Ömchen

Gedicht zum Thema Annäherung

von  altezeit

„Ausweisen!“, zischte Ömchen

zahnlückig, zahnlückig, zahnlückig,

kreuzrubbelnd und sichelschwingend,

das müde Resthaar in Zorngiebel gelegt-

wie es sich drohend um

ihr bissiges Pfirsichkernantlitz rankte!

Zittrigen Schritts auf die Dämmerung zu, zu

zermürbt und zerkaut ist die Zukunft-

dieser verrottete Plastikfetzen

war einmal Gas-, nein Heißluftballon-

nichts fliegt, nichts fliegt, nichts hüpft in ihr,

ein Spuk hockt ihr auf dem Buckel,

der Funke Zinnober,

den sie versprüht, ist kalt,

Ömchen kann immer noch zubeißen,

mit den verbliebenen Zähnen

reißt sie an den Häuten der Überlebenden,

appetitlos und roh,

ihr Atem: ein Bronzegelddunst

ihr Herz: ins Becken gerutscht,

altes Eisen.

 

Und wie gestern und letztes Jahr

verschloss sich mein Mark

vor einer Berührung mit ihr,

nur meine Hand hielt ich

in die Aschewolken aus ihrem Mund

reglos, nicht fächelnd

es gibt kein Rankommen an das Biest,

Insekten sind zärtlicher,

sang mir die Lerche ins Ohr

und streifte mit ihrem Flügel

mein Schlüsselbein

als sie fiel – Ömchen: 

holte mit ihrem Spazierhammer aus

und traf sie im Sturz.

 

Erst, als die neuen Kinder

mich in ihre glänzenden Augen aufnahmen,

wurde es wieder Tag,

für einen Augenblick nur,

gemeinsam bliesen wir in die Singvogelfedern

und mein bissiges, selbstzerfressenes Ömchen

spuckte und zuckte und wand sich

schraubte sich in den Asphalt und verteerte.

Wie sie da zur Statue versteift

in der untergehenden Sonne zerfiel,

unheilbar verzagt,

hätte ich ihr so gern

das entzündete Zahnfleisch gestreichelt,

 

aber ich wusste um ihre Tollwut.


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