KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 03. Juni 2009, 20:16
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AXEL UND JOHANNA

149. Kolumne


Eine Geschichte zur deutsch-deutschen Geschichte
[Stoff für eine Erzählung - hier der pure, reale Plot]

Axel (*1941) und Johanna (*1941) besuchten 1947, nach dem Zweiten Weltkrieg, eine kleine Schule in einem Dorf bei Jena. In der Klasse waren sie nur 4 Jungen und 2 Mädchen, alle bewunderten ihren Lehrer, der sich manchmal über ideologische Maximen hinweg setzte, z. B. als er den Schülern Schillers „Glocke“ vortrug.
Axels Vater war bis 1955 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, zuletzt Zwangsarbeiter in einem sibirischen Bergwerk, nachdem er zuvor einen Fluchtversuch unternahm, der in der Moskauer Gegend endete und mit der Verurteilung zum Tode bestraft wurde, Begnadigung, 1955 Entlassung aus der Gefangenschaft im Zusammenhang mit Adenauers Aufnahme der diplomatischen Beziehung mit der UdSSR. Der Vater kehrte als immer noch überzeugter Nationalsozialist zurück nach Deutschland, wo er an Auszehrung durch Zwangsarbeit und Gefangenschaft 1958 starb.
Als Axel in der 8. Klasse war, 14 Jahre alt, verliebte er sich in Johanna, schrieb ihr während des Unterrichts einen Zettel: „Ich liebe dich!“ Ehe Johanna den Zettel lesen konnte, verlangte der Lehrer den Zettel, Johanna steckte ihn in den Mund und verschluckte ihn. Axel war auch danach zu schüchtern, ihr zu sagen, dass er sie liebt.
So kam es, dass Johanna das Dorf verließ und mit ihren Eltern in den Westen ging, ohne dass sie von Axels Liebe wusste. Das war kurz nach der Schulzeit, 1956. Sie gab ihm auf sein Verlangen hin eine Adresse von Verwandten im Westen, damit Axel ihr schreiben konnte. Axel schrieb ihr drei Briefe und erhielt keine Antwort. Erst als sie sich 50 Jahre später wieder sahen, erfuhr Axel, dass Johanna seine Briefe nie erhalten hat, sie wurden von der Stasi kontrolliert und festgehalten, wahrscheinlich in Magdeburg.
In dieser Zeit war Axel in der Lehre bei einem Elektrikermeister. Er war verzweifelt und konnte kein anderes Mädchen lieben außer Johanna, aber er behielt dies für sich. Seine Mutter, eine Schwäbin aus Stuttgart, wusste auch nichts von der großen Liebe und befürchtete schon, ihr Junge sei homosexuell. Axel spielte aus lauter Liebeskummer mit seinem Leben. Einmal machte er in Gegenwart seines Meisters einen Handstand auf einem Strommast, den sie zu warten hatten. Dass er bei seinen selbstmörderischen Eskapaden nicht ums Leben kam, ist ein Wunder.
Um das Jahr 1960 lernte Axel eine Frau kennen, die er heiratete, nicht nur aus Liebe, sondern auch, um mit ihr leichter über Berlin in den Westen zu gelangen. Für Fahrten in der Berliner S-Bahn war es für DDR-Bürger erforderlich, zu zweit zu reisen. Die Bahnhöfe waren bewacht, die Abteile wurden durch Spitzel kontrolliert. Axel gelingt die Flucht nach Westdeutschland, er steigt auf einem S-Bahnhof im Westsektor aus. Das war im April 1961, kurz vor dem Bau der Mauer am 13. August 1961. Mit seiner Frau lebte Axel in der Stuttgarter Gegend in der Nähe von Verwandten seiner Mutter, die in der DDR blieb, und gründete eine Familie, er hat nun 3 Kinder und 7 Enkel. Auch Johanna heiratete und gründete in Bremerhaven eine Familie und wurde ein „Familienmensch“.
Als im Jahre 2005 ein Klassentreffen in Jena stattfand, wollte Axel nur hinreisen, wenn Johanna nicht teilnahm, so sehr beschäftigte ihn immer noch das verpasste Glück und die vermeintliche Abweisung vor 50 Jahren. Er erkundigte sich bei Klassenkameraden und erfuhr, dass Johanna nicht kommen könne. Johanna sagte das Klassentreffen mit dem Hinweis ab, dass ihre Tochter genau am Tag des Treffens ein Kind gebären würde. Dann aber wurde das Kind zwei Tage früher geboren und Johanna reiste doch nach Jena… Axel und Johanna sahen sich und verliebten sich Knall auf Fall. Für Axel war es, als knüpfe er an die Zeit vor 50 Jahren nahtlos an. Nun erfährt er, dass Johanna nach ihrer Übersiedelung in den Westen seine Briefe nicht erhalten hatte.
Axels Ehe war vor einigen Jahren in die Brüche gegangen. Johannas Ehe war auch ermüdet. Aber beide sind noch nicht geschieden. Axel zog zu Johanna nach Bremerhaven. Jetzt sind sie zusammen.
Mich erinnert das ein wenig an Johann Peter Hebels Geschichte „Unverhofftes Wiedersehen“, wo die Kraft der Liebe auch ein halbes Jahrhundert überdauert, sogar den Tod des im Bergwerk von Falun tödlich verunglückten Mannes. Und auch etwas an die Situation zu Beginn der „Wahlverwandtschaften“…

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (16.06.09)
Verstehe ich als alter Wessi nicht: Über welche ideologische Maximen setzte man sich 1947 in Jena hinweg, wenn man Schillers „Glocke" vortrug??? Wird darin nicht auch der werktätige Mensch gepriesen?

Außerdem bekommt man den Eindruck, die Bergwerke von Falun seien von Hebbel! Das sind sie mitnichten, sondern von einem der m.E. besser ist als Goethe, Schiller und von mir aus auch Hebbel zusammen: E.T.A. Hoffmann!

 Bergmann (16.06.09)
Schillers "Glocke" enthält ein bürgerliches Geschichtsbild, eine bürgerliche Auffassung von Gesellschaft, etwa die Stellung der Frau, die innen züchtig ihres Hausfrauenamts waltet, die Rede ist von Meister und Gesellen und eine rabiate (verständliche) Kritik der Französischen Revolution.
Die Geschichte "Unverhofft" stammt von Johann Peter Hebel (nicht Hebbel), und nicht von E. Th. A. Hoffmann.

 Dieter_Rotmund (18.06.09)
Schillers "Glocke" also Klassenfeindpropaganda. Nun gut. Mich hat man in der Schule mit Brecht gequält...

"Die Bergwerke zu Falun" von E.T.A. Hoffmann und "Unverhofftes Wiedersehen" von Hebel teilen sich offenbar den Schauplatz, daher meine Verwechslung.
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