KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 04. Juli 2009, 10:53
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MEINE SONETTE

154. Kolumne - seit 3 Jahren (14.7.2006)



Abendgebet

Bald muss ich fallen, was mir gar nicht passt,
ins kalte Bett, so dass dann unten liegt,
was jetzt noch oben sitzt auf dünnem Ast –
Geliebte, sieh, wie zart die Hand sich biegt,

mit der ich meine Verse schreibe,
damit ich noch viel länger bei dir bleibe.
Ich bohre intensiv
in dein Gehirn mich ein. Ich stecke tief

in deinem Mund und sinke hin
zum Grund des Seins. Das ist mein Fluch.
Doch wachse ich aus einem neuen Buch
viel stärker noch und schöner, als ich bin.

Das Himmelsnetz löscht alle Fragen – doch
ich stoß mich noch im Tod ins Lebensloch.




glans und gloria

ach schicksalhaft fixiert auf fixe schicksen
so rennst du bis an deine letzte grenze
doch schlenzt du schon vom gipfel deiner lenze
und musst verflixt die schicksten nixen tricksen

du musst gewinnrezepte feiler mixen
lern feine lebensart in voller gänze
dann windest du dir letzte geile kränze
ach gott der geist muss immer dreister wichsen!

die lende lenzt und sehnt sich zu verschwenden
ganz manisch will Es nunmehr panisch glänzen
Es grenzt sich aus in zerebralen spenden

so geilt das hirn geheilt von den potenzen
wie wenn sich pflicht und neigung schlicht verbänden
hybrid gestylt mit extra steilen schwänzen




delta

ich steh verspannt am strand und seh die wellen
in rhythmischer bewegung tosen sie zu mir
genauso rhythmisch denke ich zu dir
und fühle alle kräfte in mir schwellen

in diesem meer verströmen alle quellen
nur eine phantasie: das ist begier
die nur das eine ziel kennt das heißt wir
das lügt und glüht in allen meinen zellen

so komm und folge meinen wilden winden
und lass uns flut und ebbe nachempfinden
ich bin der strom der in das delta mündet

und in der brandung ungestüm entzündet
wirst du enorm astral mit mir verbündet
mir ewig-männliches erneut entwinden


panaroma
anagramm-sonett

bier fischt alpensonnen kurzen untergang im drama
ganz unberauscht in reinen särgen dampf mir klont
man reift, kann salz, ein purer bauch singt regenmond
und grins nicht fein – lern kaum begrenztes panorama

dann bringe raum - amor scheint kein gen zu pflastern
bring kindern senf, am nachtglanz träum nur poesie
pflück tage, nimm das grab, nun narre hinten zorn sie
und stirb – ach man fing zu gern pro amen kleine astern

tanglungen zirpen arm an schorf – dein staub im kerne
schau – pan grub elend, sang im reimkorn, tanzt in ferne
ruf augen an im gletscherpark, mond zerrann in stein

tausch zinn, am apfel kau, birg drinnen morgensterne
zapfe urnen, nimm, leck brandung rot, sei hart sag nein
poem kann fiebern, zeit schnurrt lang und arg am sein


glatteis I

das leben kommt mir vor wie eine rennebahn
du denkst du siegst schon fliegst du auf die nase
du glaubst du stiegst schon liegst du unterm grase
mein lieber schwan du tunkst dein haupt in leeren wahn

auch wenn du nicht rennst hast du keine gute phase
du sitzt mit Hinz und Kunz in einem kahn
man fühlt sich gegenseitig auf den zahn
du stehst im stau von altem frust und kalter phrase

die außenwelt ist eben nur ein schattenbild
es lohnt sich nicht der masse hinterherzulaufen
für die doch immer nur das eine gilt
sie muss sich gleich die neuste mode kaufen

doch ich bin weg und ziel ich bleibe wild
ich will allein mit dir die liebe saufen




Glatteis II

Das Leben kommt mir vor wie eine Rennebahn.
Du denkst, du siegst, schon fliegst du auf die Nase.
Du glaubst, du stiegst, schon liegst du unterm Grase.
Mein lieber Schwan, du tunkst dein Haupt in leeren Wahn.

Auch wenn du nicht rennst, hast du keine gute Phase.
Du sitzt mit Hinz und Kunz in einem Kahn:
Man fühlt sich gegenseitig auf den Zahn,
du stehst im Stau von altem Frust und kalter Phrase.

Die Außenwelt ist eben nur ein Schattenbild.
Es lohnt sich nicht, der Masse hinterherzulaufen,
für die doch immer nur das eine gilt:
Sie muss sich gleich die neuste Mode kaufen.

