Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 03. Mai 2017, 16:01
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Denial (deutsch: Verleugung), USA/Großbritannien 2016

von  Dieter_Rotmund


Kürzlich stieß ich in einem Buchbesprechungsforum des Internets auf ein Werk von David Irving, dessen Inhalt ein User harmlos als interessante, vom Normalmaß abweichende Sichtweise auf Adolf Hitler pries. Ich fand das abstoßend, denn John Irving propagiert in seinen Büchern (auch in diesem Hitler-Buch), dass der Holocaust nie stattgefunden hätte. In seinen Reden äußert sich Irving sehr unflätig gegenüber KZ-Überlebenden.
Ich merkte in dem Buchbesprechungsforum an, dass ich nicht gut finde, dass diesen Thesen dort eine Plattform gegeben würde und dass ich mir wünsche würde, das Buch und die verharmlosende Besprechung würde verschwinden. Ich wurde der Intoleranz bezichtigt und man warf mir Zensurabsicht und Beschneidung der Meinungsfreiheit vor.
Im Grunde stellt sich hier die Frage: Soll man mit solchen Menschen, also Irving und seinen Anhängern*, überhaupt diskutieren oder doch lieber nicht?
Diese Frage wird auch in dem britisch-amerikanischen Spielfilm Denial (deutscher Titel: Verleugung) aufgeworfen, den ich am 1. Mai 2017 in Heidelberger Kino "Gloria" sah. Es geht in diesem Spielfilm um eine Verleumdungsklage, die Irving gegen die Wissenschaftlerin Deborah Lippstadt anstrengte, um deren Anti-Iriving-Arbeit (um es mal so kurz zusammenzufassen, sie schrieb ein Buch "Denying the Holocaust" über deren Leugner) zu unterbinden (zumindest in Großbritannien). Die Chancen standen für Iriving gut, da in England die Beweislast beim Angeklagten liegt. Der Film beschreibt überwiegend die einzelnen Stationen des Prozesses. In seinem Versuch, das über alle Maßen monströse industriell organisierte Töten von Menschen auch nur anzudeuten, scheitert der Film kläglich. Es ist, vor Ort in Auschwitz, sein allerschwächster Moment. Der Film ist dann stark, wenn es um juristisches Geplänkel fern jeder Emotionalität geht: Ein Hauen und Stechen im Gerichtssaal. Klasse: Timothy Spall als Irving und Tom Wilkinosn als dessen Kontrahent, Anwalt Rampton. Dabei gilt: Nicht der bessere Mensch gewinnt, sondern der bessere Anwalt. Die Motive aller Beteiligten werden in Denial offen und schonungslos, wie ich finde, dargelegt. Diese Motive sind im besten Fall die Sicherung der beruflichen Existenz und im schlechtesten Fall die Stärkung einer menschenverachtenden Ideologie.
Keine der Figuren in Denial kommt wirklich gut weg; das ist eine weitere Stärke dieses Werks. Fraglich bleibt nur, ob die Filmemacher Sympathien für Lippstadt erzeugen wollten, indem sie recht viele Szenen einbauten, die sie als selbstlose Kämpferin für eine gerechte Sache zeigen. Und die Ihren Hund streichelt und füttert. Wie herzerwärmend. Irving bekommt weit weniger Szenen mit seiner (minderjährigen) Tochter, die ihn als liebevollen Vater ausweisen.
Abschließend möchte ich hier einen Satz des Richters aus seiner Urteilsbegründung vom 11. April 2000 (in einer deutschen Übersetzung) zitieren, die den Kläger (also Irving) beschreibt: „Er ist ein rechtsextremer Pro-Nazi, Polemiker, Antisemit und Rassist, der sich mit Rechtsextremisten zusammentut, um den Neonazismus zu fördern.“

*Mit diesen sog. alternativen Fakten ist Irving seiner Zeit weit vorausgewesen und dürfte inzwischen bei AfD und Pegida auf offene Ohren stoßen.

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