KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 09. Januar 2009, 16:14
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Liebe Genieleser!

Selbst die ausgedehnteste und kleinlichste Interpretation hat Anspruch auf Gehör und kann sehr wohl gewinnbringend sein. Ihre Ablehnung kann sehr leicht Geistfeindlichkeit sein. Geist kann Gefühle in Frage stellen (nicht jedes Gefühl ist gut, viele Gefühle entspringen einem schlechten geistigen Fundament) und auch erhöhen.

Es ist immer die leichteste Position, die Forderungen des Lehrers (Lehrplans) abzulehnen im Namen einer geheiligten Gefühlsdominanz und Privatbefindlichkeit.

Der schlechteste Lehrer kann Homo Faber oder den Prometheus nicht kaputtmachen.

Was der Dichter meinte, ist nur eine Frage unter vielen.

Maßt euch nur jede Interpretation an, folgt dabei verständnisvoll den Dichtern bzw. ihren Werken - und widersprecht ihnen, manchmal beides in einem!

Der Nachweis, wie dumm Deutsch-Lehrer sind, hängt auch davon ab, was die Kritisierenden im Unterricht überhaupt verstanden haben.

Eine Verarschungsinterpretation kann durchaus viel Zutreffendes enthalten. Oft merkt der Verarschende gar nicht, wie sehr er sich dabei selbst verarscht oder gar betrügt, wenn er denkt, er habe seinen Lehrer hinters Licht geführt.

Was besagt denn schon so eine Erinnerung: Ich habe damals den „Werther“ nicht lesen wollen, nicht verstanden, der Lehrer hat Unnachvollziehbares hinein interpretiert?

Fragt euch auch, wie dumm ihr selber damals wart - und fragt euch, ob ihr jetzt noch dümmer geworden seid, wenn ihr stolz berichtet von eurem Leiden an der Sprache und Literatur oder Grammatik.

Nun gut, mir ist klar, dass so manche Lehrer mit ihrem zwanghaften Unterricht vieles unnötig verderben. Auch das System Schule ist nicht vollkommen geeignet um für Literatur zu begeistern. Denn viele Schüler haben weder das sprachliche Vermögen noch das Interesse. Und die Verbindung mit bestimmten Leistungsanforderungen und der Benotung machen das noch schwieriger, als es ohnehin schon ist.

Der „Werther“ z. B. wird in aller Regel ab 11. Klasse gelesen, da sind die Schüler 16 bis 17 Jahre alt. Einerseits alt genug, um so eine Liebes-Leidenschaft und Selbstmordproblematik zu erkennen und erörtern - andererseits oft zu jung, weil noch keine analoge Erfahrung vorliegt. Und trotzdem: Man kann in dem Alter fast alles antizipieren, nicht nur kognitiv. Natürlich sind längst nicht alle (gymnasialen) Schüler dazu fähig.

Stephen King wird von den allermeisten Gymnasiallehrern verkannt und als Unterrichtslektüre abgelehnt. Es ist ein Faszinosum, dass King schon von Achtklässlern gelesen wird - und dass intellektuelle Leser, etwa Naturwissenschaftler, ihn schätzen...

Seltsam auch: Ich habe in meiner Schulzeit sehr schöne Erfahrungen mit meinem Deutschlehrer in der Oberstufe gemacht, nachdem mir in der Mittelstufe mit dem „Schimmelreiter“ (den ich nicht las) zugesetzt wurde. In der Oberstufe las ich „Nathan der Weise“ und „Werthers Leiden“ übrigens auch nicht, aber die Unterrichte fand ich trotzdem interessant. Meine private Lektüre war mir wichtiger. Ich las Thomas Manns „Dr. Faustus“ und überforderte mich total, was ich aber erst später erkannte.

Übrigens liebte ich sogar Grammatik und Rechtschreibung, aber das liegt vielleicht an der Liebe zur Sprache in allen ihren Bezirken, die ich mir bis heute bewahrte.

Ich bin übrigens der Meinung, dass man oft auch ein Buch völlig unkommentiert lesen kann und dass man sich mit der unbewussten Interpretation beim Lesen begnügen darf.

