KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 18. April 2008, 09:40
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Ich kann euch nur die Tür zeigen, durchgehen müsst ihr selber…

Eine schriftliche Abiturrede

Ich bin, also denke ich

Widerlege dein Nichts! Die Schule, wie wir sie erleben, kommt uns oft vor wie eine Scheinwelt, eine Vorwelt. Viele Schüler fühlen sich hier in einer Matrix, wie in einem Gefängnis - in Platos Höhle, in einem Erkenntnis-Gefängnis, angekettet an die eine Sicht auf die Schatten an der Wandtafel. Sie müssen sich die Welt, die Wirklichkeit vorstellen, ja sie können sich sogar ihre eigene Existenz nur durch Interpretation ihrer unvollständigen Wahrnehmungen, ihre eigenen Schatten, vorstellen… So ist es auch mit dem gesellschaftlichen Sein - wenn wir im geistigen Überbau verharren als Marionetten mit Herz und Seele.

Die Angst verschlägt uns das Wort. Weil das Seiende im Ganzen entgleitet und so gerade das Nichts andrängt, schweigt im Angesicht seiner jedes ‚Ist’-Sagen.

Zum Glück kann es anders sein. Jeder von uns ist potentiell Neo, Number One, jeder sein eigener Heilsbringer und Retter. Wenn wir mit Morpheus sprechen. Mit den Träumen in uns. Dein Übergang aus der Gefangenschaft der Matrix in die wirkliche Welt ist ein Mysterium, wenn du dich poetisch konstruierst, dich erfindest.
Dieser Weg ist die Überwindung der Hölle im Leben. Die Abnabelung von der Matrix-Welt erlebt Neo wie eine Geburt. Er ist ein Embryo bei vollem Bewusstsein. Neo fällt in die Zeit aus der Kausalität seiner bisherigen Welt. Er beginnt ein neues Leben, er hat eine neue Zeit. Ob alle Schüler ihre Individuation, die ihnen zu einem guten Teil in der Schule bewusst (gemacht) wird, wie Neo erleben, ist fraglich. Aber ich kenne welche, die ihre seelische und geistige Entwicklung reflektieren.
Neo fällt in den märchenhaften Brunnen, in dem das alte Leben ertrinkt und das neue geboren wird. Andere ersaufen in sich selbst, ersticken im Rausch der Kompensation ihres Nichts, also an sich selbst, in billiger Musik, im Suff, an Hasch und Koks… Und viele häuten sich und gehen in ein neues Leben.
Morpheus führt Neo zum Kampf in die Matrix gegen die Matrix, gegen die Erstarrung in einem (kapitalistischen) System der Versklavung. Trinity führt ihn ins Leben zurück und zum Sieg über die Matrix, und damit wieder zurück an die Pforte zum Paradies. Wenn es so leicht wäre! Die Kräfte der Erziehung schlagen nicht immer so an, dass sie im Zögling zum Selbstläufer würden, und die Liebe bestärkt sie gar oft in seinen Verwirrungen.
In dem Film MATRIX steht der Mensch ganz im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit, der fast verlorene Mensch will sein Wissen und die Homunculus-Idee, die hier der virtuellen Welt entspricht, zurücknehmen, um sich wieder neu zu erschaffen. Die Idee des Übermenschen wird hier berührt: Neo soll der Seiltänzer wie in Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ werden, der nicht abstürzt, der also den bisherigen Menschen überwindet. Morpheus, der Gott des Schlafs, des Traums, ist der Meister, Neo der Schüler. Der Meister lehrt den Schüler, damit er das tut, was er selbst nicht kann: Die Welt retten. Ein absurder Kreislauf! Es gibt nur eine Gewissheit: Erkenne und rette dich selbst!
Was wird aus mir? Ein Orakel ist ein intelligenter Scherz. Als Neo das Vorzimmer des Orakels betritt, sieht er, wie eines der kleinen Kinder mit der Kraft seines Geistes einen Löffel verbiegt wie Uri Geller. „Nicht der Löffel verbiegt sich, sondern du selbst!“, sagt das Kind. Dieser Satz spielt mit der Ideenlehre Platons, mit dem Verhältnis von Körper und Geist oder Hardware und Software. Der Geist baut sich den Körper (Goethe, Faust). Wir bauen uns unsere Welt. Unser kindliches Spiel ist eine Vorausdeutung des Kampfes, in dem wir die Matrix besiegen können. Das Orakel, Witzbild der delphischen Sibylle, verzeiht Neo seine Tolpatschigkeit schon, bevor er ihre Vase beim Eintreten in die Küche zerbricht. Im absoluten Relativismus verliert sich jeder Sinnzusammenhang, alle Kausalität. Das Orakel sagt: „Hättest du sie auch zerbrochen, wenn ich nichts gesagt hätte?“ Ich sage: Hättest du auch gelernt, wenn ich dich nicht unterrichtet hätte?
Das Orakel ist so profan, dass es sich selbst ironisiert, indem das Voraussagen der Zukunft auf die Wahrscheinlichkeit reduziert wird, mit der ein eiliger Ratsuchender eine fast schon absichtlich dumm plazierte Vase umrennt. Zukunft ist nicht voraussagbar, weil physikalische Prozesse und menschliche Handlungen nicht notwendig nach dem Maßstab einer zweiwertigen Logik funktionieren. Orakelsprüche sind offen, auslegbar, erst im deutenden Bezug auf Zukunft werdende Gegenwart werden sie erfüllt, werden sie wahr. Wenn ich nicht weiß, was ich will, weiß ich nicht, was ich werde.

