KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 15. September 2010, 08:52
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Im Taumel der Stille. Eine Lesung

215. Kolumne

Im Taumel der Stille

Am Lesetisch im hohen Foyer der Bezirksbibliothek zwei Frauen, Esmeralda und Iris, ein Mann, Georg. 20 Uhr. Ein gutes Dutzend Zuhörer ist erschienen, zwei weiße Kopfketten auf den Stühlen vor dem freundlich dreinblickenden Lesetrio.

Ich begrüße Sie herzlich zu der Lesung, sagt die Bibliotheksleiterin, ich freue mich, dass es uns wieder gelungen ist, so qualitätsvolle Autoren für unsere Lesereihe zu gewinnen, und ich bitte Sie, sich davon hic et nunc zu überzeugen.

Georg eröffnet die Lesung mit leise raunender Stimme:

Auch ich begrüße im Namen der Lesenden die relativ zahlreich Erschienenen in einer Zeit, wo es gute Lyrik schwer hat. Die Autorinnen haben ihre Bücher mitgebracht und signieren gern in der Pause. Ich bitte allerdings um Ihr Verständnis, dass Esmeralda, die noch unter den Folgen eines schweren Treppensturzes leidet, nur so lange signiert, wie ihre Hand das zulässt.

Sakrale Stille.

Iris blickt auf vom Blatt, schaut intensiv ins Publikum und liest mit fester, rauchiger und zugleich sonorer Stimme:

Dich erfasst Kälte –
noch wie oft Frühling ?

Lass rauschen das Meer –
bleib schweigsam mit dir im Einklang

Iris blickt zu Esmeralda, die rechts von ihr sitzt. Esmeralda schaut auf vom Blatt, blickt etwas müde ins Publikum und liest mit fragiler, heiligender Stimme: Ein Prosatext, sagt sie. Ich lese einen Prosatext.

Hinter Friedrich und Gabriele dehnten sich Wiesen... Nebelschwaden deckten sie zu. Die Sonne kroch über die Kuppe. ... Ohnehin hätte einer den andern nicht zu verlieren vermocht. Ihr Herz war laut vernehmbar. Es war ihr, als ob sie die Zeit schüfe. Ihre Füße sollten nicht vor der Zeit ermüden. Es schien, als kennte Friedrich die Gedanken, die in Gabrieles Herz sich seiner nicht erwehren zu können glaubten. Es war ihm, als würde er des Wahns gewahr, der sich in ihm auszubreiten nicht entbrechen zu sollen schien.

Esmeralda schaut an Iris vorbei zu Georg hinüber. Georg blickt auf vom Blatt und sieht übers Publikum hinweg in die Stille hinein, die sich in kleinen Kristallen in der Luft über den silbernen Köpfen manifestiert. Es schneit. Die Flocken tragen das Licht des Himmels, der aus den kleinen Lampen der Milchstraße unter der Decke der Bibliothek nach unten fließt. Ein Gedicht. Ich lese ein Gedicht, sagt Georg. Ein Gedicht.

Sonetta d’amore

Gattungsumspannend

Der Mann erzeugt sich,
die Frau gebiert sein Bild

Der Bach rauscht wie immer
Mann und Frau machen es

Die Augen sind aufgerissen
doch der Text weitet sich aus
wie Brasilholz in der Nacht
zwischen die Steinbilder

Haare im Mund von diesem Mann
dieser Frau

Flüssiges Antwortverhalten

Erotema Textgeburt

Georgs Stimme erstirbt. Seine Augen suchen Iris, die links neben ihm sitzt. Dann blickt er wieder auf sein Blatt. Iris schaut auf vom Blatt und sticht ihren Blick ins Publikum, das sich da und dort räuspert, als wolle das Schweigen etwas sagen, was unsagbar ist angesichts der poetischen Elaborate, die in den Gehirnen wie Dominosteine sich aneinanderfügen. Sand meiner Kindheit, sagt Iris.

Sand meiner Kindheit

Die Last deiner Väter gebeugt zu tragen brauchst du nicht mehr.

Ein Gedicht, sagt Iris. Ein Gedicht.

Jedem gehört ein Ort und eine Zeit.

Ich trage die Stille meines Ortes durch die Zeit...

Das denkt wohl so mancher Zuhörer auch. Über ihm der gestirnte Himmel, vor ihm die fallenden Schneeflocken, die auf den Silbergipfeln tauen, verlöschende Worte, die sich ins Zellengrau senken und von dort ins Herz rauschen, Gesang der gehörten Worte im Körper. Melanin bildet sich, der Wahn nimmt zu, rast aus den Ohren hinaus ins Universum der Stille, des Nichts, das Anfang und Ende war.

Ich frage die Stille meines Ortes nach der Zeit.

21 Uhr. Noch ist es nicht Nacht, nicht ganz, der Sandmann ist aber schon da. Ich fühle seine zärtliche Hand über meiner Stirn. Gleich wird es dunkel.

Da verlosch die Spur
unter wachendem Blick
auf deinen Atem.

Danke, sagt Iris, und schaut seitwärts hinüber zu Esmeralda, die von ihrem Blatt aufschaut und in die Stille hinein die Augen zu den Köpfen im Publikum hebt, das wie in einem langsamen Staccato der Lungen leise bebt. Ich lese einen Prosatext, sagt Esmeralda im Timbre der formalen Würde. Einen Prosatext.

Das Liebste auf der Welt ist mir der Wind. Ich achtete nicht der Unebenheit des Wegs. Zunächst schien es, als ob ich Boden gewänne ...

Ich ziehe gewänne gewönne vor, ich habe mich auch lange gefragt, ob der Indikativ in einem so poetischen Text genügte, aber dann lieferte ich mich vielleicht dem Vorwurf aus, ich beherrschte die grammatischen Regeln nicht.

... wenn es mir nur gelänge, nicht zu taumeln.

Das Komma kann entfallen, man hört es sowieso nicht.

Danke, sagt Esmeralda.

Ich danke den Lesenden, sagt die Bibliotheksleiterin, die Autoren stehen Ihnen jetzt noch zur Verfügung, um ihre Bücher zu signieren.

Das Schweigen der poetischen Wörter geht über in knarrende, schabende Schiebegeräusche von den Stühlen auf dem Kunstmarmor. Räuspern, Husten, Murmeln. Hier und da wachsen wieder Worte in die dritte Dimension. Von der Galaxis des Foyergewölbes strömt grelles Licht zu Boden. Dort taut der Schnee, das Wasser steigt, die Schwäne tunken ihr Haupt ins heilig-nüchterne Wasser und schwimmen hinaus in die gleißende Nacht der klirrenden Stadt.


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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (17.09.10)
... die Schwäne tunken ihr Haupt ins ins heilig-nüchterne Wasser ...
Lothar, in aller Hast notiert
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