Kalt // Angst
Protokoll zum Thema Existenz
von mrakkkk
ihr war kalt, kälter als sonst, das war nicht wie der typische Tag im Herbst nach einem ungewöhnlich warmen Sommer, das war auch nicht wie der typische Wintertag, an dem man feststellt, dass man trotz blauem Himmel und Sonnenschein noch frösteln kann, nein, das hier war kälter, das war ein Kalt, das morgens nicht mit den ersten Sonnenstrahlen allmählich verschwindet, das hier, das war kalt wie kalter, feuchter Nebel, diese Art von ekelhaftem Nebel, der sich wie ein erstickendes Tuch über die letzte Glut im Lagerfeuer legt und anstelle dieses kleinen Hoffnungsschimmers nichts als ausgekühlte, schmierige Kohle zurücklässt, kaltblütig abtötend, kalt wie der nahende Kältetod der verirrten Wanderergruppe in grausam winterlicher Berglandschaft, kalt wie das schreckliche Gefühl der Erkenntnis der nächtlichen Wache, die das Feuer hätte schützen sollen, ihr war so kalt wie schon bald all die jungen Wanderer sein würden, wenn es ihnen im die Sicht raubenden Schneesturm mit ihren erfrierenden Händen nicht bald gelingen wollte, mit nichts als nasser Kohle ein neues Feuer zu entfachen, von dieser Kälte sprechen wir, so kalt war ihr in diesem Moment, ein gestürzter Bergsteiger, mit dem allerletzten kalorischen Brennstoff verletzt in einer Felsspalte im vollsten Bewusstsein ausharrend, dass er das Ende der herannahenden Nacht nicht mehr lebendig erleben würde, so tiefgefroren kalt ist ihr, als
kühles, weißes, leeres Papier. gebleicht. weiß. liniert. kalt. ein blauer Kugelschreiber. ihre schlanken Finger, ihn haltend, ein Skalpell, das in weißes, kaltes Papier schneiden wird. alleine war sie gewesen, als sie ihn gekauft hatte, alleine war sie gewesen, als sie die Kälte derart überwältigt hatte, das sie ihr durch Worte hatte Ausdruck verleihen wollen, alleine war sie gewesen, als ihr bewusst geworden war, dass sie alleine war und das hatte ihr Angst gemacht und sie hatte begonnen zu schwitzen, die kalte Angst, die ihr den Schweiß auf die Stirn trieb, diese Angst, die wie eine eisige metallische Hand sich um dein Inneres legt, diese Art von Angst, die gütig nachfragt, ob sie denn wirklich auch das ganze Innere umfasst und umschlossen hatte und wartete, bis man sich ganz sicher war, das wirklich alles, der Magen, diese Gegend um den Solarplexus, die man zum Atmen irgendwie braucht, der Hals, ob denn wirklich der ganze Körper, bis in die Beine hinein, die beginnen zu zittern und nicht stehen können sondern nur noch zittern, sodass man sich anlehnen muss, um nicht zu fallen, ob denn auch der Geist bis in die letzte Hirnwindung und den letzten Gedanken hinein umschlossen und gut umsorgt ist und dann, wenn man sich sicher war, dass die Angst allumfassend war, dann drückte sie zu, dann verschloss sie einem den Hals, den Brustkorb zerquetschte sie mit tonnenschwerem Druck und sie presste, sie quetschte erbarmungslos alles zusammen, enger und enger, bis nur noch leblose Materie übriggeblieben war, ein unvorstellbar kalter und fremdartiger Neutronenstern entstand, nur ein winziges bisschen mehr und
und sie schnitt, sie schrieb, sie ritzte ihre Kälte in das Papier und füllte es mit Worten, Sätzen, eng an eng, Zeile an Zeile und sie schrie mit dem Stift ihre Kälte und Angst in das Papier und sie schrie, sie verlangte, sie hatte das Recht, ja sie hatte verdammtnochmal das gottverdammte Recht auf Wärme und deshalb schrie sie Zeile für Zeile leise atmend in das Blatt hinein und signierte es und reichte es mir und ich las und
oh mein Gott wie stark war ihre Kunst.