KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 08. Februar 2008, 13:04
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Als ob die Welt ein Fallen ist - Elias. Lyrik (17)

Elias, 1954 geboren, Wissenschaftler in Thüringen, ist ein wichtiger Kommentator und feinsinniger Kommunikator, vermutlich oft auch hinter den Kulissen. Er ist ein Motivator und kluger Kritiker - und zudem ein sehr beachtenswerter Lyriker, vor allem in seinen letzten Gedichten! Sein großes Thema ist das Fragen nach dem Sinn unseres so kurzen Lebens:

„mitunter befrag ich die schmale Lücke zwischen Leben und Tod . ganz leise ... frage mich . ob ich im Glück wirklich sterben will . und es streicht ein Singen . über mich, ein Gefühl . wie von Messerklingen . …“

Das sind wunderbare Verse, die Messerklingen erinnern mich an ein Gedicht von Alma Maria Schneider, sind mir selber nah.

„für einen Moment werde ich still . schau voller Neugier durch jene Tür . will . am Entsetzen vorbei in den Raum . der sich zwischen die Wahrheiten legt . dort, wo ein müßiger Traum . die großen Dinge bewegt . …“

Verse eines Suchenden, der schon weiß, dass er vieles gefunden hat, für das es sich lohnt zu leben.

Drei seiner schönsten Gedichte will ich vorstellen, ein Liebesgedicht, wo die Semantik der Worte zu tanzen scheint, ein zweifelndes und ein elegisches Gedicht.


Roter Mohn

wir lagen im roten Mohn
einen Sommermund lang
legten den Stolz
und die Lippen
ins raschelnde Korn

ein Falke schrie hoch
wir hörten ihn kaum
er schrie
er sah wohl
am Feldsaum die Einsamkeit

wir lagen im blauen Klang
gefiederter Wünsche
wir hörten das Wispern der Fische
im Teich
sie ahnten den Winter

tranken aus unseren Augen die Gier
und legten statt dessen
Liebe hinein

wir wußten noch nicht
dass alles vergeht

einen Sommermund lang


Dieses Gedicht ist allerdings gar nicht so leicht, wie die ersten zwei Verse zu sein scheinen: „wir lagen im roten Mohn“. Der Rausch der Liebe in den Blumen am Rand eines Kornfelds dauert nur kurz, „einen Sommermund lang“, was im Schlussvers des Gedichts wiederholt wird. Das ist nicht der ganze Sommer, sondern nur der Moment einer geglückten Begegnung, die Dauer und Flüchtigkeit eines Kusses. Die Liebenden verlieren alle Scham voreinander und reden nur noch mit ihren Körpern, sie sprechen nicht (sondern „legten den Stolz | und die Lippen | ins raschelnde Korn“).
Sie nehmen den Falken über ihnen nicht wahr - eine ähnliche Idee hatte Bert Brecht in seinem Liebesgedicht „Erinnerung an die Marianne A.“, da ist es eine Wolke - den Liebenden fehlt die objektivierende Perspektive für ihre Liebe. Der scharf beobachtende Falke erkennt, was die Liebenden in ihrem Rausch nicht sehen: Ihre Einsamkeit zu zweit. Allerdings ist das nur die Vermutung eines über dem Wir stehenden lyrischen Ichs, das vor allem in nächsten Strophen ein immer klareres Bewusstsein entwickelt.

In der Rückschau erkennt das lyrische Ich in der Wir-Form: Die Liebenden befanden sich „im blauen Klang | gefiederter Wünsche“, sie sehnten sich nach einer Liebe ohne Einsamkeit, die sie nicht verwirklichen konnten. In der Stummheit der wispernden Fische spiegelt sich die Unsicherheit der Sehnsüchtigen, die den Tod ihrer Liebe („Winter“) ahnen. Sie erlebten nur den Schein der Liebe, ihre Begierden, und sie glaubten sich glücklich in ihrer Unwissenheit in der Berührung des Sommermunds.

Das Gedicht greift diese Liebe nicht an, es stellt nur fest, wie es ist, wenn zwei sich lieben. Vielleicht lässt sich im Bild des roten Mohns auch unser ganzes Leben sehen: „alles vergeht“. Unser Leben ist ein kurzer Rausch, in den wir unsere ganze Lust hineinlegen. Was sonst? Es ist, wie es ist.


