KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 07. Februar 2020, 14:46
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Thomas Mann - Joseph, Sartre und Camus, Odo Marquard

705. Kolumne

Sartres und Camus‘ existentialistisches Denken wird in Thomas Manns JOSEPH für die Leser assoziierbar, die sich nicht an philologische Gewissheiten klammern, die frei sind in ihrem Denken - egal ob nun TM existentialistisches Philosophieren intendierte oder nicht. Der JOSEPH ist, unabhängig davon, eine Feier des Lebens, und ich bleibe dabei: es ist das große Lächeln des Sisyphos am Schluss der Schrift von Camus. Es ist der kleine, trotzige Optimismus angesichts eines schweren Lebens. Wüssten Kinder, Jugendliche und junge Leute, dass die schweren Schicksale, von denen sie (nur) (belletristisch) lesen und hören, auch sie selbst trifft (partiell, zeitlich ungewiss, am Ende des Lebens aber fast immer eintreffend), sie müssten den Mut zu leben verlieren ... Böse formuliert ist der Schluss des JOSEPH-Romans fast idyllisch, nicht kitschig, aber ein schwieriges happy ending, und doch großartig als Abschied Jakobs von einem oft bitteren und doch erfüllten Leben.
Nie war mir das Alte Testament so nah und wurde mir so vertraut wie durch diesen Roman Thomas Manns.
Thomas Manns Erzählung eines sich emanzipierenden Gottesbilds spiegelt die ‚religionsphilosophischen‘ Gedanken der besten jüdischen Köpfe. Wenn diese Art jüdischer Monotheismus mit der Toleranz gegenüber einem polytheistischen Weltbild eine Synthese eingeht, wie es dem pragmatischen Joseph gelingt, der als Jude quasi Reichsverweser Ägyptens wird, das ist, was Odo Marquard in einer suffisant-subtilen Schrift preist: „Lob des Polytheismus“ - in: O. M., Abschied vom Prinzipiellen, Reclam 7724. Der Polytheismus ist adäquat der Demokratie ... und der Monotheismus ...? Nein, der Monotheismus muss nicht zwangsläufig das monarchische Prinzip stärken - denn Monarch seines Lebens kann jeder Einzelne sein. Und so wäre dann die Lebens-‚Religion‘ Josephs, ich wiederhole mich auf einer anderen Ebene, die Synthese aller Einzelnen als Monarchen zu einer Demokratie mit aristokratischem Charakter. Ich weiß, das ist eine Utopie, aber doch ein neuer, pragmatischer Idealismus.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (28.02.20)
Ich kann Thomas Manns blasierte Schreibe nicht ausstehen und von einem Odo Marquard habe ich noch nie gehört.

Dies nur am Rande.

 Bergmann meinte dazu am 28.02.20:
Es ist deine Sache, einen Schriftsteller gern zu lesen oder abzulehnen. Interessant wäre sowohl für mich als auch für dich zu untersuchen, warum dich das was du blasiert nennst so anwidert, zuvor aber auch die Frage, was Blasiertheit ist und ob sie sich bei Thomas Mann zeigt.
Odo Marquard: empfehlenswert (es gibt einige Reclam-Heftchen). Dies nur nebenbei.
Cora (29)
(28.02.20)
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