KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 10. April 2013, 13:21
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Vom Wasser haben wirs gelernt. Jelinek (Stücke 7)

354. Kolumne

„Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek

Die drei (zusammenhängenden) Stücke sind ein Festspiel. Eine Mischung aus Oper, weltlichem Oratorium, Slapstick und Zirkus. Der Text: polystilistisch, die sprachliche Palette reicht von „Arschloch“ über schwache und intelligente Kalauer bis hin zum spielerisch-ironischen Pathos der antiken Tragödie. Das Ganze ohne herkömmliche Handlung, aber dafür Denken als Action, Wasser und Erde werden permanent personalisiert und apostrophiert. Das Libretto ist eine Rumpelkammer der Metaphern, aber es ordnet sich alles im Hirn des aufgeräumten Zuschauers, der im Karneval der Kritik an der Unfähigkeit des Menschen mitfeiert. Die Prämissen der Unvernunft werden bloßgelegt; etwa der unverantwortliche Klüngel der Kölner Politiker und Stadtbeamten, die allesamt Büttenredner sind, dumm und bestechlich. Und so endet dann alles in Wasser, Schlamm und Staub. Von oben fallen Schwaden von feinem Sand, der Himmel weint Tränen aus Erde, die Erde fällt, Symbol des Einsturzes. Es steigt das Wasser, in dem die Erde fast ertrinkt. Parallel eine Frau, die vergewaltigt wird von der Macht der Liebe, die Leiber überschlagen sich, das Triebpaar dreht und quirlt flügelschlagend über die Wasserfläche.
Die Not mit dem fließenden Wasser, das die Erde aushöhlt und zum Sturz bringt, erscheint als moderne Variante des Zauberlehrlings.

Vom Wasser haben wirs gelernt, |:
vom Wasser;

das hat nicht Ruh bei Tag und Nacht,

ist stets auf Wanderschaft bedacht,
|:
das Wasser.

Und so fort. Das Theater unterhält Geist und Seele, es bleibt aber – wie eigentlich immer - ganz bei sich. Es hat, trotz aller aktuellen Bezüge (Staudammbau in Kaprun, 50er Jahre, Sturz eines Busses in ein Erdloch und Einsturz des Kölner Stadtarchivs) etwas Elfenbeintürmiges, weil sich das Spiel immer wieder verselbständigt ... Aus Jelineks Texten heraus feiert sich das Theater mit allen Tricks und Gags, ja es ist die Fortsetzung der Wirklichkeit mit allen Mitteln. Der Schluss des ersten Teils - DAS WERK, das auch den Titel DAS WASSER tragen könnte – ist die Apotheose des Sprechtheaters als Sprechchor mit Soli in verschiedenen Formationen im Wechsel von Tutti und Soli - ein Konzert der Stimmen.

Jelinek ist Vorarbeiterin für die Werk-Performance, braucht aber den kongenialen Zuarbeiter. Vorarbeiter und Zuarbeiter sind umkehrbar, eine dialektische Sache. Starke Striche täten dem geistigen Körper gut. Jelineks Libretto lebt sich in der Ungeheuerlichkeit unzähliger Wiederholungen und Varianten allzu schwelgerisch aus. Wer diese Libretti auf die Bühne bringen will, wird nolens volens zum Co-Autor.

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