KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 09. Februar 2011, 09:30
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Vulgärhedonismus (aus Briefen HEL/UB 4)

240. Kolumne

HEL: Provinziell ... ist vielleicht der megatrend, die großtendenz, der gemeinsame nenner unseres geisteszustands, provinz wohlgemerkt im guten wie im schlechten. Kein St John Perse hat hier die kraft, die erde zu preisen. wir leben in unseren tälern, im nebental, das sind ganz andere menschen. wir haben literarische landesfürsten, alles mittelbau, ein Neruda ist nich dabei... Europa wird zur provinz, und ich seh dem mit gemischten gefühlen entgegen, wie Heine dem proletariat.

UB: Hauptreligionen: Die absoluten Haupt-Tempel sind die Börsen. Dann kommen die naturwissenschaftlichen Labors. Dann die Sportarenen (wie schon in der Hochzeit der Antike). Die Sportarenen sind vollkommen vernetzt mit den Sponsoren der Wirtschaft und mit der Wissenschaft. Der angelsächsische Glaube: Alles ist durch Training machbar. Diese Philosophie regiert die Welt. Ich beginne zu glauben, dass auch Asien von diesem Denken immer mehr beherrscht wird, so dass am Ende, wenn Asien herrscht, der Kapitalismus nur eine neue Fratze hat.
Die sozial Schwächeren werden notdürftig in Hauptschulen und total mies organisierten Gesamtschulen abgespeist. Eltern erziehen - aus vielen Gründen - zu wenig. Falsche und falsch verstandene pädagogische Lehren werden praktiziert. Egoismus und übler Vulgärhedonismus kommen hinzu. Wirtschaft ist alles. Ein Volk von Krämern und Geldhaien sind wir. Was früher den Juden vorgeworfen wurde, realisieren wir und überbieten uns dabei. Wer den Staat und jeden Mitmenschen nicht bescheißt, gilt als dumm und naiv. Wer Gedichte liest oder den „Zauberberg“, tickt nicht richtig im Kopf. Bildung is fürn Arsch. Sex über alles. Schein und Show. Design und feine Klamotten. Spaß und Fun. Die Malediven, Bier und Hasch. Feten. Das zählt. Okay, das zählte immer schon. Aber jetzt stehen wir vor den sichtbaren Konsequenzen dieser Wertschätzungen, bald auch vor dem national-wirtschaftlichen Abstieg, weil die Kultur intelligenter und innovativer Handlungen zurückgeht.

HEL: ... lesen Sie Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse, Wagenbach 2001: mann, das ist doch alles noch da! DAS hat 68, von manchen als zweitgründung der BRD bezeichnet, nicht geändert, nur gemildert. Meinhofs analysen stimmen bis heute: äußere wie innere verelendung und die krankheiten daraus, von straßenkindern schleppe genannt; wir haben die Auschwitzimaschleppe: das ist ein krater, den man noch in einer million jahren vom weltall aus sehn wird, wie das Nördlinger Ries, und wir gehn auf dünner lavakruste .. na Sie verstehn schon: Köln mag einen schuß zivilisierter sein aus römischer zeit, luperkalisch, ubisch, druidisch, dafür hat’s 2000 jahre katholenterror aufm buckel .. wovon reden wir hier eigentlich? ... streiten kann man über Stalins rolle, und über das verhältnis anarchismus / sozialismus – antagon oder graduell. Aber haben wir Adlonverpopten alles vergessen womit wir aufgebrochen sind? ... Viva la revolucion!

