KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 21. August 2009, 14:16
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USCHS TAGEBUCH

159. Kolumne

Angersdorf, 6. Mai 1945.
Am 6. April vormittags war der vierte große Terrorangriff auf Halle. Wieder hockten wir im Keller ... wir durften wieder am leben bleiben. Mittags fuhr Mutti mit dem Rad nach Halle, um zu sehen, ob alle Mundts noch lebten.
Das Sitzen fiel mir plötzlich schwer, und ich hatte Rückenschmerzen. ¼ Stunde später gingen plötzlich die Wehen los, sofort fünfminütlich. Ich zog mich aus, ging im Bademantel auf und ab, und Mutti und Tante Gertrud stellten mein Bett im Wohnzimmer auf. Gisela rannte wieder zur Hebamme, sie soll sofort kommen.
Um 8 legte ich mich, um ½ 9 setzte sich Frau Elstermann ans Bett. Mutti hatte alle Hände voll zu tun, ich sagte: „Schnell, schnell, gleich ist das Kind da!“ Gisela musste mir bei jeder Wehe ganz fest die Hände halten. Um ½ 11, ich hab mich so fest angestrengt, wie ich nur konnte, war das Kind geboren. Es war noch nicht ganz auf der Welt, da rief Gisela: „Ein Junge!“ Als der Kleine gebadet war und ich die Nachgeburt hinter mir hatte, fragte ich Mutti: „Ist das alles?“ Und dann durfte ich mein und Robert sein Kindchen in den Arm nehmen. Der Kleine knurrte die ganze Nacht behaglich wie ein kleiner Kater in seinem Rollbettchen, und Mutti und ich konnten vor Erregung gar nicht schlafen. Die letzte und einzige Nacht ohne Alarm, danach jede Nacht. –
Der dauernde Alarm war aufreibend, dann musste sich Mutti an mein Bett setzen, bis es draußen ruhiger wurde, ich musste ja liegen bleiben. Wenn nachts ein Bomberverband nach dem andern über uns brummte, holte Mutti den Kleinen aus dem Bettchen, und ich nahm ihn fest in meine Arme, und Mutti uns beide, und mit Herzklopfen warteten wir. In diesen Stunden sprachen wir oft von unsern Männern, wie es ihnen wohl ergehen mag. –
Ob Robert das Telegramm erhalten hat, das die Eltern am 9. April aus Halle absandten? JANUS + IN + ANGERSDORF + ANGEKOMMEN.+ ALLES + BESTENS. + GRUSS + GROSSELTERN + MUNDT. –
Mama Louise brachte dem Kleinen Roberts Bronzepferdchen mit und ein kleines Leinenhöschen, das der Vati schon getragen hat. Und ein schönes Stück Friedensseife. Am Sonntag, ehe Mama Louise und Charlotte gingen, tranken wir aufs Wohl des Kleinen und dachten an seinen Vati, der noch ganz ahnungslos war. (Aber vielleicht hat er’s ein bisschen gefühlt?) Und der Großpapa in Ostpreußen, evtl. in russischer Gefangenschaft, auch völlig ahnungslos. –

