KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 14. Juli 2016, 23:44
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Das Auge der Welt - Hommage an Pratchett

523. Kolumne


Ulrich Bergmann
Das Auge der Welt

Tods knochenharte Hand ließ Kautsky wieder los, als er in den Armen der Zauberin lag. Tod sah in ihr eine Kollegin, weil sie eine Betäuberin des Lebens war, die das Sein in einen anderen Aggregatzustand verwandelte. Sie trieb Kautsky auf den Gipfel des Nichts, sie tötete sein Gedächtnis. Er verlor die Erinnerung, bis sich Tod wieder in ihm regte. Er sprach in Kautskys Hirn, als wäre er in seine Glieder gekrochen: „Suche dich in der Welt, in der du dich verloren hast!“
Tod ist der größte Lehrer, dachte Kautsky. Er hatte sich selbst verführt, nun musste er wieder zurück ins Leben. Es fiel ihm schwer sich aus den Beinen der Zauberin zu lösen. Ich bin stärker als mein Verlangen, sagte er sich, ich zerschlage die Macht des Weibes. Er stieß sie sanft: „Ich werde dich nicht vergessen, ich habe dein Bild!“ Ja, das war gut gesagt, er nahm ihre Schönheit in sich auf, er verwandelte nun seine Liebe in die Suche nach sich selbst und brach mit festen Schritten auf zum Rand der Welt.

In der Ferne leuchtete die Silhouette der großen Stadt, unter ihm stampften die schweren Beine der tanzenden Elefanten, die mehr wussten. Kautsky beugte sich über den Rand der Welt, wo das Wasser über die Ufer des Lebens trat. Ich bin in der größten Gefahr, dachte er. Ich riskiere alles ohne Überlegung, weil ich die Vernunft hasse. Kautsky kletterte an einem der Wasserfäden, die wie Taue in die Tiefe fielen, in die Sphäre der Zeitdreher, bis er auf dem Rücken des Elefanten stand, der die Gebirge trug. In den Falten der dicken Haut stieg Kautsky abwärts, an den müden Augen vorbei, die ihn nicht sahen, bis zu den weißen Stoßzähnen, die mit der Spitze fast den Panzer der Schildkröte berührten. Kautsky glitt schnell auf der Elfenbeinbahn hinunter. Auf dem Panzer der Schildkröte sprang er rasch zur Seite um von den Beinen der Weltumdreher, der grauen Beweger der Zeit, nicht ins Horn der letzten Welt gerammt zu werden. Er schaute eine Weile den Elefanten zu, dem schweren Tanz der Zeit. Der Panzer war unter ihren festen Tritten glatt poliert. Unter den schweren Hufen sterben alle, die vom Teller der Welt springen, die zu weit gehen. Der Panzer der Schildkröte ist die Grenze zur Totenwelt. Vielleicht ist die Welt, in der wir leben, aus dem Panzer der Schildkröte geboren, dachte Kautsky, und das Meer aus den Tränen derer, die weinten, als sie ihr Leben erschufen, weil sie wussten, dass sie scheitern - wie ich.

Er lief zum Rand des Panzers über dem Halspol, legte sich flach auf einen Krater des harten Horns, schob den Kopf über den Rand und schaute in den Nacken der stummen Schildkröte. Er schloss die Augen. Da lief er - er lebte! - mit leichten Füßen auf dem unteren Augenlid der Schildkröte entlang und stieg in die Augenhöhle! Ich will ins Hirn der Kröte vorstoßen! Er schrie - aber er hörte sich nicht, die Luft trug ihn nicht in die Tiefe. Mit den Armen hebelte er einen Spalt ins schläfrige Lid, durch den er schlüpfte. Er schien überhaupt keine Angst zu haben. Wahrscheinlich spürte die Schildkröte ihn überhaupt nicht. War sie blind? Lag die Schildkröte im Tiefschlaf einer sich ewig ausruhenden Welterfinderin - oder war sie schon längst gestorben? Die uralte Weltkröte, die immer da war, die ihre eigene Geburt sah, lebte noch. So eine Kröte stirbt ewig, sie wird nie ganz tot sein, sie lebt nur immer langsamer, das ist alles.
Kautsky schrie seinen Namen in den Spiegel dieser toten Welt, aber er hörte nichts.
Die Töne erstickten in den langsamen Molekülen der Regenbogenhaut, in der sich der Polykosmos so eigentümlich spiegelte, dass Kautsky für einen Augenblick glaubte, die Schildkröte blinzelt ihn an. Aber das bildete er sich nur ein. Keine Schildkröte kann sehen, was in ihr geschieht. Alles, was wir denken, ist eine Fata Morgana der ewigen Wiederholung des Seins. Kautsky sah in das Auge der Welt. Er holte tief Luft und sprang.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 keinB (19.08.16)
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 FRP (19.08.16)
Bevor die schwarzen Löcher etwas schlucken, erstellen sie an ihrer Oberfläche ein zweidimensionales Abbild (davon). Dies reiche (ihnen) aus, da das Weltall zwar in der vierten Dimension gekrümmt-, die dritte Dimension jedoch nur eine Illusion sei. Starker Text!

 Bergmann (19.08.16)
Meine kleine Erzählung ist als Parodie entstanden und wurde dabei unmerklich zu einer ungewollten Hommage an Pratchett, von dessen Texten und ’Erfindungen’ ich gar nichts halte; immerhin übertrifft er deutlich die Harry-Potter-Pseudofantasie.

 EkkehartMittelberg (19.08.16)
Ich kenne Pratchett nicht. Wahrscheinlich fehlt mir deshalb die Grundlage, um deinen Text beurteilen zu können.
Ich kann nursagen, dass mich dein Text fasziniert, besonders der vorletze Satz
"Alles, was wir denken, ist eine Fata Morgana der ewigen Wiederholung des Seins."
Versucht man sich die Geschichte des Universums vorzustellen (was ich für unmöglich halte), nimmt der Gedanke an eine ewige Wiederholung des Seins, den unfassbaren Dimensionen ein wenig von ihrer erschlagenden Wirkung.

 Bergmann (19.08.16)
Lieben Dank, lieber Ekkehart. Man muss Pratchett nicht unbedingt kennen. Und manchmal ist die Parodie literarisch besser als das (erfolgreiche) Original.
Humor hatte der Ptratchett schon, das kann man sagen. Er kam (kommt?) bei den jungen Leuten im jugendlichen Alter gut an. Es gibt auch Kind gebliebene Leute, besonders viele hier auf kv, die wachsen über Pratchett oder Bukowski nicht hinaus ...
Herzlichst: Uli
Graeculus (69)
(19.08.16)
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