KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 15. Dezember 2011, 12:55
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Sakrileg? Bemerkungen zu Dan Browns "Da Vinci Code"

252. Kolumne

Ein amüsantes, ein sympathisches Buch! Es trägt mit ernster Miene satirische Züge, hat viel Witz und scherzt – etwa wenn Jean Cocteau als Großmeister der Prieuré de Sion bezeichnet wird oder wenn auf Walt Disneys verkappte ‚theologische Geheimbotschaften’ in der „Mickey Mouse“ verwiesen wird ...
Die sehr spielerische Kritik an Religion und Kirche, wenn auch oft geschichtsklitternd und sachlich fehlerhaft, liest sich leicht; der Leser spielt da gern mit, wenn er nicht fromm im doktrinären Sinne ist. Der Thriller ist fast Nebensache, die Handlung zieht sich trotz angenehm knapper Kapitel insgesamt langatmig hin. In der Verpackung eines Krimis ist das Buch eine Art Reiseführer durch Paris und London – wenn auch kein so ausgiebiger Stadtführer durch Rom wie Browns Roman „Illuminati“; es bietet außerdem kunsthistorische Slapsticks, zum Beispiel die Deutungen der „Mona Lisa“ und des Abendmahlbildes von Leonardo da Vinci.

Dass der Thriller „The Da Vinci Code“ in der deutschen Übersetzung den Titel „Sakrileg“ erhielt, verweist auf die stürmischen Proteste in der katholischen Christenheit. Die Kirchenspitze und viele kanonisch fromme Katholiken bringen den Humor nicht auf, den der Roman evoziert. Die Kritik an der Kirchentheologie (besonders in den Kapiteln 58, 59, 62) führt zu sympathischen Thesen: Die Menschlichkeit Jesu und sein Fortleben in unserer Mitte in der Gestalt seiner Enkelin Sophie Neveu (die ‚neue’ Philosophie, die einen zur Dreieinigkeit aufgeblasenen Gottesbegriff ablöst) trägt zwar atheistische Züge, die aber charmant auf ein ursprüngliches und nicht durch Theologie verbogenes Christentum hinweisen: Jesus lebte mit Maria Magdalena zusammen und zeugte Nachkommen. In der geschlechtlichen Liebe erfuhr er das Wunder des Lebens wie Berninis heilige Therese, die Gott doppelt liebt im Augenblick ihrer Vision:

„Unmittelbar neben mir sah ich einen Engel in vollkommener körperlicher Gestalt. Der Engel war eher klein als groß, sehr schön, und sein Antlitz leuchtete in solchem Glanz, dass er zu jenen Engeln gehören musste, die ganz vom Feuer göttlicher Liebe durchleuchtet sind; es müssen jene sein, die man Seraphe nennt. In der Hand des Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen mein Innerstes durchdrang, und als er ihn herauszog, war mir, als nähme er mein Herz mit, und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott. Der Schmerz war so stark, dass ich klagend aufschrie. Doch zugleich empfand ich eine so unendliche Süße, dass ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte. Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste Liebkosung, die der Seele von Gott werden kann.“

In dieser Verzückung vereinigen sich Religion und Leben. Sexualität gehört zum Bezirk des Heiligen. Hier kommt Brown in die Nähe des bedeutend intellektueller geschriebenen Romans „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco, der alle Verschwörungstheorie, wie sie sich bei Brown erfüllt, persifliert. Beide Autoren folgen wesentlichen Gedanken der wunderbaren Erzählung „Der Mann, der gestorben war“ von D. H. Lawrence. Jesus verkündete eine Lehre des guten Lebens, er wollte keine Kirche gründen und sah sich nur als Gott seines eigenen Lebens.

Ulrich Bergmann, 30.5.2011

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (07.06.11)
Schöne Kolumne, leider wird das Buch quasi "überschattet" von dem äußerst dämlichen Tom-Hanks-Film....
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