Nur als Schüler eben nicht. Und ich finde es zumutbar und gut, wenn junge Menschen auch Pflichtaufgaben bewältigen lernen. Es kann ja wohl nicht richtig sein, dass ich in meinem Leben nur das mache, was mich motiviert. Motivation entsteht oft, manchmal sogar notwendigerweise, erst in schmerzlicher Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Als ich 10 Jahre alt war, hörte ich in der einklassigen Schule des Flüchtlingslagers Loccum den Oberstufenschülern zu, wie sie „Wilhelm Tell“ interpretierten und diskutierten, während wir, die Kleinen, grammatische Aufgaben aus dem Rahn/Pfleiderer (ein seinerzeit berühmtes Lehrbuch, das heute völlig verrufen ist und trotzdem irgendwie fehlt) bearbeiteten. Ich war fasziniert und wünschte mir am liebsten so eine Volksschule zurück – für alle.

Wir müssen immer wieder uns selbst interpretieren, die Menschen, die uns umgeben, alles was wir erleben.

Die Welt ist der große Text, der uns aufgegeben ist.

Es ist eben dies alles ein weites Feld.
Ach, ein zu weites Feld.



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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Kommentar von AZU20 (16.06.2006)
Oh, der alte Rahn/Pfleiderer. Den gibt es nicht mehr? Ich hatte leider bis auf Küpper (ein halbes Jahr als Referendar) nur schlechte Deutschlehrer, die völlig verkopft waren. Bei meinen vielen theatralischen Fortbildungen war ich der Exot unter den Deutschlehrern, und die ließen mich das manchmal spüren. Ich habe nie verstanden, dass sie auch hier alles nur vom Text, weniger von der Gestaltung auf dem Theater angingen (Ausnahmen gab es freilich auch). Als ich während einer Konferenz vor lauter Verzweiflung King las, zog ich mir vor allem die Missbilligung eines bestimmten Deutschkollegen zu. Glücklicherweise habe ich einige junge Kollegen kurz vor Ende kennen gelernt, die laut Aussage ihrer Schüler anders an den Stoff herangingen. Zu lesen gab es von diesen Kollegen auch etwas, was mir gefiel. Einige ältere Kollegen lieferten dagegen fürchterliche Elaborate ab, die z.B. in Festschriften nicht veröffentlicht werden konnten. Hier leuchteten Sie immer wie ein Leuchtturm in der Wüste. LG

Bergmann meinte dazu am 16.06.2006: Ist das wahr? Fiel Ihnen das auf? Aber andererseits: Ich bin oft auch ziemlich verkopft. Ich muss dann immer wieder geerdet werden. Im privaten Leben zieht das Ewig-Weibliche mich immer wieder wunderbar hinab (und hinan natürlich auch). In der Schule sind es die frischen Widerworte, der belebende Widerstand der Schüler, die mich zugleich aber auch mit ihrem dumpfen Un-Sinn quälen.
Es ist, wie Fels, der frühere Direktor des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Bonn in einem Vortrag sagte, als ich Referendar war: Die jungen Leute sind lebende Gegensätze: Sie sind unreif und reif, dumm und klug, langweilig und spannend, einfallslos und innovativ, unmotiviert und interessiert ... und dies alles nacheinander, abwechselnd oder auch in einem.

AZU20 antwortete darauf am 16.06.2006: Von Fels halte ich natürlich eine ganze Menge.- Mich hat vor allem immer wieder begeistert, welch zutiefst menschliche Kontakte mir bei meinen Theaterschülern zuteil wurden.

Bergmann schrieb daraufhin am 16.06.2006: Das konnte man gut sehen! Insbesondere bei Ihrem "Kabarett Chaos" bemerkte ich das. Aber ich überschaue nur einen kleinen Teil der Zeit, und die Theaterphase kenne ich (leider) nicht so gut. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist beim Theaterspielen viel gegenseitiger.