Daß die Angst das Nichts enthüllt, bestätigt der Mensch selbst unmittelbar dann, wenn die Angst gewichen ist. In der Helle des Blickes, den die frische Erinnerung trägt, müssen wir sagen: wovor und worum wir uns ängsteten, war ‚eigentlich’ - nichts.

Das Orakel verweist ironisch auf die Matrix, die nach der zweiwertigen Logik funktioniert. Damit wird Matrix vollständig starr und berechenbar und ist flexiblem Denken, das den Zufall zulässt und stetig neue Regeln und Handlungen erfindet, unterlegen. Die dynamische Dialektik der Evolution des Geistes ist dem dualen Mechanismus im Software-Hardware-System überlegen. Das Organische besiegt das Anorganische. Der schöpferische Mensch mit beweglichen Ideen ist mehr als die feste Form der Matrix. Sei dir also selber ein Orakel, das du überwindest: Im Anfang ist die Tat!
Ich glaube, die meisten wollen lieber in einer Matrix leben. Das ist leichter, bequemer, der Kapitalismus unserer Gegenwart ermöglicht vielen ein Leben im Dauerrausch. Sie verraten sich lieber selbst. Sie wollen kein Sisyphos-Leben, das einzige, das zu leben sich lohnt. Sie leben ein Judas-Leben. Sie sind wie Cipher. Cipher verrät Neo - eine Parallele zum Verräter Judas im Rahmen der Messias-Parodie. Er hat einen sprechenden Namen: Cipher, englisch Null - aus dem Arabischen: Ziffer. Null spielt nicht nur auf die moralische Wertlosigkeit dieses Verräters an - Cipher will tatsächlich zur Null werden, zur bloßen Ziffer, zum Nichts, aufgehen in der Form, er will seinen Körper loswerden und so unsterblich sein, ganz zur Matrix gehören, um vollkommenen Genuss zu ‘er-leben’. Cipher betont die Macht der Ideenwelt, die er in der Matrix zu finden glaubt. Er will lieber in der virtuellen Welt, in einer komfortablen Illusion leben als in der rauhen Wirklichkeit.

Mit der Grundstimmung der Angst haben wir das Geschehen des Daseins erreicht, in dem das Nichts offenbar ist und aus dem heraus es befragt werden muß.

Im Endkampf gegen Smith, den Anti-Nietzsche, stirbt Neo vorübergehend, aber er wird durch die Liebe einer Frau wieder zum Leben erweckt: Trinity, Dreieinigkeit. Gott ist weibliches Prinzip - Neos Auferstehung zum Übermenschen gelingt in der Liebe mit Trinity - Maria Magdalena … Simone de Beauvoir: Mann und Frau ergänzen sich - nur so ist der Mensch vollkommen. Selbstgeburt im Geist echter Humanität und Fortzeugung sind dann eins. Der Film MATRIX ist insofern eine Korrektur der Evangelien, als das weibliche Prinzip des Lebens zurückgewonnen wird - wenn auch leider im Hollywood-Cliché, es sei denn, die Erweckung Neos ist ironisch gegen Hollywood gewendet, was ich den Wachowsky- Brüdern zutraue. Jedenfalls hat die Szene etwas ungemein Emanzipatorisches.
„Du bist nicht tot, weil ich dich liebe... Steh auf!“, sagt Trinity. Es geht um das Wunder der Liebe, das dem Leben der Menschen den einzigen Sinn gibt: Die Kraft zu leben und eine Zukunft zu bauen, manchmal auch entschieden gegen die Logik. Logik ist keine hinreichende Lebensbedingung. Liebe ist Über-Logik.

The school must go on. Immer noch und immer wieder gilt per aspera ad astra. Du glaubst, du beherrschst dich und damit die Simulation der Wirklichkeit, aber nun musst du den Kampf deiner Befreiung von der Herrschaft einer viel mächtigeren Matrix in einer viel rauheren Wirklichkeit aufnehmen. Oder als Cipher leben. Willst du denken oder verrauschen? Willst du Erkenntnisschmerzen oder das Koma der Süße? Ich bin, also denke ich.

In der Schluss-Szene fliegt Neo, der Auferstandene, nachdem er eine kleine revolutionäre Rede im Hollywood-Maßstab hielt, wie Superman zum Himmel empor: Himmelfahrt. Aber wir bleiben in der rauhen Wirklichkeit des Alltags. „...Es liegt an euch...“, ruft uns Neo zu. Nur wenn wir glauben und lieben wie er, können wir uns aus der Gefangenschaft eines Matrix-Lebens befreien. L’Oracle - c’est moi!

Ich denke, also bin ich.

[Kursive Sätze von Martin Heidegger, Was ist Metaphysik? - 1929]

Ulrich Bergmann, 5.3.2008

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Theseusel (21.03.08)
...dann gelangt man auf den Milky Way ohne auf dem Holzweg zu sein werter Bergmann, vor allem in dieser KARenzzeit auf kV!;)

Heidegger? Schon seine Einführung in die Metaphysik in "Sein und Zeit" fraß mir Löcher in die Socken und in diesen Löchern (oder waren es die Socken?) offenbarte sich, wie in seinem Schlusssatz, die Zeit als Horizont des Seins!
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