„sine tempore“ - ohne Zeit - spielt schon mit dem Titel auf die Zeitlosigkeit, auf Knappheit der Lebenszeit an. Auch hier tritt das lyrische Ich im Wir auf, es reflektiert eine fremde Person (jemand) und meint sich darin selbst. Es philosophiert mit der Gewissheit eines Sokrates (Ich weiß, dass ich nichts weiß): „es ist eben“ so, wie es ist: Wir versuchen in der Dunkelheit unseres Seins („im Mondlicht“) das Leben zu erkennen (Augenwäsche), unser Hirn ist ein „bedachtes Holzgebälk aus | Sehnsüchtelei“ - wir erkennen das Motiv des „Roten Mohns“ wieder: Das Leben als Sehnsucht und Selbsttäuschung. Während wir es (oder uns) suchen, verrinnt die Zeit hinter unserem Rücken („das leise Mahlen der Zeit“), wir sind wehrlos und können nicht fliehen. Wo Engel Flügel haben, haben wir nichts.
Da hat „jemand“ „Kerzen der Eigenliebe ans Fenster | gestellt…“ - es reicht nur zur Darstellung der Selbstliebe, und der Mut zum Leben und zur Wahrheit ist klein, er ist „an den Kanten der Lippen“, er kommt nicht von innen, bleibt Lippenbekenntnis.

Die Sprache fehlt („das heisere Röcheln der Gräte | im Worthals“), alles Artikulierte bleibt naiv - und zuletzt steht Sprachskepsis: Wer nicht sprechen kann, denkt nicht, der ist tot - oder er spielt wie ein Kind im Unbewussten. Das Ende des Gedichts ist hart: In der Knappheit unserer Lebenszeit (sine tempore) gelingt uns nur ein heiseres Stottern von Gedanken, die noch gar keine sind oder werden können.


sine tempore

es ist eben
dass da jemand seine Augen
im Mondlicht wäscht
bedachtes Holzgebälk aus
Sehnsüchtelei
das leise Mahlen der Zeit
im geflügelten Nacken

Kerzen der Eigenliebe ans Fenster gestellt
Mut an den Kanten der Lippen
das heisere Röcheln der Gräte
im Worthals, naiv

wir nannten es Sprache
in lichten Stunden Tod
oder Spiel




Amsel im Schnee

als ob die Welt ein Fallen ist
fällst du mit mir?

als ob die Welt ein Krallen ist
an Schindeln alter Dächer

vor ihrem Körper schon
war jenes Lied und vor dem Lied
verzückter Ton und Note

vergeht nicht

fall und krall
und deck mich zu


Das Gedicht „Amsel im Schnee“ formuliert den Niedergang im Lebensprozess - allerdings noch in der Unbestimmtheit des Als-ob. Im konjunktivischen Satzgefüge wird das Prädikat bewusst indikativisch gesetzt. „fällst du mit mir?“ ist entweder eine rhetorische Frage oder eine Bitte, eine Hoffnung: Selbst im Untergang will das einsame Ich nicht einsam bleiben.
Lebensgesetz: Welt will leben („Krallen“), will Sinn und Bezug haben. Es ist absurd und paradox, und doch sinnvoll, wenn sogar das Große (die Welt) sich am Einzelnen festhält, es ist die Umkehrung des pars pro toto. Absurd: An Schindeln alter Dächer ist kein Halt.
„jenes Lied“ besteht ohne die Welt, es benötigt sie nicht, es ist ohne die Welt schon „verzückter Ton und Note“ - auch die Gefühle (verzückt) sind in den Ideen als Möglichkeiten angelegt bzw. sie sind nur in unserer Einbildung. Das Lied „vergeht nicht“.

Fazit: Fall und krall - lebe mit mir! „und deck mich zu“ ist ambivalent: Überlebe mich oder deck mich mit dir zusammen zu, wenn wir schlafen, wenn wir sterben. Vielleicht ist aber auch das Lied angesprochen, das den Schöpfer - das lyrische Ich - überlebt.
Dieses Gedicht verbindet die Motive der Einsamkeit und der Werkidee. Es erinnert mich mit dem Lied, das ohne uns ist (oder wir in ihm) an Hölderlins wunderbares Gedicht

„An die Parzen“.

Nur e i n e n Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und e i n e n Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe!

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilige, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinabgeleitet; e i n m a l
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.


---

Ulrich Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 AZU20 (08.02.08)
Lieber Herr Bergmann, ich habe noch einmal die Gedichte genossen, die in der Tat außergewöhnlich sind, und gleichzeitig die tiefsinnigen Interpretationen, die von einer ehrlichen Hochachtung geprägt sind. Elias hat das verdient. LG

 Theseusel (08.02.08)
Denn "Die Welt ist alles, was der Fall ist." (Wittgenstein)

Ich kann mich AZU20's Kommentar nur anschließen und der Beweisführung durch Dich Bergmann!
Elias† (63)
(09.02.08)
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