KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 14. Juli 2016, 23:12
(bisher 638x aufgerufen)

Zwischen Bonn und Bejing - Wolfgang Kubin. Lyrik (50)

519. Kolumne


Zwischen Bonn und Beijing
Wolfgang Kubin – 顾彬


„Ich schreibe täglich, um 5 Uhr 30 geht es los. Senile Bettflucht, Du weißt. Insofern wird pro Jahr immer ein literarisches Werk fertig, mehr darf es nicht sein.“

Wolfgang Kubin, Sinologe, Lehrer, Organisator, ist in allererster Linie Schriftsteller. Im Schreiben findet er die Welt und sich selbst. Es sind Gedanken, die er aufschreibt, Dinge, die gerade gesagt werden, er holt sein Notizbüchlein aus der Tasche und schreibt mit dem Füllfederhalter sofort auf, was er hörte oder was ihm gerade einfällt – Worthalde und Gedankensteinbruch für die Gedichte und Prosatexte, die entstehen sollen.

Letztes Jahr schreibt er über Die Trauer in der Freude einen Essay in chinesischer Sprache und bewirbt sich um einen Preis, den die Literaturzeitschrift Meiwen in Xian und die Großgemeinde Wuzhen der Stadt Tongxiang in der Provinz Zhejiang seit 2014 verleihen – es ist der erste international ausgeschriebene Preis für Essays in chinesischer Sprache. Viertausend Autoren aus dem In- und Ausland schicken ihre Arbeiten, und Wolfgang Kubin erhält den Preis in der Kategorie Gold – es ist das erste Mal, dass ein Ausländer in China für ein in chinesischer Sprache verfasstes Werk einen mit Geld dotierten Literaturpreis erhält. Wolfgang Kubin sagte mir dazu einmal: „... die Sinologen zwischen 1945 und 1979 konnten in der Regel kein modernes Chinesisch. Es gab in der Zeit nur eine klassische Ausbildung! So wie bei uns, die wir Latein, aber kein Italienisch konnten.“ Und einen Autor wie Joseph Conrad, der aus Polen nach England kam und dort zu einem bedeutenden Romanschriftsteller wurde, hat die chinesische Literaturgeschichte nicht. Noch nicht.

Wolfgang Kubin will nicht nur Sinologe, sondern ein deutscher Schriftsteller sein. Er hat eine Vielzahl belletristischer Bücher veröffentlicht.

Die folgenden beiden Gedichte geben einen Einblick in Kubins lyrische Schreibweise; es geht um das Steigen und Fallen der Bilder, die Gedichte handeln von der Welt und zugleich vom Schreiben.

DAS NEUE LIED
VON DER ALTEN VERZWEIFLUNG

Bitte
keine Nachrichten mehr
von Krieg und Vertreibung.
Wir sind wehleidig genug.
Auch grundlos vergießen wir Tränen,
nicht allein bei Häutung, Schlachtung
oder Speisung der Zehntausend
mit eigenem Fleisch.

Bitte
nichts mehr von Todesspringern,
von Weltenbrand und Depression.
Wir ziehen das Nichts vor,
vor dem Leben und nach dem Tod,
vor dem Zweifel und nach der Verzweiflung.

Bitte
keine Fragen mehr nach Sinn und Verstand.
Ein Stein ist glücklicher,
eine Wolke und ihr Luftzug.

Wenn nicht ungeboren oder überlebt,
möchten zungenlos wir sein
ohne Auge und Ohr.

In poetischer Polemik wird der Eskapismus als Verdrängung des Lebens verurteilt. Es ist indirekte, aber wirkungsvolle Anklage falschen Lebens. Das Gedicht schreit nach Analyse der Welt und ist ein Plädoyer für eine bessere Welt, um die wir bemüht sein sollen.

Das andere Gedicht ist tiefer. Die Dichte der Bilder - in allen Versen! - ist überaus stark. Diese (Gedanken-)Bilder erzeugen ein Feld von Interpretationsmöglichkeiten zwischen Natur und Mensch, Leben und Tod.

SCHLOSS WIEPERSDORF

Für Yang Lian

Jeder Baum ist eine Uhr,
jedes Gras ein Spiegel.
Die Gräber wollen sommers gen Himmel,
sie fallen aufwärts
durch die Bilder
der ersten Stunde zu.

Die zum Himmel und durch die Zeit fallenden Gräber evozieren die ganze Geschichte eines Menschen, der in der Natur um ihn herum aufgehoben ist, und assoziieren sogar den Auferstehungsgedanken, die Überwindung des Todes, die allerdings nur gedanklich gelingt; das Gedicht ist frei von religiösem Glauben. Melancholie, wie Joachim Sartorius sagt, ist nur ein Aspekt des realistischen Sehens und Denkens in Kubins Poesie. Sein poetisches Sehertum bleibt vollkommen frei von elegischen Spuren. Die Widmung für Yang Lian ist auch inhaltlich absolut passend (abgesehen von biografischen Details: Wiepersdorf, Yang Lian). Die poetische Metaphysik dieser Verse (das Aufwärtsfallen der Bilder zurück in die erste Stunde) erinnert an das großartige Gedicht Yang Lians, „Die Höhe des Traums“, wo die ewige Musik des Seins dem Tod entgegengestellt wird. Allerdings sieht Yang Lian in seinem tatsächlich eher elegischen Gedicht den Tod am Ende als Erlösung, die wir annehmen sollten.