Doch ich bin Weg und Ziel - so ungestillt
muss ich allein in meinem Bild ersaufen.




tönchen
nur für dich

du schepperst immer weiter bis zuletzt
hast dir dein überleben frech erlaubt
ich habe aber nie an dich geglaubt
du klingst schon jetzt so blutleer so vergrätzt

wie ein museum bist du tot vernetzt
du weißt was jeder weiß - und überhaupt
du taugst nicht für das neue so verstaubt
du wirst von allen schmieden überschätzt

von deinen klempnern in den tod gehetzt
so fest geschraubt und künstlich aufgesetzt
hast du den inhalt an die form verpetzt

in eng gesetzten versen lebt kein jetzt
wie im japanischen theater – no!
nun ruhe sanft du künstlicher argot!



suizidalsonett

ich bin so nett und habe sieben leben
die reime sind mein täglich brot
ein’ feste form mein strenger code
so will ich mich mit euch verweben

so kann ich immer höher streben
mein metrum wird nie rot
ich habe keine not
an alten schemata zu kleben

nun soll ich mich ergeben!
man wirft mit kot!
die wörter beben!

ach sapperlot!
bin eben




Das Sonett

Versuchen Sie sich lyrisch in Sonetten,
so will ich Ihnen erst davon erzählen:
Zwei Teile haben Sie sich abzuquälen,
und zwar in zwei Quartetten und Terzetten.

Die Reimform sehn Sie hier in den Quartetten.
Sie dürfen sich auf keinen Fall verzählen,
wenn Sie jetzt fünf betonte Jamben wählen
und Ihre fetten Verse rhythmisch glätten.

Beachten Sie: Das Ganze ist ästhetisch
und dialektisch sauber auszufeilen.
Drum formen Sie den Inhalt antithetisch,

nur werden Sie dabei nicht zu pathetisch.
Sie zählen: Hat Ihr Opus vierzehn Zeilen,
kapiern Sie das Sonett schon theoretisch.




-nie

auch das leichte muss sein! sanfter sage ich mir
ebne den weg hinauf angstloser mache dein herz
immer öffne die augen die trennenden mauern im hirn
und achte im gehn auch die schwerste grenze des lebens nicht

nicht achte die traurige fessel der hoffnung kein engel beschützt uns
vor zufall und schaden heile die wunde bevor sie dich stillt
nicht glaube an fernere rettung erlöse dich selbst von dem übel
bevor du dein leben den schweren gewichten des tods unterwirfst

jetzt aber steige hinauf deinen weg steh auf wenn du fällst
und klage nicht über das ende das deine schritte nur lähmt
sieh doch da weint um dich keiner es gibt keinen grund zu befürchten
verlier wenn du gehst deine last das einssein mit dir zu gewinnen

das schwere muss endlich fallen ins schweigende nichts
ich sage dir leicht zu sein im lied deiner liebe ist alles




E come vivo?

Aus Regennordens so trüben und lastenden nebelmüden
Ebenen kommen die Reisenden, Meile für Meile vom Wagen
Über gebirgige Pässe zu Hügeln der Sehnsucht getragen,
Wo Schatten und wärmendes Licht einander vertragen, nach Süden.

Da liegt in flimmernder Sonne der Trasimenische See,
Silberpapierne Fläche inmitten zypressenbewachsener Hänge,
Obenan schmiegt sich das Haus in wildere Gartenenge
Ans hüglige Ufer, als wär's der Natur entwachsne Idee.

Oliven, Lavendel, Tomaten und Paprika wuchern am Wege,
Auch Rosmarin, Majoran, Äpfel und Birnen erwachsen der Schräge
Des Hanges. Und schwebend ertönen Puccinis beseelende Klänge.

Fast trügerisch sucht die Idylle ihr Sein in sich selbst zu erfahren,
In Form gegossene Inhalte schaffen des Lebens Gesänge.
Die größeren Träume vermögen sich immer als Kunst zu bewahren.



Senso Unico

Es führen, so lehrt die Sentenz, alle Wege immer nach Rom,
Sie führen zur Stadt hinein und lassen uns wieder hinaus -
So denkt man. Doch Rom, das geliebte, entlässt den Liebenden ungern.
Die Straßen der lockenden Stadt gleichen dem Netz einer Spinne.

Kaum findet der Fahrer die Richtung, verfährt er sich schon.
„Senso unico“ lesen wir alle mit starrem Entsetzen,
Am Ende gezwungen zur Umkehr, suchen erneut wir den Anfang.
Endlich, denk ich, erreicht unser Bus die Milvische Brücke,

Wir sehen die via Cassia nah vor unseren Augen,
Da täuscht unser Führer erneut sich, er folgt einem Schild, und wir fahrn
In die Irre! Er findet erst spät die richtige Straße zum Ziel.

Morgen beginnt das ganze Spiel noch einmal von vorn,
Macht nichts, du darfst dich immer wieder verfahren - es führen ja
schließlich alle Wege in Rom zu uns selbst.