Kommentar von leilah (17.06.2006)
"Wir müssen immer wieder uns selbst interpretieren, die Menschen, die uns umgeben, alles was wir erleben.
Die Welt ist der große Text, der uns aufgegeben ist."
Das ist in meinen Augen konkrete Poesie. lieber gruß leilah

Kommentar von DieTine (43) (19.06.2006)
Ja, das ist schon richtig so. Und natürlich habe ich auch nicht alles gelesen, was wir dann interpretiert haben. Ausschnitte reichten zuweilen. Vielleicht auch, weil das Interpretationssystem des Deutschlehrers so dominant war. Ich glaube, das ist manchmal das, was am stärksten hängen bleibt, vor allem, wenn man seinen Deutschlehrer mag. Das sollte man als Lehrer wissen. Den Werther habe ich allerdings gelesen, auch gern und sehr berührt. Und den Steppenwolf, der mich gequält hat. Weil er mir existetiell zu anspruchsvoll war. Eigentlich ... sollte ein Lehrer auch in der Lage sein, zu erkennen und zu verbalisieren, was die Lektüre in den Schülern auslöst. Das ist natürlich eine Überforderung. Aber es wäre besser. LG, Tine

Kommentar von The_Black_Death (05.11.2006)
Hallo Bergmann,
wie recht du hast mit diesem Text, die meisten Jugendlichen lesen privat so oder so sehr wenig, Sie sind lieber im Intenet auf anderen Seiten von ihrer Lieblingsband am chatten oder spielen Viedospiele. Viele ältere Menschen verpönen Stephen King, mein Vater meint sogar, das wäre in einer schlechten Sprache verfasst, nur weil es Horror ist. Obwohl er natürlich nie ein Buch von King gelesen hat. Ich persönlich würde mir nie anmaßen über die literarischen Fähigkeiten eines Autors zu urteilen, wenn ich ihn nicht gelesen habe. Dein Text gefällt mir.
Schönen Gruß
The_black_Death

Kommentar von darkjoghurt (11.05.2007)
Ich äh mochte meinen Deutschunterricht in der Oberstufe ab der 11/2 sehr gerne. Da hatten wir endlich einen Lehrer, der uns gute Sachen lesen ließ, die nicht alle aus dieser furchtbaren - darf ich 68er-Ecke sagen? - also 68er Ecke kamen. Also: Goethe, Kleist, Süskind, Nadolny war auch OK, und Büchner und so was. Leider auch Handke, leider nicht Thomas Mann. [Obwohl ich TM immer vorgeschlagen habe.] - Ich bin für viel größere und bessere Lesepakete, ehrlich gesagt. Mit Tests nach den Inhalten - so Fragen, die man nur beantworten kann, wenn man den Text gelesen hat. Und dann nich so viel "Schrott" wie "Samtpfoten auf Glas" oder Gudrun Pausewang oder mit was man noch alles seine Zeit veschwenden kann. Sondern bitte echte Meister: Fontane und Musil, Kafka und Hebel. Also - das ist meine Meinung.
Dass Du King erwähnst, wundert mich wie sonst nur ein plötzliches Auftreten Franz Schuberts. - Ich habe auch eine Geschichte von ihm, die ich mag. Aber im wesentlichen ist's doch "viel Buch viel Geld". Ich sehe ihn nicht unbedingt in der gehobenen Klasse. Und dass große Geister ihn mögen, kann auch daran liegen, dass sie sich einfach gerne mal ausruhen. Ich kenne z. B. auch gute Juristen, die ausschließlich Musicals und Popmusik mögen. - Da sehe ich also einen Zusammenhang und insgesamt ist's mir nicht ganz koscher. Also: Ich würde es ablehnen. Für den Deutschunterricht gibt es zudem genug deutschsprachige Autoren... Vor der Oberstufe hat man ja diese Bücher mit den ganzen bunten Sachthemen. Und danach haben wir Poe und Vonnegut gelesen. Shakespeare ist, glaube ich, auch völlig zu Recht Pflicht und dann finde ich noch sehr stark: Richard Fords Short Stories, Philip Roths Frühwerk, Joseph Conrad und Bret Easton Ellis. (Charles Dickens ist wegen der vielen Mundarten zu schwer.) Meine Meinung.

