Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 05. Januar 2022, 09:28
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Nicht-Orte im Film und beim Fußball

von  Dieter_Rotmund


Das Konzept der sog. Nicht-Orte (non-lieux) des französischen Anthropologen Marc Augé finde ich faszinierend, Augè bezeichnet (kurzgefasst) Nicht-Orte als Orte, an denen eine gewisse Entmenschlichung, so will ich's mal versuchen zu formulieren, stattfindet bzw. schon stattgefunden hat. Nicht-Orte sind oft Orte, die oft rein mono-funktional genutzt werden, nach Augé Orte ohne Geschichte. Relation und Identität. 
So zum Beispiel der McDonald's an der Bundesstraße 256 zwischen Köln und Hürth, den ich von früher kenne. Oder die verwahrlosten Hallen, offenbar nicht (mehr) genutzt, ganz am Rande des LKW-Parkplatzes des Mercedes-Benz-Werks im südpfälzischen Wörth. Oder fast überall in Ludwigshafen. Oder diese eine einsame Bushaltestelle, es gibt nur zwei Pferdehöfe in der Gegend und ich habe dort noch nie jemanden stehen sehen sehen, zwischen der Auffahrt zur A8 und Karlsbad, an der ich oft aus beruflichen Gründen vorbeifahre und nun denke ich: ein kleiner Nicht-Ort.
Nicht zu verwechseln ist der Nicht-Ort mit den sog. Lost Places. Z.B. ist der abgelegene ehemalige Sportplatz der DJK Ziegelhausen im Odenwald zwar "lost", aber mitnichten ohne Geschichte (es wurde dort lange Zeit Fußball gespielt), Relation und Identität (heute ist er ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen im Odenwald und man kann dort auch gut eine Pause machen). 

Augé nennt als weiteres Merkmal der Nicht-Orte die kommunikative Verwahrlosung. So erinnere ich mich, dass man den Angestellten im McDonald's in Hürth damals (heute mag es anders sein) keine allzu umständlich formulierte Bestellung zumuten konnte, ansonsten wurde man nicht bzw. nichts verstanden. Das heißt aber nicht, dass ich mich dort nicht wohl gefühlt hätte, dass ein Nicht-Ort per se ein unangenehm wirkender Ort ist, so ist es wiederum nicht. Diese Nicht-Orte zeichnen sich ja auch dadurch aus, dass sie durch nichts "aufgeladen" sind, und diese Nicht-Aufladung ist nicht nur nicht bedrängend, sie lässt einem auch frei durchatmen. Im Klartext: Im McDonalds in Hürth konnte ich ganz in Ruhe einen Kaffee trinken und den "Kölner Stadtanzeiger" (immer Donnerstags mit den neusten Kino-Programm!) lesen. Einen besonders unangenehmen Nicht-Ort besuchte ich Ende November 2021 im Elsaß: Ich war im Konzentrationslager Natziller-Struthof. Die Beschreibungen "Kommunikative Verwahrlosung" und "Mono-Funktionalität" treffen auf diesen (Nicht-) Ort so sehr zu, das sie fast wie ein Euphemismus wirken.

Gibt es diese Nicht-Orte auch in der Fiktion, will sagen im (Spiel-)Film, und auch im Fußball?
Beim Fußball fällt mir dabei als Nicht-Ort spontan das Profifußballstadion des TSG Hoffenheim (meist Rhein-Neckar-Stadion genannt) in Sinsheim ein:  Ein klobiger, architektonisch völlig lustlos gemachter Klotz "mitten auf der grünen Wiese" , wie man so schön sagt. Viel Sichtbeton, wenig Abwechslung, alles nur funktional. Der Mensch wird dort kanalisiert, man ist nur Konsument, nicht Gast. Ich habe mich mal überreden zu lassen, im Sommer, außerhalb der Ligasaison, zu einem Familientag dorthin zu fahren. Es gab ein Freundschaftsspiel, irgendeine spanische Mannschaft gegen die TSG-Männerprofis. Obwohl es sportlich um gar nichts ging, sah ich einen Knirps angesichts einen TSG-Tores seinen Vater (mutmaßlich um den Hals fallen. Was ich damit sagen will: Ich war Zeuge eines Transformationsprozesse vom Nicht-Ort des Stadions zum Ort - jedenfalls aus der Perspektive des Jungens. 
Nicht-Orte gibt es beim Film viele, spontan fällt mir die Flughafenbar ein, die Trevor Reznik (Christian Bale) in The Maschinist (ESP/FR/GB/USA 2004) regelmäßig besucht. Oder der Replikatoren-Planet in der Stargate TV-Serie. Oder, oder, oder ... Was sind eure Nicht-Orte aus Filmen?

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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 eiskimo (06.01.22, 09:08)
Ich weiß nicht, ob mein Nicht-Ort die Kriterien hier erfüllt. Es ist das Nachbarhaus. Das alte Ehepaar, das darin wohnte, ist tot bzw. im Pflegeheim; die Kinder können sich nicht einigen, wer die Hütte übernimmt - seit Jahren icht - und  im Garten fährt regelmäßig seine Runden ... der Rasenroboter

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 06.01.22 um 12:11:
Ich denke, Roboter sind per se eine Art Qualifikationsbestandteil für einen Nicht-Ort.

 Ralf_Renkking (06.01.22, 09:43)
Ein guter Beitrag diesmal, dennoch sollte Dir ein Lapsus wie The Maschinist  nicht unterlaufen. 👋😉

Ciao, Frank

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 06.01.22 um 12:12:
Danke für den Hinweis!

Zuerst dachte ich, der Film hieße The Mechanic ....  :dizzy:

 Graeculus (06.01.22, 14:17)
Das KL im Elsaß hieß Natzweiler-Struthof.

Interessante Frage, die nach Nicht-Orten. Spntan habe ich an die hiesige Bushaltestelle Dreimarkstein gedacht, an der nie jemand ein- oder aussteigt. Aber bedeutungsvoller ist es ja, wenn Menschen sich an einem Nicht-Ort aufhalten, wie etwa bei McDonald's.
In Filmen? Da denke ich an die Corova-Milchbar in "A Clockwork Orange".

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 06.01.22 um 18:30:
Das ist halb-korrekt, richtig ist das franz. Natzwiller-Struthof (meine Schreibweise war ganz falsch).

 Graeculus äußerte darauf am 06.01.22 um 18:37:
Der Ort liegt ja heute in Frankreich und heißt heute so; in der Geschichtsforschung läuft er unter dem deutschen Namen, weil es ein deutsches KL war.
Sagen wir so: beide Schreibweisen sind möglich.
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