmann aber hörte nicht hin und gab dem Schmied die sieben Goldkörner und lief mit der Kugel nach Hause zu seiner Frau.
Als diese die Kugel sah, wurde sie rot vor lauter Freude und wollte die Kugel gleich um den Hals hängen. Aber wie sollte sie die Kugel an der Kette befestigen? Da nähte ihr Mann ein Netz, das band er an die Kette, und grüne dünne, aber feste Fäden umfingen die Kugel dergestalt, dass man die Fäden kaum sah. Die schöne Frau hängte sich die Kette um. So schwer war die Kugel, dass ihr der Mann dabei half, sie über den Kopf zu ziehen. Das Gold schmiegte sich an den Busen und glänzte so sehr zwischen den beiden Korallenhügeln von der Sonne, die gerade durchs Fenster schien, dass der Bergmann, auf den die Strahlen der Goldkugel fielen, in den Augen seiner Frau aussah, als sei er aus Gold gegossen. „Mein Goldjunge!“, rief sie und trat näher ans Fenster, um das Licht noch mehr zu reizen. Der Bergmann stand starr, ganz stumm machte ihn der Glanz von so viel Schönheit, während sein Goldschatz die beiden Fensterflügel aufriss und sich aus dem Fenster beugte, der Sonne entgegen ...
... Als sie aufwachte, wusste sie nicht, wo sie war. Um sie her war alles weiß, sie steckte tief im Schnee und war allein. Sie rief ihren Mann, aber der blieb stumm wie eben, als er im Sonnenlicht glühte, und warf weder einen Schatten noch leuchtete er, und sie konnte ihn im tiefen Schnee nicht finden, so sehr sie sich in den Federn des Morgens reckte und streckte. Ja, der Morgen schien wie die schwärzeste Nacht, denn wenn alles weiß ist, dann sieht man auch nichts. So ist es, dachte sie dann, wenn mein Mann im tiefen Stollen nach Gold gräbt, er sieht nichts, wenn die Leere das Licht der Grubenlampe erstickt. Und während sie so dachte und gar nicht wusste, ob sie schon wach war oder noch schlief und träumte, fiel ihr die Kugel ein. Sie griff zum Hals, zur Brust, aber auf den Hügeln lag nur der Schnee, der sie wärmte … Ein Märchen muss doch immer ein gutes Ende haben, das fühlte sie. Ich muss mich retten, dachte sie. Mein Mann schläft weit weg von mir, ich muss es selbst tun. Im Traum bin ich leicht und kann alles. Ich habe die Goldkugel verloren, aber ich gewinne mich selbst zurück, wenn ich die Kugel loslasse. So leicht ist das. So leicht ... Da schleuderte sie die Bettdecke von sich, sprang aus dem Bett und schüttelte den Schnee aus dem Kopf.