KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Sonntag, 18. Februar 2024, 16:53
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Gedanken zu rechtsextremen Erscheinungen in Deutschland

843. Kolumne

Alles wird letztlich immer instrumentalisiert, öffentlich und privat. Aber es gibt sinnvolle Instrumentalisierungen, die der Erkenntnis dienen, oder der Trauerbewältigung - und es gibt lügnerische Instrumentalisierungen, die noch einen ganz anderen Zweck verfolgen. Die AfD und andere rechtsextreme Gruppierungen verfolgen nationalistische und antiamerikanische, letztlich antidemokratische Tendenzen, und es tut mir weh, dass der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp sich in gefährliche Nähe solcher Gefühle und Gedanken begab. Erfreulich, dass der Dresdener Lyriker Durs Grünbein, der nun auch zunehmend Prosa schreibt, so vernunftorientiert seinen Roman über die Bombardierung Dresdens 13.-15. Februar 1945 schreibt.
In Köln, das im 2. Weltkrieg so schlimm bombardiert wurde wie Dresden, gibt es keine derartig aufgeladene Erinnerungskultur wie in Dresden.
Vielleicht wird in Dresden die Rote Armee bis heute ungebrochen als Befreier gesehen, so dass sich die schon im Dritten Reich gewachsenen antiamerikanistischen Tendenzen unter neuen ideologischen Vorzeichen weiterlebten, wogegen es in Köln ja keine Rote Armee gab. 
Außerdem: Die Westintegration ist eben eine politische Entscheidung der westdeutschen BRD unter Adenauer gewesen, die von der gesamten Bevölkerung nicht nur getragen wurde, sondern auch bis heute geschätzt wird, politisch und kulturell gesehen; wogegen sich in Sachsen und anderen ostdeutschen Ländern die Ostintegration als (n)ostalgisches Phänomen behaupten konnte. Daneben gibt es die Kapitalismus-Ablehnung (auch im Westen). Der Widerspruch in Ostdeutschland: Man litt unter einer Diktatur und liebte die Besatzungsmacht ("de Freunde") nicht so recht - und sehnt sich nun zurück zu der Sicherheit der Bestimmung von oben samt allen Nischenseligkeiten, die es mal quasi als Kompensation gab und in denen man sich einrichtete und eine Art private Freiheit fühlte; während die wahre Freiheit immer auch komplexe Pflichten und Konsens-Arbeit einschließt. Die Diktatur von 1933 bis 1989 wirkt sich wohl immer noch aus bei einer großen Minderheit im Osten Deutschlands. Aber deren Verhalten entwertet, ja es verrät die gewaltlose Revolution von 1989. Nach Kants Grundsatz DENKE SELBER (sapere aude!) wäre es vernunftgemäß, die demokratischen Verhältnisse, die derzeit herrschen, zu reformieren und zu verbessern, aber ohne diktatorische Maßnahmen. 
Ein weiterer Aspekt ist das, was unter die Begriffe Überfremdung, Verfremdung, Entfremdung subsumiert werden kann. Zweifelsohne ist für viele Menschen die Zunahme von Mitbewohnern/Mitbürgern aus fremden Ländern ein psychosoziales Problem, das sich übrigens ungerecht auswirkt: Während wohlhabende Bürger wie ich in einer Gegend wohnen, wo es nur wenige Menschen mit Migrationshintergrund gibt, empfinden ärmere Bürger die Asylbewerber, Türken, Syrer usw. als Konkurrenten/Rivalen um Arbeitsplätze, als 'Abstauber' staatlicher Mittel, als Fremde mit fremder Kultur - und da kann es dazu kommen, dass sich mancher im 'eigenen Land' fremd fühlt, etwa wenn das Kind in die Grundschule kommt und eins von 5 deutschen Kindern in einer 25-köpfigen Klasse mit Migranten-Kindern sitzt, die kaum Deutsch können. Darauf muss Politik besser reagieren. Umgekehrt ist aber jede Rückwendung zu Blut und Boden eine psychopathische Bewegung, zu welcher der Antisemitismus nun verstärkt wieder im Verbund mit den Rechtsextremisten aufkommt. Entsetzlich ... als hätte es weder den Zweiten Weltkrieg gegeben noch die in seinem Schatten verübte Judenvernichtung.

Meine Kritik gilt gleichermaßen auch für den Rechtsextremismus (AfD, Reichsbürger, Identitäre, NPD ...) in allen westdeutschen Bundesländern.

[Februar 2024]
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