KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 01. Januar 2008, 23:13
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DAS GEHEIMNIS DES MINIMALISMUS

[Bergmann als Lehrer]

Hier ist die Zauberformel meiner jungen Historiker: Negative Leistung mit sich selbst multipliziert ergibt positive Leistung hoch zwei - Hochleistung. Die Formel sieht leicht aus. Aber was leicht aussieht, ist in Wahrheit meist ziemlich schwer. Die Formel ist ja auch metaphorisch gemeint. Am besten lernt einer, wenn er gar nicht merkt, dass er lernt. Und der lernt am besten, der das Lernen verlernt. Obwohl, ohne Schmerzen geht das nicht. Erkennen tut weh. Sich selbst erkennen tut sehr weh. Leichtigkeit muss dem harten Leben eben zäh abgerungen werden.
Irgendwie schafften das meine acht Schüler. Nicht immer so männlich, wie sie taten, aber alles in allem waren sie dann doch ausdauernder, als ich dachte... Sehen wir mal vom Doping mitten in der Stunde ab - Borsch brauchte den Stoff ganz einfach wegen Substanzmangel, Maibücher sublimierte irgendwas, er weiß es bestimmt selber immer noch nicht, es war vielleicht auch nur hypermotorisch, und Ottow war der reine Lust- und Frustfresser.
Am Anfang konnten sie nichts, gar nichts, und obwohl sie schon viele harte Jahre überstanden hatten, brachten sie keine nennenswerten Fähigkeiten mit, die im Fach Geschichte nun einmal notwendig sind: Begriffe beherrschen, historische Tatsachen und Zusammenhänge erkennen und behalten, Quellen analysieren, schriftlich darstellen und mündlich in ganzen Sätzen formulieren - nee, das klappte erst mal überhaupt nicht. Das erste halbe Jahr war die absolute Qual in der Folterkammer von Imperium und Sacerdotium. Die Temperatur sank unter 37°C, der ganze Kurs war reif für die Abwicklung, und ich frage mich heute, woher ich die Kraft nahm für mein tägliches Canossa.
Aber dann, ich weiß nicht mehr wie, entdeckten wir unsere Werte. Und zwar die inneren. Meine Schüler waren faul, dachte ich, aber immerhin witzig. Sie erfanden immer wieder eine neue Strategie zur Vermeidung der Arbeitsentfremdung, manchmal dreist und grob, es war aber nie so gemeint, war oft nur Verlegenheit, na ja, und auch eine langsam und zart wachsende Berechnung, mit der sie mich rumkriegen wollten. Steter Tropfen höhlt den Stein, dachten sie. Der Tropfen wurde immer größer, vor allem später bei den Arbeitstreffen im „Früh“ am Kölner Dom. Das war dann die Zeit, als man die Punktabzüge, die zwar immer noch notiert wurden, immer weniger fürchtete, weil inzwischen echte Punkte erworben wurden. Aber das mit den echten Punkten klappte nicht sofort. Wie gesagt, sie wollten mich rumkriegen, ohne was zu tun. Es ist die Geschichte des Charmes, mit dem sie das Maximum der geringsten Entfaltung von Arbeit erreichten, oder nennen wir es auch ruhig die Geschichte vom Geheimnis der emotionalen Intelligenz, die manchmal aus dem Nichts ein Optimum, aus dem Fragment ein Universum macht. Hier wucherten sie alle mit ihren Pfunden - Abdyl zum Beispiel, ein Meister der Doppeldeutigkeit auf dem nicht ganz leichten Terrain ganz männlichen Denkens... Oder Jonas: Wenn er grinste, grinste der ganze Körper irgendwie mit. Oder Thomas und seine freche Direktheit. Oder Konrad, der so gern den Super-Polen spielte, das war die nationale Realsatire... Der Kurs hatte übrigens eine verdammt östliche Schlagseite: Polen, DDR, noch mal DDR, Albanien, und der Rest sah auch ungefähr so aus - vielleicht ist der Ossie-appeal überhaupt das Fundament des Charmes...
