KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 15. Dezember 2011, 12:41
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Gut gestimmt

284. Kolumne

GUT GESTIMMT

Sprechszenen nach Handke, Jandl, Queneau - Sprach-Spiele der Klasse 8B


Das Spiel mit den vielen Titeln, etwa VERGESSEN SIE MICH DARAN ZU ERINNERN oder DAS WIRD IHNEN EWIG IN VERGESSENHEIT BLEIBEN, wuchs aus dem Unterricht in den dunklen Theaterkeller hinein und kam dort erst richtig zur Welt.
Die Sprechszenen haben die Länge einer Sinfonie, etwa eine halbe Stunde, die sinfonischen Sätze fließen ineinander. Die Worte und Sätze sind wie Töne und musikalische Themen oder Motive auf die Spieler-Sprecher - die gesamte Klasse ist das Orchester - nach musikalischen Wirkungs-Prinzipien verteilt, mal solistisch, mal polyphon, mal konzertant. Eine vielstimmige konzertante Wortsinfonie also, deren Takte und Noten, Melodien und Harmonien, Cluster und Zusammenklänge auf der Bühne sichtbar werden - optische Wortmusik oder musikalische Bilder im schwarzen Format des Bühnenraums.

Wie ist das gemacht? Zu Beginn, während die Zuschauer-Zuhörer Platz nehmen, zitieren einige Sprecher vor dem Vorhang ‘Mitternachtsspitzenstücke’, dann folgt van Veens „Weg da, weg!“-Staccato. Die Worte spielen mit dem Zuschauer, sie schmiegen sich an die Wirklichkeit und das Bewusstsein der Besucher an und nehmen sie in ihre Theater-Wirklichkeit allmählich hinein - ein dialektischer Prozess, der gut zu den dramentheoretisch gemeinten Publikumsbeschimpfungen passt:

„Sie haben sich etwas erwartet ... Sie haben sich eine andere Welt erwartet ... Sie haben sich keine andere Welt erwartet ... Jedenfalls haben Sie sich etwas erwartet ... Sie haben Platz genommen ... Sie sind verstummt ... Sie sitzen in Reihen ... Sie bilden ein Muster ... Sie sitzen in einer gewissen Ordnung ...“

Das sind Sätze aus Peter Handkes PUBLIKUMSBESCHIMPFUNG, Handkes erstem Stück (1966), ein Anti-Stück gegen die Illusionsbühne, gegen Stücke mit einer Handlung, die das Leben nachäfft - Handke macht die Kritik der aristotelischen Poetik zum Theaterstück. Das Schülertheaterstück spielt so leicht mit der kritischen Masse aus Handke, Jandl und Queneau, dass das Sprach-Material den Inhalt verliert und zum absoluten Spiel wird - das ist Musik. Da aber jedes Wort in jeder sprachlichen Gestalt, und sei sie auch noch so verspielt, Wirklichkeit assoziiert und dadurch im interpretierenden Zuschauer erzeugt, ist das Stück ein Spiel mit der Sprache, das Sprachspiel wird ein Spiel mit der Wirklichkeit, das sich in Musik verwandelt.

Schon der Titel will sich auf nichts festlegen, weder auf Bedeutungen noch auf irgendeine Stückaussage - das Stück spielt mit sich selbst, der Zuschauer kann sich in dieses Spiel integrieren. Das ist allerbeste Unterhaltung! Die Spieler folgen, während sie sprechen, einer choreographischen Ordnung, wir sehen den Verwandlungsprozess einer kollektiven Skulptur. Der Vorhang geht auf - das Ensemble liegt flach auf dem Bühnenboden, wir hören einzelne Stimmen aus dem Gesamtkörper, der mit sich selbst spricht und zugleich uns einbezieht:

„Wenn wir wir sagen, können wir auch Sie meinen ... Wir stellen nicht Ihre Situation dar ... In uns können Sie nicht sich selber erkennen ... Ihnen wird kein Spiegel vorgehalten...“ Und dann das paradoxe Spiel: „Sie sind nicht gemeint ... Sie sind das Thema ... Hier wird nicht gehandelt, hier werden Sie behandelt ... Das ist kein Wortspiel ...“

