KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 13. September 2016, 21:25
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On verra

527. Kolumne


Über den Gästen des Sommerfests schwebte fühlbar ein unsichtbares Damoklesschwert. Der Sommer war regnerisch, die Schriftsteller, Freunde und Mitglieder des Krautgartens, eines Forums für junge Literatur im ostbelgischen St. Vith, saßen an fünf Tischen im gutbürgerlichen Restaurant am Steineweiher. Das Menü versprach a priori Trost für das Nachmittagsprogramm. Der Wirt ließ auftragen – eine Geflügelterrine an Feigenkonfit, dazu Weißwein Stony Cape South Africa Chardonnay 2015. Die Gespräche an den Tischen drehten sich um das, was für den späteren Nachmittag auf dem Programm stand: „Lagebericht: kurz, und Echos“. Es ging ums Damoklesschwert. Wann wird es fallen, oder fällt es vielleicht gar nicht? Was wird Bruno Kartheuser, Herausgeber und Rex des Literatur-Konzerns Krautgarten verkünden? Wird er das Erscheinen der Zeitschrift einstellen und den Verlag der edition schließen? Oder wird er sich an die neue Situation anpassen? Wird vielleicht nur er selbst sich zurückziehen in den verdienten Ruhestand? Schwer zu sagen. Die Lage ist ernst, sagt Bruno. Sie ist aber nicht hoffnungslos, denken Außenstehende, so zum Beispiel ein Zeitschriftenmacher aus Bonn.

Die Sache ist nämlich die: Der Krautgarten war bisher anerkannt als staatlich subventionierter Kulturträger von der Regierung der autonomen Deutschsprachigen Gemeinschaft (74.000 Einwohner); jetzt sind die Mittel stark zurückgefahren worden: „Krautgarten entspricht nicht den Mindestanforderungen“, so das Dekret der Regierung. Bruno spricht daher in der letzten regulären Ausgabe seiner Zeitschrift (Nr. 68/Mai 2016, 35. Jahrgang) vom „EXIT“ und „Abgang von der vertrauten Bühne“, vom „Fallen des Vorhangs, bedingt durch ‚Höhere Gewalt’ – in diesem Fall die zensierende Gewalt der Eupener Autonomiebehörde.“ Bruno spricht von „Handlangern der Zerschlagung“, er sieht in dem Akt der Regierung die Entschlossenheit „ein politisches Exempel zu statuieren“. Sein Ausblick: „Es folgt im Herbst ein Sonderheft mit besonderen Akzenten und einer – sagen wir – würdigen Grablegung ... Dann werden wir auch auf die Frage eingehen, ob ein Weiterleben des KRAUTGARTEN unter anderen Modalitäten denkbar ist ... ein Exit, aber einstweilen noch kein Exitus. Unsere Abschaffung lassen wir uns nicht von Barbaren und eingeflogenen Sold-Funktionären terminieren. Wir werden zu gegebener Zeit ein Ende setzen, und zwar nach unseren Vorstellungen.“

Fällt das Schwert? Und wen trifft es?
On verra.
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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 W-M (16.09.16)
Ja, es ist sehr bedauerlich und noch dazu schmerzhaft für Bruno Kartheuser, dass der Krautgarten (übrigens ein guter Name für eine "am Rande stehende" Literaturzeitschrift), dieses hoch engagierte Organ einer sprachlichen "Minderheit" in Belgien, eingestellt werden muss! Auch ich konnte in den Heften 63 und 64 einige Gedichte dort unterbringen. Sigune Schnabel (unangepasste) wurde dort gedruckt. Sehr schade! Aber in Europa scheint kein oder nur wenig Platz zu sein für "Autonome"?!

So wird zum Beispiel das aussterbende alte "Walserdütsch", die "altalemannische" Sprache der im 12. und 14 Jahrhundert die Hochtäler der Westalpen (vom Aostatal und Piemont über Graubünden bis nach Vorarlberg) besiedelnden Walser, der ursprünglich aus dem Goms (oberstes Rhonetal im schweizerischen Kanton Wallis) stammenden Bevölkerung, in einem kleinen Verlag in Brig (Wallis / Schweiz) "literarisch", mit schweizerischer staatlicher Förderung verlegt. In den abgelegenen Hochtälern südlich und östlich des Monte Rosa Massivs hat sich diese "alte" Sprache, die selbst heutige Walliser nicht mehr oder kaum noch verstehen, in den verschiedenen Dialekten der einzelnen Talschaften im sonst umgebenden italienischen Sprachgebiet (z.B. in Rima und Rimella / Aosta, in einem Weiler von Alagna, in Z’Makana = Macugnago und im Pomat = Val Formazza) bis in unsere Jetztzeit bei einigen wenigen "Alten" erhalten. Ich will hier nur die "walserdütsche", großartige Dichterin von überregionalem Format, Anna Maria Bacher aus Zum Steg = Ponte im Pomat = Val Formazza / Piemont, südlich des Nufenen Passes gelegen) erwähnen, die ich 1991 in ihrem Heimatdorf bei einer Lesung erleben durfte. Sie spricht und schreibt in dem alten "Walserdütsch" ihrer Heimat und Vorfahren, spricht sonst nur Italienisch und kann kein "modernes" oder neuzeitliches Deutsch. Ihre Sprache erinnert fast ein bisschen an das "Althochdeutsch" des Hildebrandslieds. Das nur am Rande. Aber, ich schweife ab von Bruno Kartheuser in St. Vith. Die Sorben und das Sorbische der Lausitz haben wenigsten in Cottbus = Chosébuz eine eigene Universität in ihrer Sprache und literarisch ihre Stimmen, z.B. in Kito Lorenc oder Róža Domašcyna, um nur zwei sorbische Vertreter der Gegenwartsliteratur zu nennen.

Möge der Krautgarten nicht nur für Bruno Kartheuser sondern auch für uns alle, literarisch Interessierten weiter gedeihen und neu wachsen!

 W-M (16.09.16)
Es muss natürlich richtigerweise Pomatt (mit zwei "tt" am Ende) heißen.
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