Nicht alle Geschichten sind erzählbar. Nicht immer haben wir Lebenskunst erreicht, nicht überall wirklich guten Stil gewahrt. Aber immer die Stellung gehalten! Niederlagen wurden erlitten und durchgestanden. Unser Ja zum Leben siegte immer. Kaum einer war krank oder fehlte.
Heute kann ich sagen: Meine Schüler schrieben ihre eigene Geschichte, und die ist ja die wichtigste Geschichte. Um sie erfolgreich zu schreiben, mussten sie auch über Geschichte schreiben und reden können. Jonas konnte schon immer gut schreiben, der einzige. Aber gnadenlos faul oft auch er. Er im Böhnchen, wir gegenüber schwer gearbeitet, in die Quelle reingekrochen, und Borsch surft durchs Internet! Machtlos ich - den Jungen habe ich fünf Jahre gehabt, Klassenlehrer, Deutsch, Theater in Dresden, Berlin, Theater-AG, noch mal Dresden, und jetzt Hochleistung inversiv. Der ist einem einfach ans Herz gewachsen, schon wegen der Handy-Story damals! Oder Thomas, der kann auch schreiben, aber wenn er in der Klausur Null Wissen ins Quadrat erhebt, kriste zuviel, da macht Korrigieren immer mehr Lust auf alles andere. Aber auch er, den ich zwei Jahre lang in der 11 erlitt, wuchs dann über seinen kleinen Schatten immer größer hinaus, organisierte Kölnfahrten, Kino und Karaoke.
Dann kam die Zeit der grandiosen Referate. Thomas hielt das strahlendste. Die Klausuren wurden langsam lesbar. Konrad, den ich als Sprachkatastrophe im Grundkurs Deutsch kennengelernt hatte, überraschte auf einmal mit den besten Hausaufgaben im Kurs, kam auch bei Klausuren hoch und zeigte, was die polnische Mafia drauf hat: Organisation der besten Sportbarplätze beim WM-Halbfinale! Christoph: Ein sympathischer Kämpfer, der so klug ist an sich zu arbeiten (natürlich überanstrengt auch er sich nicht...). Und last not least Carsten, auch so ein Kleinmeister der trockenen Anspielungen, Grenzgänger und Grattänzer im Bereich der magischen 5 Punkte...
Well, das Kollegium (das Dieter Bednarz einmal so trefflich ein Beuys’sches Gesamtkunstwerk nannte) ist nicht an diesen Schülern gescheitert, aber sie sind durch meine geschätzten Kollegen und mich nicht gerade zu Intellektuellen geworden. Eher haben sie mich manchmal ein wenig runtergezogen, aber das ging nicht anders, ich wusste ja, was ich tat - ich bin zu jedem durch die Hintertür reingekommen, um nachher durch die Vordertür rausgehen zu können. Schließlich war das St. Michael mal eine Jesuitenschule...
Meinen Schülern gelang der schwierige Prozess einer Selbstgeburt zum Ende hin immer besser. Nie wirklich leicht und elegant, aber doch so einigermaßen. Es war eine Zangengeburt, aber die Zange sah keiner außer mir. Sie denken jetzt bestimmt, dass sie das selber bewirkt haben oder dass sich das alles von ganz allein ergab, und haben nicht gemerkt, wie ich unsichtbar die Fäden zog (ha!) und heimlich dies und das in ihre Hirne schmuggelte. Egal. Sollen sie ruhig denken, sie hätten mich besiegt. Ich kann leicht verlieren, wenn ich gewonnen habe.

Ulrich Bergmann

[für die Abiturzeitung]

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 BrigitteG (22.06.07)
"Erkennen tut weh. Sich selbst erkennen tut sehr weh" - das ist RICHTIG gut. Und so wahr.
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