UB: Deutschland ist kalt, es ist ein schwieriges, ein schweres Land. Nicht alle sind so schwer, aber viele, viel zu viele. Wir bleiben, was wir immer waren: Ziemlich grob, jeder lebt allein für sich, seelisch zermürbt und krank von der harten Arbeit, vom Ehrgeiz nach Status und Konsum. Immer materialistischer wird die deutsche Welt, immer imitierter, immer amerikanischer, immer fremder. Wir haben zwar die besten Autobauer, fleißige Ingenieure auf vielen Gebieten, profitgierige Betriebswirtschaftler (immer mehr nach angelsächsischem Muster), aber nur wenige Lebenskünstler. Wer seine Arbeit nicht auf Händen vor sich herträgt, gilt schon als faul. Wer anerkannt werden will, klagt, so oft er kann über sein Leid und seine Opfer, die er für die Gemeinschaft bringt. Wir kultivieren, wenns hoch kommt, die deutschen Tugenden, tun also Sachen um ihrer selbst willen. Nicht alle sind so, aber viele, viel zu viele. Wir Deutschen lieben uns selbst nicht. Das ist nicht gut. Das schmerzt mich oft. Denn ich liebe das Land sehr, in dem ich lebe, und ich bin gern ein Deutscher, weil ich die Sprache liebe und die reiche Literatur und Philosophie (auch nach 1945!), die Musik und die Kunst. Wenn nur diese schwere deutsche Mentalität nicht wäre! Das Grübeln, die dumpfe Bierseligkeit, das Biedere, die elende Vereinsmeierei, die bis in die Politik hineinwirkt, die elende Gartenzwergigkeit, das Pedantische, das bis in die Spitze der Intellektuellen den Oberlehrer von einst widerspiegelt! Und die schwere Last unserer schlimmen Geschichte, die viele von uns entweder hemmt oder zur Fortsetzung mit anderen Mitteln verleitet. Wir haben in der Gebrochenheit unserer nationalen Identität nicht nur lähmende Wunden, sondern die Voraussetzungen für die neue Identität als Europäer und Weltbürger, die nötig ist um auf dieser Erde zu bestehen. Immer noch stark ist der kulturelle Sektor: Das städtische Theaterwesen, die staatlichen Orchester, die Museen, die Kunst, das Übersetzer- und Buchwesen, auch das literarische Leben, vielleicht zunehmend wieder der Film.
Ich sehe, je älter ich werde, immer klarer: Das kapitalistisch organisierte Leben ist falsch, die Entfremdung macht uns alle krank. Ein neuer, besserer Sozialismus muss versucht werden. Aber ich weiß, gerade in Deutschland gelingt das nicht (Lenin hat es dunkel geahnt, wenn er erkannte: Wenn der Marxismus in Deutschland siegt, dann siegt er in der ganzen Welt - Marx hoffte das, als aufgeklärter Idealist, auch, aber Deutschland ist ein konservatives Land mit einem sozialdemokratischen Gewissen als Motor - mehr nicht.

HEL: TÜRKEI: Wie schreibt Necati so schön: früher hatten se’s mit der türkengefahr, jetzt sind se Europa am altneubestimmen. Und natürlich paßt die Türkei nicht in dieses europa. Da paßt gar nix. Dies Europa paßt nicht in sich selbst. In seinem wirtschaftswahn hab ich mit diesem oder jedem anderen Europa nix am hut; sagste richtig. Aus der Türkei beziehn wir mehr Provencekräuter als aus der Provence, mehr tomaten als aus Holland, was soll die depolonisierung der landwirtschaft dort; Polen wird sich auch umgucken. Kaffeehausgeistig gesehn ist mir Konya der Sufivatikan näher als zb Wolfsburg, auf der türkischen plattentektonik liegt Trojatlantis, scheiß auf Europa; soll sich wieder dahin verpfeifen marenostrum schlürfen statt latte macchiato falsch ausgesprochen, dann wird’s wieder. Und bedecken sollen sie das haupt.
... wir sind immer allein, auch wenn wir uns zu haben glauben. Und ich fürchte schlimmeres; neumodisch gesprochen: wir halten beziehungen brüchiger als sie sein könnten, wir schätzen nicht was wir haben, wir nutzen nicht genug die möglichkeiten zu lieben... Das ist das fegefeuer.

UB: Ja, wir sind immer allein. Das wusste ich immer.
[...]


[veröffentlicht in DIE BRÜCKE 156,2011. Seite 135-142]

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (11.03.11)
Hmm, ist mir auch etwas zuviel "j'accuse", Aber originelle Begriffe drin, wie z.B. "Auschwitzimaschleppe" und "adlonverpopt"!
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