Die Skulptur wacht langsam auf. Eine starke Stimmung entsteht, eine dichte Atmosphäre, als wäre allles sehr bedeutungsvoll. Wir erleben die Erzeugung der Stückwirklichkeit, die Geburt des momentanen Sprach-Spiels. Die Spieler erheben sich einzeln, wenn sie sprechen, schließlich formieren sich chorisch Spieler-Gruppen oder Spiel-Gruppen, das Licht wird heller, das Gruppen-Spiel bewusster.
In den Versprecher-Variationen wird das absichtslose Spiel mit Worten besonders deutlich. Das Ensemble permutiert lauter Versprecher aus einem linguistischem Lehrbuch zur Theorie der Versprecher, es verspricht die Versprecher noch einmal:

„Die hat ihren Mann zum Brötchen schicken geholt / Die hat ihr Brötchen zu ihrem Mann holen geschickt / Die hat ihr Chicken zu ihrem Brötchen holen gemannt.“

Den letzten Teil der Textcollage, die wie aus einem Guss gemacht wirkt, bilden 15 der insgesamt 101 Variationen aus Raymond Queneau’s „Stilübungen“ (Exercices de style, 1947). Weitere 5 Variationen hat das Ensemble offenbar selber kreiert. Das extreme Spiel der Perspektiven führt zu Handkes dramentheoretischem Spiel zurück: Alles ist relativ, alles ein Spiel, eine beschreibbare Handlung gibt es nur im Kopf des Autors oder des Interpreten, nicht aber in der Wirklichkeit. Die Begegnung an einer Bushaltestelle wird mit lauter Fragen eingekreist („Zögern“), in Versen vertieft („Freie Verse“), als Traum („Traum“), in deutsch-englischem Kauderwelsch („Anglizismen“), auf Schwäbisch („Bayrisch“) erzählt oder zum Sprachspiel gemacht:

„Der wohlbestallte Autobus stand an der Halte. Ein junger Balte krawallte, denn der Alte prallte an seine gebügelte Falte. Es hallte und schallte, bis dass es knallte. Der Alte wallte, aber der Balte sah eine Spalte, in die er sich krallte.
Eine Stalte spalte erblallte ich ihn vor der Galte Saint-Lazalte. Er strallte dort wegen eines Knallte, eines Überzalteknallte.“ („Homöoteleuton“)

In den kleinen Sprech-Arien entwickeln die Spieler formal sehr stimmige und ausgezeichnet artikulierte Interpretationen. Manchmal wird, wie auch schon zuvor bei anderen Sprech-Akten, dem Wortrhythmus Musik aus dem Off unterlegt.

Die Spieler bewegen sich genau und sprechen ernst und konzentriert die Texte. Unter den solistischen Auftritten strahlen einige durch gekonnt bizarre Körperhaltung und kraftvolle Stimme. Manche Spieler sind ungeheuer präsent auf der Bühne, auch wenn sie gar nichts sagen, überhaupt ist auch das stumme Spiel sehr diszipliniert, wieder andere können mit angeborener Komik die Absurdität ihrer Texte auffallend prägnant verstärken - jeder fügt sich überzeugend ins Spielkonzept.
Die Spieler tragen ihre eigene Mode und verschiedene andere Moden, sodass eine farbige, wirkungsvolle Textilcollage entsteht - das Bühnenbild sind die bewegten Spielerkörper.

Wolfgang Schneider-Kroll, der das Stück inszeniert, gelingt hier sehr viel mit den noch so jungen Schülern. Schon bei der Inszenierung von Günter Eichs „Träume“ (1992 mit einer 10. Klasse) wurden Ansätze für die Idee der Körperskulpturen deutlich. Sprech- und Sprachspiele waren Bestandteil der Inszenierung von Ionescos absurdem Theaterstück „Die kahle Sängerin“ (1995, Literaturkurs). Mit der Textcollage „Lichtung“ - schon hier Texte von Jandl und Queneau - wurde zum ersten Mal (von einer 8. Klasse) ein „Programm experimentellen Theaters“ vorgestellt. Für junge Schüler scheint derartiges Theater sich besonders zu eignen.
Das Ganze ist ein formal absolut stimmiges Stimmentheater mit fein abgestimmter Lichtregie. Jede Bewegung in der Choreographie dieser Körpersinfonie stimmt genau. Ein talentiertes und gut regiertes Ensemble. Da stimmt einfach alles!

UB
(zur Premiere 15. Juli 2002 im Theaterkeller des St. Michael-Gymnasiums Bad Münstereifel)

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