Zuversicht

Szene

von  Citronella

An diesem Morgen herrscht in den Räumlichkeiten der onkologischen Ambulanz des Universitätskrankenhauses reger Betrieb. Ich vermute, es wird jeden Tag so sein.


Während sich der Patient, den ich begleite, einer weiteren Untersuchung unterzieht, sitze ich auf einem unbequemen Plastikstuhl im großen Vorraum der Abteilung. Flure und Treppenhäuser nach allen vier Seiten lassen immer wieder unangenehme Zugluft herein. Ich versuche in dem mitgebrachten Buch zu lesen, aber die Unruhe ist einfach zu groß. Die hier Sitzenden sind wohl überwiegend Begleitpersonen, manchmal auch zu zweit oder im Familienverbund. Wirklich entspannt wirkt hier niemand.


Die Stühle sind mittlerweile alle besetzt. Ein Mann mittleren Alters, etwas ungepflegt wirkend, läuft unruhig hin und her. Er trägt unter dem Arm etwas Zusammengerolltes, das im ersten Moment wie eine Wolldecke aussieht. Ein Obdachloser?


Hinter mir an der Wand ertönt in kurzen Abständen ein Klingelzeichen von der elektronischen Anzeigetafel zum Aufruf des nächsten Patienten. Aus dem langen Gang der Ambulanz, in dem sie verschwinden, kommen im gleichen Abstand Patienten, oft schleppenden Schrittes oder mit gesenktem Haupt.


Der Mann mit der Rolle unter dem Arm eilt auf eine Frau um die dreißig in lässiger Trainingshose und dicken Wollsocken zu. Ich sah sie zuvor im Vorbeigehen in einem der Behandlungszimmer mit einem Infusionsschlauch sitzen. Sie wirkt erleichtert, als der Mann sie in die Arme schließt und ihr den Wollmantel, den er zusammengerollt trug, liebevoll um die Schultern legt.


Ein Bild, das unter die Haut geht und dennoch Zuversicht ausstrahlt.






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Kommentare zu diesem Text


 niemand (06.04.26, 15:37)
@ Citronella
Du hast diese Szene sehr intensiv in Worte gesetzt. Man bewegt sich als Leser
zwischen Schauern des Mitgefühls und um es mit dem letzten Satz zu sagen
der "Zuversicht". Es ist immer möglich zu hoffen. Mit lieben Grüßen in Deine
Richtung, Irene

 Citronella meinte dazu am 06.04.26 um 17:11:
Ja, Irene, die Hoffnung sollte man nie aufgeben.

Ich beobachte überall gerne Menschen und versuche Situationen zu interpretieren. Dieses hier war ein wirklich intensiver Moment – die Frau offensichtlich erleichtert, dass die Behandlung (ich nehme mal an, es war eine Art Chemotherapie) überstanden war, der Mann ebenso erleichtert, dass er sie wieder in die Arme schließen konnte. Und es war die Ausnahme zwischen den vielen bedrückten, meist auch älteren Menschen. 

Aber wer ist auf einer solchen Station schon fröhlich ...

LG Citronella
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