KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 17. Juli 2012, 16:03
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Nonlineare Narration

313. Kolumne

Nonlineare Narration: Todd Haynes, I’m not there (Film über Bob Dylan als Thema); siehe auch Korsakow-Filme. Konfabulation/Alkoholismus

1. Lineares Erzählen ist metaphysisches Erzählen, jede Sinngebung oder Deutung ist letztlich metaphysisch. In der nonlinearen Erzählung ist nicht der Erzähler metaphysischer Beschwörer von Sinn, sondern der Leser bleibt frei, dies zu tun oder zu lassen.

2. Erzählung nicht als Antwort, sondern Frage(n). „Wir sind Geschichten, die Geschichten erzählen.“ (Fernando Pessoa)
Wir sind ein Verbund von Erzähleinheiten. und erzählen uns. Wir bleiben frei und entspannt von stressendem Sinnzwang und Selbstverurteilung. Innere Konflikte wären konstitutive Elemente der persönlichen Identität.
Hierarchien würden verflachen, die Zeit würde langsamer. Statt Eroberung anderer Gehirne das Spiel mit den Gehirnen.

3. Und die Moral? Die Verantwortung des Erzählers?
Antiaristotelisch soll erzählt werden – aber nicht episch wie Brecht, der dem Zeigen seiner Kritik zugleich einen ideologischen, also letztlich metaphysischen Überbau zugrunde legte; denn Brechts Methode ist letztlich wieder aristotelisch auf der Ebene der Weltanalyse und demagogisch wegen der revolutionären Ideologie im Hintergrund und wegen des Arrangements der Fakten, das der Sinnsetzung untergeordnet wird. Autoren und Rezipienten werden der aristotelischen Dramaturgie des Erzählens müde und misstrauen ihr. Unsere Wahrnehmung ist nicht abbildend, sondern konstruktivistisch.

4. Wenn wir denken, also glauben, wir könnten eine lineare Strategie gegen den Tod entwickeln, basteln wir eine private Religion, die uns nur einlullt.
Alles was wir erzählen, ist letztlich nichts anderes als Konfabulation, fiktive Erinnerung, also auch Deutung als Fiktion. Nonlineares Erzählen ist sich dieser Erzählvoraussetzungen bewusst und vermeidet sie, so gut es geht, und weiß, dass Sinngebungsfreiheit den Sinn-Unsinn linearen Erzählens nicht vollständig zu überwinden vermag.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (10.08.12)
Gerne gelesen, nicht alles verstanden.

 loslosch (10.08.12)
dazu wünsche ich mir ein privatissime. in einer der varianten erkenne ich mich wieder. (möchte ich mich wiedererkennen.)
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