Halle, 20. Mai 1945
Die äußerlichen Aufregungen sind vorbei, nun sind an ihre Stelle die qualvollen inneren getreten. Nun heißt es: Zähne zusammenbeißen, sich nicht unterkriegen lassen. Besonders gegen Abend ist es so, dass mich die Verzweiflung packen will. Wo sind die Soldaten, wie geht es ihnen? Wann kommen unsere Männer wieder? Die Frage ist die schlimmste in dem grausamen Krieg. Noch vor wenigen Wochen quälte ‚nur’ die Sehnsucht, aber nun ist alles ungewiss, und das Antworten fällt so schwer. Aber der liebe Gott hilft, das weiß ich, daran glaube ich. Ob ich ohne den Krieg auch so fest zu unserem Herrgott gefunden hätte? Ich erzähle Jan so oft von seinem lieben Vati, wenn er’s doch verstehen könnte! Und die Ähnlichkeit! Manchmal erschrecke ich und meine, mein Robert wär’ hier, sekundenweise.
Mutti holte aus Halle mit dem Fahrrad Zellstoff und wollte den Kinderwagen, falls Flucht sein musste, mitbringen. (Die Amerikaner in Thüringen!) Beinah wär’ sie von Tieffliegern getroffen! Am vierten Tag nach Jans Geburt war die Schlachtfliegertätigkeit so wüst, dass dauernd auf Angersdorf geschossen wurde, weiter entfernt Bomben. Da bin ich aufgesprungen und runter im Sturm in den Keller. Zum Glück war ich nicht matt, ich habe mein Kind selbst auf den Arm genommen. Da zitterten und duckten wir uns im eiskalten Keller. Noch ein paar Schreckenstage. Dann Totenstille. Panzersperren im Dorf, keine Post, kein Auto. Niemand zur Arbeit in Halle. Alles lauerte. Und dann hörten wir die Panzer in der Ferne kämpfen, die Kanonenkugeln sausten über unser Haus. – Schlimm: Unsere Soldaten sprengten die Brücken von Halle! Immer urplötzlich ein heftiger Knall. Alle Fenster und Türen sprangen auf. Jan und ich wanderten von oben nach unten, von unten nach oben.
Wo ist er nicht genährt und trockengelegt worden? Im Keller war’s, in der Zugluft, auf der Diele vor der Haustür, die durch Luftdruck dauernd aufflog.
Gisela brachte die Nachricht mit, in ein paar Stunden käme der Großangriff. Im Hause gereizte Stimmung, Tränen. Dazu Kindergeschrei, eine Freundin mit drei kleinen Kindern hatte bei uns Zuflucht gesucht. Aber Janus schlief dauernd.
Ringsum Totenstille. Der Morgen graute, es wird 6 Uhr gewesen sein. Plötzlich mächtiges Panzerschießen, ich hatte gerade Janus an der Brust, in diesem Zustand mit offenen Kleidern wie schon so oft in den kleinen Keller gerannt. Mutti trug die Utensilien, die wir fürs Kind brauchten, abgekochtes Wasser, Läppchen, Watte, Puder. Wir hatten das alles in einer Brotbüchse. Wir hockten zitternd in dem kleinen Kellerloch, 6 Erwachsene, 5 Kinder und 1 Säugling. Da war die Knallerei schon vorbei. Vorsichtig tasteten wir uns nach oben und spähten aus dem Küchenfenster. Mutti trug Jan im Arm. Da schlichen mit Gewehr die ersten Amerikaner um die Ecke. Dann kamen die ersten sechs Amerikaner ins Haus, das Herz stockte uns allen. Aber sehr freundlich waren sie, Tante Gertrud sprach englisch mit ihnen. Ich war mit allen Kindern im Herrenzimmer und hockte auf dem Boden neben dem Janus im Körbchen. Mutti kam, wir rasten nach oben und ich sauste mit Kleid und Schuhen ins Bett. Die Quartier suchenden Amerikaner kamen ins Zimmer, schritten auf mich zu, zogen ihre ledernen Handschuhe aus und gratulierten mir sehr höflich auf englisch. Dann schauten sie nach Janus, und der eine Amerikaner, der mir besonders sympathisch war, konnte sich gar nicht von Jan trennen. Er fasste das Körbchen an und tat lachend, als wenn er es mitnehmen wollte.
Später klingelte dauernd der Gemeindediener: Alle Waffen abgeben, Fahrräder, Fotoapparate ... So ging das am laufenden Band. Nur gut, dass unser Dorf vernünftig war und nicht versucht hat, sich zu verteidigen. Plötzlich musste unsere Dorfhälfte geräumt werden. Räumen und keinen Kinderwagen, das Kind erst 12 Tage alt! Einem amerikanischen Unteroffizier haben wir es zu verdanken, dass wir als einzige bleiben durften. Wie gern hätten wir ihm gedankt, aber er nahm nichts von uns an. Wir lebten nun allein inmitten von Amerikanern, die in den Häusern um uns herum wohnten und Unfug trieben und soffen. In unser Haus durfte niemand, der Kommandanten ließ ein Schild an der Haustür anbringen: OFF LIMITS. Eine Woche allein! Dann zogen sie alle ab. Das Dorf atmete auf. Nur die dumpfe Sorge blieb: Wann kommen die nächsten?

