KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 27. Januar 2017, 20:12
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Le quattro stagioni

547. Kolumne


Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Toten oder lebenden Toten sind zufällig, rein zufällig, absichtlich zufällig, zufällig absichtlich, rein absichtlich und nichts als die reine Absicht.



Le quattro stagioni

I Conditio sine qua non
Wenn ich ins Theater gehe, gehe ich nur in ein anderes Stück meines Lebens, sagt Arthur, und wenn ich aus dem Theater komme, erschaffe ich mich spielend immer wieder neu in meinen Stücken. So ermögliche ich meine eigentliche Geburt als Lebenskünstler. Mein Ich spielt mit seinem Gegen-Ich, und derart schizophren bringe ich mich wechselseitig um, Stück für Stück. Meine Lebenskunst ist ein permanenter Selbstmord zum Leben hin. Das ist meine Realkunst: Eine Politik des möglichen Lebens.
Aber dann lebst du ja, sage ich, im Konjunktiv.
Ja, ich lebe - nach meiner Grammatik. Das Leben der Sterbenden ist mir zu tot. Ich kann nur als Toter leben.

II Hot air
Ich hasse den Sommer, den Winter habe ich immer geliebt, schon bevor ich leben musste, sagt Arthur beim Verlassen der Kunsthalle. Ich bin ein Sommerneurotiker, dieses gezwungene Jasagen zum sogenannten Leben passt mir nicht, dieses immergrüne Scheitern der Lebensfragmente in sommerlichen Trugbildern. Ich schlage mein Glück aus, das der Sommer nur verspricht, aber nicht halten kann.
Ich liebe den Sommer, sage ich, dann ist es warm.
Ich mag keine falschen Hoffnungen, sagt Arthur. Dem Sommer fehlt die zentrale Perspektive, die finale Orientierung. Ich kann im Sommer nicht wohnen, der Sommer ist ja nur ein Balkon im Haus der Jahreszeiten.
In welchem Zimmer wohnst du denn?, frage ich.
Am liebsten, sagt Arthur, halte ich mich in der Bibliothek auf, ohne Fenster nach außen, da schützt mich der Schatten der Bücher vor dem Sommerunsinn und öffnet mir den Raum zum Reisen in alle Richtungen, aber meine richtige Wohnung ist nicht in diesem Haus, wo ich nur Gastpflichten habe.
Dann hast du keine Heimat in dieser Welt, sage ich, du lebst im Nirgendwo.
Ich wohne in den Büchern, sagt Arthur, zwischen den Zeilen meiner utopischen Gedanken.

III Aprèslude
Mein ganzes Leben war von Anfang an ein einziger Herbst in mir und die Blätter sind schon alle von mir abgefallen, sagt Arthur, als er wieder einmal den Oblomow las, aber was bleibt von mir, wenn ich in den Winter gehe?
Du wirst in meinem Gedächtnis bleiben, sage ich.
Ich hinterlasse kein Oeuvre, meint er, mein ganzes Oeuvre bin ich selbst.
Na gut, sage ich, aber ich werde von den Zinsen deiner Gedanken zehren.
Du bist ein Spekulant, sagt Arthur, du riskierst deinen Bankrott!
Nein, sage ich, ich habe ja auch noch eigenes Kapital!
Was ist dein Kapital wert, wenn du es gar nicht ausgeben kannst ohne mich!

IV Nachtstück
Wenn unsere Zeit stillsteht, dann hören wir nur noch die Fermate am Ende unserer kleinen Nachtmusik vor der großen Winternacht, dann geht in der Welt das Licht aus, uns geht die Welt aus, sagt Arthur, als der Film aus war und der Kinosaal wieder da war, weil das Licht anging.
Wie neu geboren verlässt du dann das Kino, sage ich, und siehst dir den Hauptfilm an.
Ja, sagt Arthur, du siehst dein Leben so, wie ich mir den Tod wünsche.

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Graeculus (69)
(10.02.17)
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 Dieter_Rotmund (10.02.17)
Artur wird mir immer sympathischer.
Graeculus (69)
(10.02.17)
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 Dieter_Rotmund (12.02.17)
Entschuldigung, er heißt natürlich Arthur.

 Bergmann (13.02.17)
Schreiben meine Leser jetzt auch schon Art(h)urgeschichten - ?
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