KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 28. Januar 2015, 17:27
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Maskeraderie

447. Kolumne


Schein und Sein klaffen heute ganz besonders weit und oft auseinander. Wahrscheinlich glauben die Amerikaner, von denen ein Großteil heutigen Auftretens und Outfits herkommt, wie die Römer: mens sana in corpore sano - in einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist, und das in allen Versionen. Wahrscheinlich glauben sie, dass ein Kostüm und eine Maske schon den Charakter wirklich macht, der nur vorgestellt (vorgetäuscht) wird. Und noch schlimmer: Viele junge Leute glauben das auch! Und wenn sie’s nicht glauben, so handeln sie wenigstens so, bis es keinen Unterschied mehr macht, ob sie den Schein glauben oder nur produzieren. Umgekehrt erlebe ich, dass Kunden beim Kauf den Schein als Garantie für Seriosität und gar Authentizität nehmen und verlangen! So tief sind wir gesunken.
Immer häufiger wird die pädagogische Arbeit an Gymnasien von Schulleitung und Kollegen nach dem Grad ihrer öffentlichen Werbewirksamkeit beurteilt. Dieses schiefe Denken dringt immer weiter ins private Leben vor, in die zwischenmenschlichen Beziehungen, die dann naturgemäß erst überformt, dann verfremdet, und schließlich völlig entwertet werden, was dazu beiträgt, dass viele Partner sich entfremden und verwerfen, wenn endlich klar wird, dass man sich als Maske nichts mehr zu sagen hat.

Wie so ganz anders waren dagegen die Masken des Nô-Theaters Kamayata von der Kanze-Schule aus Kyoto! Zwar bleiben mir die Stücke letztlich fremd (es gibt an die 300 rituale Legenden, Sagen, Märchen: Form-Stücke), aber sie berühren durch ihre verallgemeinerte Echtheit und provozieren die Individualität des einzelnen Zuschauers. Das ist fast abstraktes Theater. Besonders gefällt mir die musikalische Seite: Bei aller ritualisierten oder formalisierten Festlegung aller Bewegungen und Abläufe gibt es einen (unerhörten) Freiraum an Improvisation für die Instrumentalisten und den Chor aus 5-6 Köpfen; nur Männer wirken mit, die spontan aber immer einheitlich das Geschehen kommentieren und antreiben.
Nur die echte Peking-Oper ist vielleicht noch stärker. In Europa werden leider fast nur die akrobatischen Einlagen gebracht (weil diese verstanden werden) und nicht der zunächst bizarr klingende Gesang der sehr hohen Stimmen. Ich sah vor Jahren einen chinesischen Film, der von nichts anderem als der Peking-Oper handelt. Am Ende des 2-stündigen Spielfilms war ich süchtig geworden nach der Musik.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (06.03.15)
Mit dem ersten Teil der Kolumne stimme ich zutiefst überein.

Mit dem zweiten nicht. Aber das ist kein Werturteil und es liegt nicht an dir. Man kann deine Faszination nur mit auf der Basis eigener Erfahrungen nachvollziehen.

 EkkehartMittelberg (06.03.15)
Verzeih bitte meine Achtlosigkeit. Es muss natürlich lauten: ... nur auf der Basis....
Graeculus (69)
(06.03.15)
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 Bergmann (06.03.15)
Keine Klage, nur Feststellung. Kein Lobpreis der alten Zeiten zur Abwertung neuen. Kein Tadel unserer Zeit zur Aufwertung der alten. - Ich lebe übrigens lieber in unserer Zeit als in irgendeiner guten alten Zeit. Dass unsere Zeit besser ist, wissen meine Zähne, die Seele glaubt es nicht, der Verstand rätselt und kommt zu keinem überzeugenden Schluss.
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