Das Steigen und Fallen der Bilder ist ein Lebensthema – nicht nur des Dichters, sondern auch im persönlichen Leben Wolfgang Kubins. Als ich ihn 2015 auf der Leipziger Buchmesse traf, sah ich besonders deutlich in seinen müden Augen die ganze Melancholie, mit der er schon lange durchs Leben läuft. In Qingdao (Tsingtau), wo wir vor zwei Jahren eine gemeinsame Lesung hatten, fiel mir das schon auf. Er erzählte mir, dass er kaum schlafen kann, in der Nacht schreibt er und stellt sein Frühwerk zusammen, sorgt für die Übersetzung seiner Gedichte ins Chinesische. Er, den ich mit seinen Doktoranden noch vor einiger Zeit Fußball spielen sah, und der in Bonn jeden Weg mit dem Fahrrad zurücklegt, wirkte in China auf mich fast gebückt, resigniert. Dann aber wieder, bei der Lesung, die er in deutscher und chinesischer Sprache moderierte, zeigte er sich in enthusiastischer Laune. Wie sehr seine Seele schwankt, dachte ich. Ich erzählte ihm von Stefan Zweigs poetisch formulierten Gedanken über Nietzsches letzte Lebensphase. Zweig thematisiert den Sinn der Krankheit als Weg zur Gesundheit. Er spricht dabei vom „Rausch des Genesens“ in einem dämonischen Prozess. Er nimmt Gedanken vorweg, die Thomas Mann im „Doktor Faustus“ als notwendige Bedingung gelingenden Künstlertums voraussetzt. Auch die Aspekte der Kälte, der Einsamkeit und des Wahns sind in Zweigs 1925 geschriebenem Traktat über Nietzsche schon angelegt. Zweig beschreibt das atemlose Schaffen des Philosophen in den letzten Wochen seines Lebens. Es ist die Euphorie vor dem Tode, ein letztes Sich-Aufbäumen, die Illusion absoluter Gesundheit. Wie nah ist solch ein Geist- und Seelenzustand dem Tod ... Zweig nennt das „eine Art Lichttod, ein Verkohltwerden des Geistes von der eigenen Stichflamme.“ Und: „Wem der Dämon so tief ins Auge gesehen, der bleibt geblendet.“, schreibt er. Natürlich meinte ich das, was ich referierte, als Anspielung auf Kubins Erschöpfung und den Raubbau an seinen Kräften, den er schon seit langem betreibt. Vielleicht ist es auch sein Weg, mit dem beginnenden Alter fertig zu werden. Es ist nicht unbedingt die Angst vor dem Tod, sondern eher die Angst, nicht das erreicht zu haben, was er schon wollte, bevor er so weit war, sein schriftstellerisches Œuvre zu bauen. Nicht der Beruf des Sinologen war seine Bestimmung, das erkannte er mehr und mehr, sondern das Dichtertum war seine eigentliche Berufung. Das sagte ich nicht, das ist meine spätere Deutung. Aber mit Stefan Zweigs poetischer Deutung Nietzsches traf ich bestimmt etwas Wesentliches. Wolfgang hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts.


Ich schrieb ihm später: „Lieber Wolfgang, die Euphorie vor dem Tod, von der ich auf der Leipziger Buchmesse sprach, behandelt Stefan Zweig in seinem fulminanten Essay über Nietzsche in seinem Buch DER KAMPF MIT DEM DÄMON (1925). Den Text findest du, wenn du Autor und Titel bei Google eingibst, sofort beim Gutenberg-Projekt. Da kannst du den gesamten Text lesen. ... Natürlich meinte ich nicht, dass du die Nietzsche-Euphorie 1:1 auf dich beziehen sollst. Aber vielleicht ist davon etwas wahr auch für dich. Ich wollte dir durch die Blume sagen: Betreibe keinen übermäßigen Raubbau an deinen Kräften.

Und er antwortete: „Ich bin derzeit dauernd unterwegs: Peking, Qingdao, Changchun, dann Taiwan, Japan. Ich antworte noch, wenn ich zur Ruhe gekommen bin. Dankbar Dein K.“

Ich glaube, er surfte nicht durch Stefan Zweigs „Kampf mit dem Dämon“. Warum soll er lesen, was er – in milderer Form – selbst erfährt?

Dann schrieb er mir: „Du solltest nach China einmal wieder zurückkehren. Vielleicht in mein wildes Hongkong und in den Bergen dank mir das Fürchten lernen.“

Ich antwortete: „Was soll ich denn fürchten lernen? Wer wie ich in den Fushan-Bergen ganz allein wanderte, wer wie ich zum Brocken emporstieg, hinab in den Grand Canyon of the Colorado und in die Gorges du Verdon ... der fürchtet nur sich selbst. Und du, liebe Seele, gesunde! Noch sind wir nicht alt, noch ist der Tod weit genug entfernt, auch wenn er vielleicht schon seinen Navigator programmiert.

Ulrich Bergmann, Juli 2016

-

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Melodia (22.07.16)
Ich lese momentan "DAS NEUE LIED VON DER ALTEN VERZWEIFLUNG"... endlich; hatte es mir so lange vorgenommen... gefällt mir ausgesprochen gut!
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram