KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 18. November 2015, 18:03
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Maranatha. Ein Besuch bei Peter Bares

484. Kolumne



Die Sonne verschwand hinter den Häusern und die Bäume über uns wurden schattiger, dunkler, fast schwarz, wir spürten die fallende Kühle im Rücken. Die Geschichte meines Besuchs hat auch mit dem Eis zu tun, auf dem wir tanzen und fallen, wenn es so weit ist ... מרנא תא maranâ' thâ' – so heißt das Altenheim hier, das ist Aramäisch und bedeutet: Komm, mein Herr Christus! Die Worte ‚Es ist vollbracht. Amen. Komm, Herr Jesus.’ (1. Korinther 16,22) gehen mir durch den Kopf, als ich den Namen der Bad Bodendorfer Seniorenresidenz lese.
Bis zum zweiundsiebzigsten Lebensjahr blieb er Organist von St. Peter in Köln, spielte ein Credo nach dem anderen, gab Konzerte, improvisierte die Musik von Stummfilmen – ich erinnere mich besonders an ‚Faust’ und ‚Metropolis’ – und komponierte Motetten, Orgelmessen, Kantaten und Oratorien. Nachdem er im Ruhestand war, zog er vom Sinziger Kirchplatz in das kleine Appartement im Souterrain der Residenz. Er erkannte mich erst gar nicht wieder, als ich ihn besuchte. Ich glaube, er tat nur so, weil wir uns bei der letzten Begegnung gestritten hatten. Es ging um eins seiner Gedichte. Ich stand im Wohnzimmer und schaute mich um. Überall lagen beschriebene Notenblätter herum, auf dem Schreibtisch vorm Fenster mit Blick auf die Rosenbüsche, den beiden kleinen Tischen in den Ecken, auf dem Spinett, auf allen Stühlen, auf dem Sofa und neben dem Kopfkissen des Bettes. Überall lagen kleine Stapel von Notenblättern ohne erkennbare Ordnung, das erinnert an den Papierdschungel im Haus am Kirchplatz. Mit dickem Filzstift geschrieben, sahen die schwarzen Noten mich an. Bares zeigte auf den Schreibtisch. „Das Blatt in der Mitte!“, sagte er. Ich beugte mich über den Schreibtisch – „Unser Leben ist nur Wahn und Fraß.“
Ich dachte nach. Wenn unser Leben Wahn und Fraß ist, dann ist der Wahn Leben ohne Fraß, ja, das haut hin, und Fraß ist Leben ohne Wahn, ja, das stimmt, das Leben wird zur tödlichen Sucht. „Und die Kunst?“, fragte ich, „ist sie auch ein Wahn?“ „Ja“, sagte er zögernd‚ „natürlich.“ In einem gewissen Sinn ist ein Künstler, von seinem Werk her gesehen, wahnsinnig. Der eigentliche Wahnsinn liegt darin, dass der Wahn des Künstlers, der in sein Werk eingeht, wahr ist. Ich schwieg. Ich dachte bei diesen Worten an das Wunder der Zeugung, das bei den Ausscheidungsorganen angesiedelt ist ... Feuer und Wasser ... Wahn und Fraß ... zwischen diesen beiden Polen liegt alles, was wir Leben nennen. Also auch die Religion, dachte ich. Da sind alle seine Motetten, Kantaten, Orgelmessen – er komponiert in den Formen der geistlichen Musik, aber er schreibt mit seinen Noten kein Credo. Er sagte mir vor Jahren im „Barbarossa“: „Ich bin ein Künstler, ich glaube nur an mich selbst – und an mein Werk, das ist vielleicht dasselbe. Mein Verstand sagt mir, dass Gott nicht existiert. Mein Gefühl sagt nichts anderes. Gott ist eine Variable für das, was wir nicht verstehen. Gott ist nur eine Idee.“ „Vielleicht eine Idee in uns – von ihm“, sagte ich. „Gott gibt es nicht“, sagte er, „es hat ihn nie gegeben. Es kann ihn nicht gegeben haben und es wird ihn nie geben, der nie war, der nicht ist, der nie sein wird. Ich habe nie an ihn geglaubt.“ Nach einer Weile dann: „Der Tod ist die stärkste Kraft.“ Er legte sich jetzt aufs Bett, streckte den Arm aus und deutete mit der flachen Hand auf den Stuhl neben dem Bett. Ich las seine schwarze Filzstifthandschrift: „Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. September 2010.“ ‚Das ist Gott egal’, dachte ich. Er lächelte. ‚Wenn es ihn gäbe, wäre er auf meiner Seite’, stand in sein Gesicht geschrieben. Wir schwiegen. Ich ahnte, er regelt alle seine Dinge zwischen Wahn und Fraß. Er erzählte von der Glocke, die er der Kirche St. Peter vor vielen Jahren gestiftet hatte. „Den Klöppel haben die Damen des Puffs beigesteuert.“ Die seien ehrlicher als die Kirchenleute, sagte er vor Jahren. Die Priester sind eitel, noch eitler als er. Er muss ja als Künstler sein wie Gott. Aber die Priester müssen Gott dienen, am besten lassen sie die Finger von der Kunst. Der kunstsinnige Pater von St. Peter zu Köln erzählte mir mal, er habe den alten Altar seiner Kirche in die Sakristei tragen und Eduardo Chillidas aus drei weißen Marmorblöcken bestehenden Altar aufstellen lassen, im Dienst an der Kunst, aber dann auf Verlangen des Erzbischofs ins Seitenschiff versetzen müssen. Ein Altar sei ein ungeteilter Opfertisch, so der Erzbischof. Da sei nichts zu machen gewesen. Die Deutung, die Dreiteilung spiele auf die Dreieinigkeit an, habe der Kirchenfürst nicht gelten lassen, denn es bestehe ja auch die Gefahr, dass die Gemeinde in dem zerstückelten Altar eine brüchige Kirche sehe. Una sancta eccclesia catholica! Da habe er einen neuen Opfertisch im Altarraum aufgestellt, wieder aus weißem Marmor, aber dünnwandig und hohl wie ein Campingtisch. Man sehe, sagte ich, wie hohl die Kirche sei ... aber jedenfalls una, also ungeteilt, aus einem Stück, und sancta – und catholica allemal.
Die Menschen ertragen die Wahrheit nicht. Er habe, als er noch in Sinzig gewohnt habe, auf der Straße Herrn B. vom Kulturamt mit den Worten begrüßt: „Sie sind doch ein Idiot!“ Da habe Herr B. von der anderen Straßenseite herüber gerufen: „Je eher Sie sterben, umso besser!“ Da sei er ins Rathaus gegangen und habe sich über Herrn B. beschwert. Im Rathaus war man über den Vorfall unterrichtet und wies die Klage mit den Worten zurück, er habe den Stadtbeamten in aller Öffentlichkeit beleidigt und solle sich lieber selbst an den Kopf greifen. Er habe nur die Wahrheit gesagt, habe Bares da ausgerufen, die Wahrheit sei keine Beleidigung.
Bares forderte mich auf, ihm vom Spinett in der Mitte des Zimmers ein Exemplar seiner Biographie zu bringen, die sein Nachfolger im Organistenamt kürzlich geschrieben hat. Er schlug das Buch auf und schrieb auf die Innenseite des hinteren Buchdeckels mit schwarzem Filzstift. Ich schaute ihm von der Seite dabei zu. Er malte Buchstabe für Buchstabe. Die Augen schienen zu lachen, aber der Mund blieb ernst. Bares gab mir das Buch zurück: „Ich will eingeschläfert werden. 19.6.2012“, las ich.
Ich erschrak. Das ist ja ein Testament, dachte ich, in Wahrheit auch nur ein Wahn. Testament? Auf dem Nachttisch eine weiße Schachtel und ein braunes Fläschchen mit Schmerztabletten. Ich schüttelte den Kopf. Der Tod – nur ein Wahn? Der Tod ist das Nichts. Aber das sagte ich nicht. Bares wies auf einen Zeitungsartikel neben den Tabletten. Ein Bericht über sein letztes opus. Auf dem Stuhl lagen die gedruckten Noten einer Orgelmesse, op. 2920. „Ich sitze am Tag zwei Mal für ein paar Stunden am Fenster und komponiere.“ Er hat nur noch das Spinett. Ihm fehlt die Orgel. Aber er kann mit den wunden Füßen nicht mehr spielen ... Schwälende Tage ... Ihm fehlt der Blick auf das Maßwerk von St. Peter in Sinzig. Jetzt schaut er aus dem Souterrain, schon halb unter der Erde, auf die Blumen vor seinem Fenster ... Noch einmal das Ersehnte, den Rausch ... Seine Augen sind schwach. Seine Kompositionen höre er im Kopf. Vom Bett aus könne er die Fernsehbilder ahnen und sich den Film vorstellen. Meistens lasse er den Fernseher ausgeschaltet ... Und streife die Fluten und trinke Fahrt und Nacht ... Ich dachte immerzu an Benns Gedicht, als ich Bares mit seinem langen weißen Bart vor mir im Bett liegen sah, die eingewickelten Füße in dicken Pantoffeln steckend. Eine bizarre Predella. Darüber das Nichts der weißen Wand ... Bares war müde. ‚Es ist vollbracht. Amen. Komm, Herr Jesus.’ Vielleicht wird Peter Bares noch eine kleine Kantate mit diesen Worten komponieren. Als wir uns verabschiedeten, gab er mir die Hand und sagte: „Das ist das Ende.“


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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 FRP (20.11.15)
Selten so einen ausgezeichneten und berührenden Text hier gelesen. Danke dafür.
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