KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 04. August 2014, 17:40
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Mein Bonn

422. Kolumne


Heinrich Heine studierte 1819/20 zwei Semester in Bonn, besonders gern war er bei August Wilhelm Schlegel. Er trat damals der Burschenschaft ALLGEMEINHEIT bei und gab sich sehr patriotisch, lernte auch Fechten, brachte es hierin aber nicht weit, so dass er bei dem Göttinger Duell Pistolen forderte. Jetzt erfuhr ich von unseren Bibliothekarinnen, die unter uns wohnen, dass HH sich auch in Bonn duellierte (April 1820), was in der Heine-Forschung nicht ausführlich untersucht wird, weil das Duell (mit schweren Säbeln ausgetragen!) offenbar eine weniger bedeutende burschenschaftsinterne Auseinandersetzung war, eine Ehrensache, die nicht öffentlich werden sollte, zumal das Duellieren gerade verboten worden war. Das Duell fand im Baumschulwäldchen statt, heute Beethovenplatz, nicht weit von meiner Wohnung in Poppelsdorf. 1819 nahm Heine an einem Marsch der Burschenschafter auf den Bonner Kreuzberg teil und wurde vom Universitätsgericht anschließend verhört (die Befragung ist dokumentiert). Ich wohne am Fuße des Kreuzbergs, auf dem sich eine Wallfahrtskirche befindet, die 1627 erbaut wurde. Im Jahr 1746 stiftete Kurfürst Clemens August die Heilige Stiege, an deren Planung der berühmte Baumeister Balthasar Neumann mitwirkte ...

Heute Morgen fuhr ich mit dem Rad in die Sonne, dann zum Kaiserplatz, und nichts zu suchen war mein Sinn, als ich in der Librairie roulante die Bücher durchsah, bis mein Auge auf Hermann Hesses „Geheimnisse. Letzte Erzählungen“ (edition suhrkamp) fiel. 3 €. Ich kaufte auch noch ein Reclam-Heftchen mit Jean Pauls „Schulmeisterlein Wutz“, bestellte mir im Freien der Gelateria einen Espresso macchiato und las erst einige Seiten Jean Paul – mit großer Freude an der uneingeebneten Sprache –, und dann, weil ich neugierig war, Hermann Hesses Erzählung „Ein Maulbronner Seminarist“ (1954): Ich bin begeistert! Die unprätentiösen Sätze des großen Meisters fielen in mein Herz wie ein Lebenselixier. Eine wunderbare Geschichte, richtig gut dargereicht, und was für eine schöne Auflösung zum Schluss, auf die der Leser so ohne Weiteres nicht kommt, denn lange denkt man, HH mache sich hier einen Spaß, bereite dem Leser ein selbstironisches Spiel, alles ist eine Erfindung, denkt man. Und dann ist es doch wahr. So ist es auch mit der poetischen Wahrheit: Die abstruseste Geschichte ist wahr, wenn sie richtig erzählt wird. So fing der Tag gut an, indem mir eine Sonne von außen und eine von innen schien und mich doppelt wärmte.


P. S.:
Thomas Mann : Hermann Hesse = Richard Strauss : Franz Schreker

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (12.09.14)
Verstehe das post scriptum nicht: Schreker ist doch so gut wie vergessen, oder? Nun, bin kein Musikexperte...
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