Bergmann meinte dazu am 11.05.2007: Stephen King. Du stellst hier die Kanon-Frage. Da gebe ich dir recht. Kurzum: King im Auszug lesen, um seine Erzähltechnik zu zeigen... Man sollte Schülern die ganze Welt zeigen, nicht nur die edelsten Teile...

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Elén (09.01.09)
Interessanter Text.

Zit.: Es ist immer die leichteste Position, die Forderungen des Lehrers (Lehrplans) abzulehnen im Namen einer geheiligten Gefühlsdominanz und Privatbefindlichkeit. -

Nun: Einen Leherplan abzulehnen, bedeutet noch lange nicht, keine Pläne lesen zu können.

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Zit.: Der Nachweis, wie dumm Deutsch-Lehrer sind, hängt auch davon ab, was die Kritisierenden im Unterricht überhaupt verstanden haben.

AW: Der dumme Lehrer potenziert dumme Schüler.

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Zit.: Was besagt denn schon so eine Erinnerung: Ich habe damals den „Werther“ nicht lesen wollen, nicht verstanden, der Lehrer hat Unnachvollziehbares hinein interpretiert?

AW: Es besagt, dass der Schüler die Inhalte des Textes, bezw. die Inhalte des Lehers nicht in seine bisherige Erlebenswelt und auch nicht in seine Vorstellungswelt integrieren konnte und somit weder Inhalt es Textes noch Interpretation des Lehrers in seiner Seins- und Vorstellungswelt erfassen kann. Er kann nicht nachvollziehen.

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Zit.: Fragt euch auch, wie dumm ihr selber damals wart - und fragt euch, ob ihr jetzt noch dümmer geworden seid, wenn ihr stolz berichtet von eurem Leiden an der Sprache und Literatur oder Grammatik.

AW: Ich mag den Begriff der Dummheit nicht (und versuche ihn stets aus meinem Wortschatz zu verbannen). - Menschen bilden im Lauf des Lebens unterschiedliche Fähigkeiten aus, Menschen sind mit unterschiedlichen Begabungen ausgestattet, Menschen entwickeln sich in unterschiedlichster Weise. - Menschen Entwickeln sich. Und für manche ist der Boden sehr karg..

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Zit.: Nun gut, mir ist klar, dass so manche Lehrer mit ihrem zwanghaften Unterricht vieles unnötig verderben. Auch das System Schule ist nicht vollkommen geeignet um für Literatur zu begeistern. Denn viele Schüler haben weder das sprachliche Vermögen noch das Interesse. Und die Verbindung mit bestimmten Leistungsanforderungen und der Benotung machen das noch schwieriger, als es ohnehin schon ist.

AW: Ich mochte die Metapher des Films "Der Club der toten Dichter"

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Zit.: Der „Werther“ z. B. wird in aller Regel ab 11. Klasse gelesen, da sind die Schüler 16 bis 17 Jahre alt. Einerseits alt genug, um so eine Liebes-Leidenschaft und Selbstmordproblematik zu erkennen und erörtern - andererseits oft zu jung, weil noch keine analoge Erfahrung vorliegt. Und trotzdem: Man kann in dem Alter fast alles antizipieren, nicht nur kognitiv. Natürlich sind längst nicht alle (gymnasialen) Schüler dazu fähig.

Eben.

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Zit.: Nur als Schüler eben nicht. Und ich finde es zumutbar und gut, wenn junge Menschen auch Pflichtaufgaben bewältigen lernen. Es kann ja wohl nicht richtig sein, dass ich in meinem Leben nur das mache, was mich motiviert. Motivation entsteht oft, manchmal sogar notwendigerweise, erst in schmerzlicher Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Ja.

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Zit.: Wir müssen immer wieder uns selbst interpretieren, die Menschen, die uns umgeben, alles was wir erleben.

Ja.

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Zit.: Es ist eben dies alles ein weites Feld.
Ach, ein zu weites Feld.

.. ach, zu weit und zu groß, als dass es nur einen einzigen Plan dafür geben könnte ..

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danke :) lg
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