Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 19. Oktober 2011, 13:09
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Städte-Ranking

von  Dieter_Rotmund


Häufig aufgegriffen und verwendet wird in letzter Zeit wieder der „Ranking“-Begriff. Nicht so sehr von der Boulevard-Presse (zu kompliziert, man muss mehr als bis 3 zählen können), eher von konventionellen Tageszeitungen und Wirtschaftsnachrichten-Magazinen. Waren es vor ein paar Jahren überwiegend die Universitäten, so sind es heute Unternehmen und ganze Staaten, die sich in Listen wiederfinden. Es ist ganz einfach: Wer oben auf der Liste steht ist top, wer unten flop, meistens jedenfalls. Hier drückt sich die Lust an der Liste als literarisch-journalistischen Ausdrucksform aus, die keine Formulierungsfertigkeiten benötigt und dennoch verständlich ist.
Bis jetzt sind diese Listen leider oft noch reichlich humorlos. Listen der Städte mit dem größten Kokainkonsum (wahrscheinlich Köln auf Platz 1, was Rheinwasser-Untersuchungen belegen) oder mit den meisten gekauften Harry-Potter-Büchern pro Kopf fehlen (noch).
Ein Institution jedoch pflegt schon seit vielen Jahren ein Städte-Ranking, teilweise sogar jede Woche neu: Die ARD. Sogar in der „Tagesschau“ wird diese Liste gezeigt und deren Veränderungen kommentiert. Knapp 20 Städte umfasst diese Liste.
„München besiegt Hamburg“ lautet die Kommentierung in etwa, oder „Frankfurt unterliegt Berlin“. Unter diese Liste von Städtenamen steht: „1.Bundesliga“. Sonst nichts. Die ARD pflegt auch den Brauch, als einzige Nachrichteninstitution ausschließlich die Namen der Städte zu nennen, ohne näher konkret zu werden. Es wird einfach vorausgesetzt, von allen etwa 50 Millionen TV-Bundesbürgern (Kinder und Komatöse, Hippies und Teenies schließe ich mal aus) , so ja der Anspruch der ARD, dass sie wissen, was gemeint ist: Nämlich die 1.Bundesliga des Fußball-Mannschaften der Männer un deren Vereinsbezeichnungen. Diese wichtigen Informationen werden nicht mitgeliefert, weder Fußball noch Männer, noch die Vereinsnamen, es könnte theoretisch auch die 1.Volleyball-Bundesliga der Frauen sein.
Das eigentliche Kuriose ist, dass in der Liste der ARD keine Vereinsnamen stehen, sondern Städtenamen. Wer also unvoreingenommen diese Liste vorgesetzt bekommt, muss sich einiges zusammenreimen. Nehmen wir als Beispiel den aktuellen 9. Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga der Männer: „München“ steht da in der Tagesschau ganz oben auf der Liste. Nun gut, München ist eine recht schöne und wirtschaftlich erfolgreiche Stadt, irgendwie hat sie es sicher verdient, auf Platz 1 dieser zunächst etwas mysteriös wirkenden Liste zu stehen. Aber dann? Auf Platz 2 ein Stadt mit dem etwas albern wirkenden Doppelnamen „Mönchen-Gladbach“, dann folgt „Dortmund“. Beides grottenhäßliche Ruhrgebietsstädte mit gefühlten 50% Arbeitslosigkeit. Man ernährt sich von Unkraut (Grünkohl) und geht in der Freizeit in „Trinkhallen“.
Auch die schwäbische Hektiker-Metropole und Heimstatt empörter Wut-Bürger im Rentenalter, Stuttgart, hat so weit oben auf Platz 4 im deutschen Städte-Ranking nichts verloren. In Neckarloch Stuttgart ist es zwar sauber, aber ansonsten öde. Auf Platz 6 keine Stadt, sondern ein Gelsenkirchener Stadtteil, was die Liste noch kurioser macht. Auf Platz 9 ein Dorf („Hoffenheim“), über dessen steriles Fußballstadion in dieser Kolumnenreihe schon geschrieben wurde. Aber von Fußball steht auf dieser Liste ja nirgends was! Erst auf Platz 15 (Mainz) und 17 (Freiburg) folgen zwei recht nette deutsche Städte, auch wenn sie als langweilig gelten.
Gehen wir allerdings wohlwollend davon aus, dass alle sofort wissen, dass 1.Fußball-Bundesliga Männer gemeint ist. dann stellt sich die Frage: Gibt es in jeder dieser Städte nur jeweils einen Fußballverein? Mitnichten, ein deutsche Stadt von durchschnittlicher Größe hat um die 100 Fußballvereine, beziehungsweise Vereine mit Fußballabteilungen! Es ist also äußerst ignorant, z.B. „München“ und nicht „1.FC Bayern München“ zu schreiben. Gerade diese Stadt hatte sogar zeitweise noch eine andere Vereinsmannschaft in der 1.Bundesliga Fußball Männer. Steht dann dort „München I“ und „München II“? Oder dann doch die Vereinsnamen, bei allen anderen jedoch nicht? Homogen und journalistisch sauber ist das nicht.
Nun gut, was sollen wir auch von einem Fernsehsender erwarten, der ein Magazin namens „Sportschau“ hat, dort aber oft ausschließlich und uferlos ausgedehnt über Fußball berichtet wird? Die Online-Redaktion des Senders ist im Punkt Namensnennung übrigens konkreter und professioneller: Dort stehen die halbwegs vollen Vereinsnamen, wenigstens vollständig genug, um sie zweifelsfrei zuordnen zu können.
Was soll man davon halten? In Deutschland herrscht die Fußball-Diktatur und die „Tagesschau“ ist ihr bestes Sprachrohr. Als würde es nicht schon reichen, dass wir ungefragt alle Weltmeister sind, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Herren das WM-Turnier gewinnt...

