Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Montag, 06. Oktober 2014, 17:02
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DER ANSTÄNDIGE (IL/AT/D 2014)

von  Dieter_Rotmund


Gastkolumne von  Graeculus

„Der Anständige“ ist ein neuer Dokumentarfilm der israelischen Filmemacherin Vanessa Lapa. Er basiert auf den kürzlich veröffentlichten privaten Briefen des Reichsführers-SS Heinrich Himmler (1900-1945), die bei der deutschen Kapitulation in seinem Haus am Tegernsee beschlagnahmt worden waren und sich jahrzehntelang in jüdischem Privatbesitz befanden.

„Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig“, schrieb Himmler ins Poesiealbum seiner Tochter. Wie kann ein Mensch nach seinen eigenen Maßstäben anständig, gütig gar sein und nach den Maßstäben der weitaus meisten anderen Menschen ein Massenmörder? Das ist die Frage, die dieser Film aufwirft. Als ich aus dem Kino kam, war ich mir nicht sicher – und bin es bis jetzt nicht –, ob es auf diese Frage eine Antwort gibt.

Lapa verwendet für ihren Film ausschließlich Archivmaterial, nämlich private und, in späterer Zeit zunehmend, öffentliche Fotos sowie Filmaufnahmen aus der Geschichte Deutschlands bis zum Ende des Nationalsozialismus und Himmlers Suizid als britischer Gefangener am 23. Mai 1945. Einen eigenen Kommentar durch einen Sprecher aus dem Off verweigert die Regisseurin uns. Die Bilder, die wir sehen, werden konfrontiert mit Zitaten aus Himmlers privaten Briefen. In gewisser Weise ergibt sich daraus ein Kommentar, aber ein interner. Die sich in Filmausschnitten präsentierende Person wird konfrontiert mit ihren eigenen, persönlichen Äußerungen. Diese sind und bleiben über das Leben hinweg kleinbürgerlich: ein Leben der Liebe zu einer Frau, zu einer Tochter, zu einem etwas problematischen Pflegesohn, zu einer Geliebten später mit weiteren Kindern; ein Leben der Pflicht, voller Arbeit – es könnte alltäglicher und spießiger kaum sein. Aber was für eine Pflicht, was für eine Arbeit? Da werden die Bilder und wird's dem Zuschauer immer gruseliger. Eine Bewegung zur Verteidigung der Ehre Deutschlands und zum Kampf um den knappen Lebensraum wird aufgebaut, Gegner müssen bekämpft und ausgemerzt werden – und dann: die Juden. Eine schwere Aufgabe, eine drückende Last auf den Schultern eines schmalen Mannes, aber sie müssen beseitigt werden. Und dieser kleine, spießige Mensch legt allergrößten Wert darauf, daß er diese Aufgabe anständig erfüllt: ohne unnötige Grausamkeit und vor allem ohne privaten Egoismus, ohne persönliche Bereicherung. Es ist eine merkwürdige Moral, zu der es eine Schlüsseläußerung Himmlers gibt, die auch im Film zitiert wird:

„Ein Grundsatz muß für den SS-Mann absolut gelten: Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und zu sonst niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht.“ (Oktober 1943 vor SS-Gruppenführern in Posen)

Es kennzeichnet Himmlers Verständnis von Moral, daß er Pflichten nur gegenüber dem eigenen „Blut“ hat, nicht gegenüber anderen Menschen, die er gerne als „Untermenschen“ bezeichnet. Und wie er bei anderer Gelegenheit sagt – wir hören es im Film –, daß es die Ehre eines SS-Mannes ausmache, sich bei dieser Pflichterfüllung nicht die privaten Taschen gefüllt zu haben, da erfahren wir aus einem Brief an seine Frau, welche Geschenke er ihr und der gemeinsamen Tochter geschickt hat: einen Pelzmantel, ein Goldarmband, ein schönes Kleid ... Woher hatte er die?

Da begreift man: Die ganze Moral dieses Mannes, selbst in dieser Minimalform bloß gegenüber dem eigenen Volk, war ein purer Selbstbetrug. Auch er – wie viele andere Nazis – hat sich persönlich bereichert am Besitz seiner Opfer. Der Spießbürger lüftet die Maske, und dahinter sehen wir: die Banalität des Bösen.
Ich weiß nicht, ob Vanessa Lapa dieser berühmten und unter Juden umstrittenen Formulierung Hannah Arendts zustimmt. Jedenfalls verlasse ich das Kino mit dem Gedanken: welch eine monströse Form skrupelloser Kleingeistigkeit! Alles, jedes Tun läßt sich vereinbaren mit der Maske der Wohlanständigkeit.

Da die Regisseurin nicht selber zu uns spricht, sondern uns nur etwas vorführt, müssen wir uns unsere eigenen Gedanken dazu machen. Ich kann es nur jedem empfehlen, sich diesen Film anzuschauen und das zu tun.
Vielleicht wird es auch irgendjemandem gelingen, dies alles in einer tieferen Weise zu verstehen.

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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 TrekanBelluvitsh (09.10.14)
Ich kenne den Film nicht. Aber ich denke du wirst einige Antworten hier finden: Longerich, Peter; Heinrich Himmler, Biogrphie; München 2008

Ach lesenswert ist Longerichs Goebbelsbiographie, die mit einige Urteile über den Propagandaminister geraderückt.
Graeculus (69)
(09.10.14)
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 TrekanBelluvitsh (09.10.14)
Longerich beschäftigt sich gerade im ersten Teil mit der frage, wie Himmler zu dem wurde, was er letztlich war, hat. z.B. auch auf die Briefe zurückgegriffen. Noch einmal: Ich empfehle es sehr!
Graeculus (69)
(09.10.14)
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 Dieter_Rotmund (11.10.14)
Der große Pluspunkt des Films scheint zu sein, dass er ohne Kommentare aus dem Off auskommt und man sich seine eigenen Gedanken machen darf. Das ist heute leider selten geworden, zu einem oberlehrerhaften Gutmenschenton kommt meistens noch menschelnde Gefühlsmusik hinzu.
Graeculus (69)
(11.10.14)
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