KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 04. November 2011, 17:17
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Haben wir nicht am nächsten Donnerstag Latein?

274. Kolumne


(Kaernbach, 59, in der letzten Unterrichtsstunde vor der Projektwoche in seiner Untertertertia)

Der CHEF sitzt, aber er ruht nie - er kann und darf nicht, nicht einmal in einer Projektwoche. Auf den Schreibtisch stapeln sich Protokolle, Erlasse, Gesetze, Akten, Zeugnislisten, und wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, wie die Balken sieh darunter biegen. Ich sehe immer beides: diese sich biegenden Balken und den CHEF mit der Nasenflügelbrille, die darauf und daran ist, aus ihrem halben Handstand in einen Salto opticale überzugehen.
„Sie rauchen...?“ Wir schmoken, bringen dem Rauch unsere Lungen zum Opfer dar; Zeit demonstrierend, die wir nicht haben, stricken wir an unseren eigenen Mythen. In dieser gediegenen und wortlos-gemütlichen Atmosphäre reicht die Seele ganz nah ans transzendente Azur - Enthobenheit von den schweren Gewichten des Jetzt stellt sich ein, das INTERVIEW kann beginnen.
Wie findet Herr Kaernbach die Projektwoche? „Gut!“ lautet die Antwort; sie ist eindeutig, die lakonische Entschlossenheit postpreußischen Heldentums klingt zart heraus. Leider habe er noch keine Projekte sehen können: „Sie wissen ja: die Zeugnisse, die Abitursvorschläge, Unterrichtplanung ... MORGEN GEH’ ICH DURCH!“ Was ihn denn persönlich am meisten interessiere? Oh, er wolle kein Projekt hintansetzen, aber wenn er denn gefragt werde: „Kammermusik, Modellbau, Kabarett, Musical, Pantomime, Computer...“ Er denkt an seine studierenden Söhne, die ihn auf dem Laufenden halten, was in der Uni so passiert; da mischen die Computer in der Musik mit ... Ja, man muß mit der Zeit gehen. Der alte Herr ist erstaunt, daß diese seine Schule an die 50 Projekte realisiert. Fast habe ich den Eindruck, er habe 20 Jahre auf diese Tage gewartet, an denen seine Lehrer und Schüler einen ANFANG gemacht haben, und so frage ich denn, ob er nicht in all den Jahren gelitten habe, daß wir keine Theatergruppe, kein Schulorchester, kein ... ---- „Ich würde mich freuen, wenn vor allem die musischen Projekte auch nach dieser Woche sich fortsetzten. Ich habe, wie Sie wissen, früher mehrere Theaterstücke mit Schülern aufgeführt.“ Eine noch immer junge Schule wie die unsere müsse erst einmal TRADITION entwickeln, und dazu gehöre, daß gymnasiales Bewußtsein (so interpretier’ ich seine Worte) bei den Schülern und in der Bevölkerung wachse. „Lehreraktivität ist die Voraussetzung für all diese Dinge, die sich nicht verordnen lassen.“ Die Projektwoche trage erheblich dazu bei, sagt Kaernbach, er hoffe, am Ende könne man sagen: ein ANFANG sei gemacht. Die Projektwoche böte die Chance dafür, daß Eigenständigkeit, Mitverantwortung und Kreativität bei den Schülern anders und mehr provoziert würden als in den Unterrichten. Ja, Tradition!! - Wie wäre es denn mit der Gründung eines Vereins ehemaliger Schüler des Gymnasiums? Viele traditionsreiche Schulen werden gerade durch ihre Ehemaligen ideell und materiell gefördert. Diesen Gedanken könnten wir verwirklichen, meint der Lotse, und am besten könne einer der Kollegen, die beim Aufbau unsrer Schule halfen, einen solchen Verein ins Leben rufen.
„In den Augen der Schüler sah ich Glanz, Eltern sagen mir, die Begeisterung über die Projektwoche ist groß, das strahlt aus ...“ Das Kaernbachsche Axiom von der „Erziehung zur Lebensfreude“, das bis in den „Schleidener Wochenspiegel“ vorgedrungen ist, faßt endlich Fuß an unserer Schule. Wir verlassen die seichten Gewässer und steuern zu neuen Ufern. Ohne Zick-Zack. Noch hält der Steuermann die Wacht; wir können nicht stranden. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Protokolle, Erlasse, Gesetze, Akten, Zeugnislisten, und wenn man genau hinschaut, sieht man, wie die Balken sich biegen: unsere Seekarten.
Aber die wahre Seekarte, der Paragraph im Herzen, stand als Motto über seiner ganzen Arbeit der letzten 20 Jahre:

MAN LERNT NICHTS KENNEN, ALS WAS MAN LIEBT.

Goethe! Kaernbach! Goethe! Kaernbach! .... Kaernbach: „Haben wir nicht am nächsten Donnerstag Latein?“

UB

[in: Projektil. Zeitung zur Projektwoche vom 23.-28.1.1984. Gymnasium der Stadt Mechernich/Eifel. S. 18.f.]

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