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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Didi.Costaire (20.10.11)
Ich muss zugeben, dass es mir noch gar nicht aufgefallen ist, dass in den Sport- und Tagesschau-Tabellen nur die Städtenamen auftauchen.
Es wäre mir wahrscheinlich aufgestoßen, wenn ich mich mehr mit dem Amateursport vor Ort befassen würde, wo Vereine á la FC, VfL und Eintracht plus dem Namen der Stadt gegen diverse Clubs aus Stadtteilen oder Vorstädten antreten.
Mich hat daraufhin interessiert, wie es eigentlich bei Politikern ist. Werden deren Vornamen in der Tagesschau genannt? Bei der Testsendung (heutige Nachtausgabe von 4:40 h, knapp fünf Minuten lang) wurden zwar meistens die jeweiligen Ämter vom Sprecher erwähnt, nicht aber die Vornamen. Sie tauchten lediglich bei Einblendungen unbewegter Bilder auf. Nur der deutsche Wirtschaftsminister war auch hier nur "Rösler".
Insofern wäre es noch paradoxer, wenn bei Fußballergebnissen nicht nur Berlin genannt werden würde, sondern auch noch die alte Tante Hertha.
Auf dem Weg zur Fußballdiktatur war diese Tagesschau-Kurzausgabe übrigens weit vorne: Die Ergebnisse der gestrigen Champions-League-Begegnungen zwischen Olympiakos Piräus und Borussia Dortmund bzw. Bayer Leverkusen und dem FC Valencia wurden unter Nennung der vollständigen Vereinsnamen verkündet.

 Dieter_Rotmund (20.10.11)
Eigentlich ist es üblich, Personen bei der ersten Nennung mit vollem Namen zu nennen, bei weiteren Nennungen kann/darf auf den Vornamen verzichtet werden. Im Fußball hat sich (leider) oftmals eingebürgert, dass ausschließlich Nachnamen genannt werden, wobei seriöse Berichterstatter (z.B. die FAZ) da nicht mitmachen. Ich selbst bemühe mich oft um die Vornamen der Damen und Herren Kicker, sie stehen aber manchmal einfach nicht zur Verfügung.
"J'accuse" und politische Korrektheit, so Jacks Vorwürfe. Also die politische Korrektheit weise ich von mir, dafür ist das Thema auch viel zu wenig moralisch, es geht hier ja nicht um Tierversuche oder Kita-Spielzeug. Das "J'accuse" nehme ich an, denn für den Sport vergiesse ich durchaus noch Herzblut und finde es manchmal frustrierend, wie sehr der Fußball andere, weitaus interesantere Sportthemen an den Rand drängt...
(Schreibfehler entdeckt: Irgendwo im Text steht "un" statt "und", hiermit entschuldige ich mich für diese Schlampigkeit!)
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