KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 13. März 2013, 19:08
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die sieben briefe. Francisca Ricinski. Lyrik (40)

344. Kolumne


Francisca Ricinski

die sieben Briefe

erster brief. mein vater schrieb mir vor seinem tod ich würde mich mit unwürdigen männern aus allen häfen der welt abgeben vielleicht hatte er recht aber wie hätten die segelschiffe sonst mich die schlaflose geschaukelt und der wortschwall von weither mich geküsst.
zweiter brief. seit gestern bin ich für mein kind eine lästige bettlerin vielleicht hat es recht aber ich glaube die bettlerin zu sein der rainer maria rilke eine rose geschenkt hat und mein kind weiß noch nicht wer rainer maria rilke ist.
dritter brief. das schwarze meer findet mich nach einem jahrzehnt ziemlich hässlich und laut vielleicht hat es recht denn ich war eine undine bevor ich mir füße wünschte um hierhin zu kommen.
vierter brief. die katze pinky mag den geruch einiger buchstaben nicht vielleicht hat die katze pinky recht denn manchmal schreibe ich meine briefe im regen auf hunderücken. fünfter brief. auch nicht in diesem leben als dichterin werde ich nirwana erreichen zu trüb und unstet würde in mir der geist wehen schrieben mir aus tibet die zwei mönche vielleicht haben sie recht und ein gedicht wird auslöschen mein leben.
sechster brief: von einem roten ahorn sein letzes blatt fiel am 18. november über mein gesicht. siebter brief: von mir an mich vielleicht haben der ahorn und ich recht und ich bin tatsächlich geboren



Kommentar (Ulrich Bergmann):

Mein Vater, mein Kind, meine Heimat, meine Katze, zwei Mönche aus Tibet, sogar ein Ahornblatt – das abnehmende, ferner werdende Leben schreibt sich in mir ein. Vielleicht hat es recht, dass es mich so sehr verwundet. Vielleicht schreibe ich zuletzt mir selbst. So erkenne ich mich und finde mich in meinen Gedichten, wenn ich das Leben verliere. Mit der Seele werde ich auferstehen und weiterleben. Die Buchstaben fressen mich auf, aber den Parzen bin ich entronnen. Aus den sieben Briefen schreibst du dir siebenhundert neue heraus, wenn du das große, wunderbare und geheimnisvolle Gedicht genauer liest.

[Das Gedicht meiner literarischen Freundin steht im Deutschen Lyrikkalender 2013, Verlag Alhambra Publishing]

Francisca Ricinski (*1943 in Tupilați, Kreis Neamț, Rumänien) ist eine deutsche Schriftstellerin rumänischer Herkunft, die ihre Werke in rumänischer, deutscher und französischer Sprache verfasst.

Francisca Ricinski studierte Romanistik und Altphilologie an der Universität Bukarest sowie Theologie an der Domschule Würzburg und am Institut für Pastorale Dienste in Münster. Sie lebt seit 1980 in Deutschland und war von 1985 bis 2003 Angestellte des Deutschen Bundestags. Francisca Ricinski verfasst Lyrik, Kurzprosa, Theaterstücke und Literatur für Kinder. Außerdem ist sie tätig als Journalistin, Fotografin und Übersetzerin (rumänisch, italienisch, französisch, russisch, deutsch), die Gedichte von Hans Arp, Rose Ausländer, Jürgen Becker, Theo Breuer[1], Crauss, Sarah Kirsch, Karl Krolow, Gregor Laschen, Kurt Marti, Andreas Noga u.a. ins Rumänische übertrug. Francisca Ricinski ist leitende Redakteurin der Literaturzeitschrift Matrix, Mitherausgeberin des Literaturmagazins Dichtungsring sowie Kollegiumsmitglied bzw. Redakteurin der rumänischen Zeitschriften Poezia und Antiteze.

Francisca Ricinski lebt in Bonn.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

MelodieDesWindes (36)
(15.03.13)
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 Dieter_Rotmund (16.03.13)
Ich frage mich vor allen, warum Frau Ricinski in Dauerkleinschreibe verfasst...

 EkkehartMittelberg (16.03.13)
Man kann den Parzen nur entrinnene, wenn man stark genug ist, seinen eigenen Faden zu spinnen. Die sieben Briefe von Frau Ricinski enthalten außerordentliche Bilder, mit denen man sich eine Gegenwelt bauen kann.
Eine wichtige Anregung, Uli.

 Bergmann (23.03.13)
Die Kolumnen werden im Lauf der Zeit 200 bis 2000 Mal angeklickt. Diskussion muss ja nicht immer sein. Ich bin kein Bloggist.

Die Kleinschreibung - vor allem in der Lyrik - tja, ich brauche die auch nicht, aber sie ist nun mal da, und nicht zu knapp.

Den eigenen Lebensfaden spinnen - gut, aber irgendwann wollen die Hände nicht mehr, und der stärkste Faden reißt, auch dann, wenn er unser Werk ist, das uns überlebt.
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