Halle, 28. Mai 1945.
Hals über Kopf sind Mutti und ich zu Fuß nach Halle marschiert mit vollgepacktem Kinderwagen, obendrauf Jan. Mutti trug einen schweren Rucksack. Sie war 14 Tage lang nicht aus den Kleidern gekommen und hatte kaum Schlaf. Erschöpft kamen wir in Halle an. Als wir über die Schieferbrücke gingen, stürzte hinter uns eine Frau mit ihrem Kind auf dem Arm über die Brüstung in die Saale... Wir sahen nicht mehr, wie man sie gerettet hat, ich weiß nicht, ob sie gerettet werden wollte...
Am 13. Mai Registrierung in Halle. Die kleine Familie Mundt junior fühlt sich hier immer wohler, ohne Papi allerdings. Immer mehr wird mir die Senefelderstraße 8 ein Zuhause! Alles erinnert ja so an Jans Vater, dauernd muss ich von ihm erzählen. Um ½ 6 wird Janus wach, reckt und streckt sich, gähnt, und verlangt dann gebieterisch nach seinem Fläschchen. Abends nach 6 hat er dann seine Schreistunde, zieht ein Schüppchen und fuchtelt mit den Ärmchen in der Luft herum, als wenn er Fliegen fangen möchte. Wenn man nicht acht gibt, strampelt er sein Bündel von sich. Ein toller Bursche. Wenn das Wetter nicht zu schlecht ist, steht das Körbchen, in dem er schläft, von früh morgens bis spät abends auf dem Balkon.
Mama Louise hat mir eine Silhouette von Robert geschenkt, darauf ist Jans Ähnlichkeit mit ihm deutlich zu sehen. Manchmal nehme ich beglückt und zugleich verzweifelt meinen kleinen Jungen an mich und denke an seinen nichts ahnenden Vati. Wann kommt er? Das denke ich am Tage und in der Nacht, es ist die schwerste Frage, die ich kaum auszusprechen wage. Im Geiste sind wir drei unverbrüchlich zusammen, ganz nah. Jede Sekunde denken wir zueinander, das weiß ich. Robert wird leben, ich glaube fest daran. Einmal bringt uns das Schicksal wieder zusammen. Und wenn nicht hier auf Erden, so bei Gott im Himmel. Alles was mit Gott zusammenhängt, ist vollkommen. Also werden sich auch alle Lieben wiederhaben. Vielleicht in anderer Art und Form, aber das Äußerliche ist ja das Unbedeutende. Nur das Innere hat Wert. Gott hat mein Schicksal und dein Schicksal, lieber Robert, und Jans Schicksal vorbestimmt, wir müssen es so edel und gut wir können durchleben. Wer sich tapfer und treu durch alle Wogen des Lebens schlägt, den belohnt Gott im Himmel.

10. Juni 1945.
In der Nacht spiele ich alle unsere lieben Platten, lese deine Briefe. Janus liegt in seinem Bettchen und atmet im Schein der Nachttischlampe. Wo mag mein Vater sein? Ich wäre der ärmste Mensch, hätte ich nicht das Kind, die Briefe, die Bilder und Platten.

16. Juli 1945.
Warum ist das Leben so schwer? ... Warum darf der Kleine nicht beide Eltern um sich haben? ... Aber noch ist ja Hoffnung, dass alles gut wird. ... Wann?

25. Juli 1945.
Wenn ihn doch sein Papa sehen könnte!

27. August 1945.
Ach! Es ist schrecklich, es ist wirklich manchmal ganz schrecklich, so ohne Jans Vati! Wann kommt denn nur sein Vati! – Hauptsache, es gibt weiterhin Milch zu kaufen, das ist seit ein paar Tagen ein heikles Kapitel. Kopf hoch! Wir werden schon alle drei durchkommen. Und wir werden wieder zusammensein dürfen. Dann nehmen wir uns alle in die Arme und geben uns ganz viele Küsschen. –

29. Okt. 1945.
Jetzt gehe ich schlafen, schau mir noch mal Papas Bild an und unser Bübchen! Ich bin ja so reich! Hoffentlich sind wir die längste Zeit getrennt gewesen!! Bald 1 Jahr Trennung! –

Am 27. November erste indirekte Nachricht von Robert aus Sibirien. Enno Nolden und Herbert Werner. Nun ist mir mein Bübchen noch mehr ans Herz gewachsen. -

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Bergmann (23.08.09)
Lieber Peter! Ich werde meine Besprechungen von KV-Autoren wieder aufnehmen, ich habe schon eine Liste mir zurechtgelegt! (Schön, dass du wieder hier bist!) Herzlichst: Uli
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