Palermo

Die Piazza Bologni wird täglich bedrängt von parkenden Autos.
Auch wir wähnten das teuer geliehene Fahrzeug dort sicher.
Doch lernten wir bald sizilianische Zustände kennen,
Als wir am Morgen den treu uns befördenden Wagen erblickten.

Da sahen wir, dass unser Auto die Nacht der langen Stiletti
Nicht ohne Schaden verbrachte - es boten die gestern noch prallen,
hermesbeflügelten Reifen ein absolut trauriges Bild:
Was eben noch kraftvoll sich wölbte, war heute ersichtlich ganz platt.

Wir konnten ansonsten Palermo ganz trefflich erfahren.
Kaum sind nach täglich ermüdendem Lauf der Palazzo Reale,
Wie andere Kunstwerke auch, im erinnernden Herzen bewahrt,
Kräftigte abends lieblicher Wein an lukullischen Tischen.

Da stört auch der Regen, der Ende Oktober den Süden verwässert,
Des Wandrers Gemüt nicht. Ein Regenschirm kostet nur zehntausend Lire.




Retardierende Momente

Memento mori
auf die sechste Stunde des 12. Junii anno MMVIII

Das Leben ist so kurz, doch sind die Stunden lang,
an denen ich mich oft mit meinen Schülern plage.
Sie sind nicht motiviert, egal was ich auch sage.
Mir wird vor lauter Ach um meine Seele bang.

Die Faulheit meiner Schüler legt meine Nerven blank!
So dass ich fast verzweifle an dieser schlimmen Frage:
Was ist der böse Grund für soviel trübe Klage?
Vielleicht ist es die Schule, sie macht die Schüler krank!?

Die Schüler fehlen laufend, sie sind im Geist gestört.
Noch nie hat man den Jammer so oft und laut gehört.
Sie sind so hedonistisch und glauben nur an Lust.
Das macht mich alles rasend, ich sehe langsam rot:
Statt Carpe diem hab ich den allergrößten Frust.
Erlösung find ich nur in meinem schnellen Tod.




Tränen

Memento Sorry anno MCMLXXXV

Was tun? Die Schüler wollen nur noch gähnen.
Ihr ganzes Trachten und ihr ganzes Sehnen
besteht darin, das Nichtstun auszudehnen.
Total frustriert zerfließe ich in Tränen!

Sie blicken auf die Uhr gleich den Hyänen,
sodass es nur noch Stunden gibt, in denen
sogar das Schlafen stört auf harten Lehnen -
so reiht sich Frust an Frust in langen Strähnen.

Wer hat die Worte, alles zu erwähnen?
Die Klasse schweigt fatal in allen Szenen,
phlegmatisch staut das Blut sich in den Venen -

Und neben vielen andern Phänomenen
übt sie betont elegisch sich im Gähnen -
total frustriert zerfließe ich in Tränen!




Sonett vom Dresdener Durst

Wir lebten tagelang am Strand der Elbe
und tranken nichts als Cola oder Tee.
Das war so trocken und tat schrecklich weh.
(Der Durst nach Bier war jeden Tag derselbe.)

Das Über-Ich, das fühlte nicht wie wir.
Wir fanden auch im Traum nicht die Oase.
Verdursten ist die schlimmste Sterbephase.
(Das Leben ist kein Leben ohne Bier.)

Du siehst die Flasche und sagst leise: Uff!
Du leerst dich aus in deinem vollen Suff.
Dein Leben wird von Bier zu Bier noch runder.
Du redest dich ganz stumm in leeren Gesten -
und du erkennst: Das ist das blaue Wunder!
(Das blaue Wunder gibt es nur in Dresden.




Gedankenfreiheit

Der Grundkurs schreibt Klausur - es geht um Schiller.
Don Carlos hatte keinem so behagt,
viel zu komplex! - und jeder hat geklagt.
Nur langsam wird der Unmut etwas stiller.

Die Schüler schreiben sich den Frust vom Füller,
die Analyse wird schnell abgehakt.
Da ist kaum einer, der sich da nicht plagt,
wenn Bergmann fragt: Wie handelt Karl, was will er?

… Stilistisch soll mein kleiner Aufsatz schillern.
Doch ist das Drama der Idee mir zu gewagt.
In allen Sätzen soll die Freiheit trillern?
Doch hab ich dann das Wichtigste gesagt?
Hab ich geschrieben, was der Lehrer fragt?
O Sire, mein Wort ertrinkt in Tintenkillern!

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (17.07.09)
Die Kunst ist frei, aber kommentarlos ein Sonettendefilee als Kolumne? Nee, da muß ich LudiwgJ. zustimmen, das riecht nach Mißbrauch.
Nix für ungut!

 Bergmann (17.07.09)
Seid kolumnenflexibel! Mal kommt es so, mal so!
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