Es war anfangs dieses Jahrhunderts… Quatsch: dieses Jahrtausends! Damals habe ich mich mit ein paar Leuten im Internet unterhalten. Wie das überhaupt ging? Das ist nicht leicht zu erklären, weil es zu einfach war. Ich habe sogar vergessen, wie man das nannte – vielleicht nicht „Social Media“, aber sicher benutzte man schon Wörter wie „Forum“.
Jedenfalls bin ich da mitten in eine Diskussion hineingestolpert und habe mitgeredet… Sowas traute ich mich damals noch. Es waren englischsprachige, mir unbekannte Frauen und Männer, die sich über die Musikgruppe Procol Harum unterhielten. Vor allem ging es um den Text A Whiter Shade of Pale, und jemand zitierte eine Kritikermeinung, dass Leute wie Keith Reid eher eine Suchtberatung als einen Nummer‑eins‑Hit gebraucht hätten. Wir waren natürlich anderer Meinung. Eine Studentin belegte ihre Ansicht sogar mit einem Buchtext aus dem vierzehnten Jahrhundert. Für sie war die „eindeutig beschriebene Gasthausszene“ Teil der Canterbury Tales – nur dass hier nicht Geoffrey Chaucer erzählt, sondern ein Gast, der sich mit anderen vergnügt, Purzelbäume schlägt und sich betrinkt, bis „die Decke wegfliegt“. Beim Kartenspielen hört er der Unterhaltung am Nebentisch zu. Es sind Pilger unterschiedlichen Standes auf dem Weg zum Grab des Thomas Becket. Ein Müller prahlt auf ordinärste Art mit seinem frivolen Abenteuer (The Miller’s Tale) und schockiert eine Nonne („Vestal Virgin“) …Vestalinnen gab es im vierzehnten Jahrhundert ja nicht mehr. Der Beobachter empfindet wohl etwas für die Frau und zeigt sich betroffen, als sich ihr ohnehin blasses Gesicht in „Gespenstig“ verfärbt, während sie dem grobschlächtigen Müller ihre Meinung sagt.
So viel zu Keith Reid, Geoffrey Chaucer und dazu, wie wir uns früher im Web unterhalten haben. Heute gibt es Wikipedia, und Unterhaltungen finden woanders statt. Aber es gibt (oder gab?) einen Wikipedia‑Eintrag zu A Whiter Shade of Pale, in dem genau dieser Vergleich mit den Canterbury Tales erwähnt wird – Wahnsinn! Und dann steht dort auch noch, dass Keith Reid die Canterbury Tales nie gelesen hätte… Bam! Mein Muster war verwischt, meine Struktur zerstört. Vielleicht konnte man diese Anekdote noch für eine fiktive Geschichte verwenden… Vielleicht ist es am Ende auch egal, woher solche Muster kommen – aus alten Songs, aus alten Büchern oder aus vergangenen Tagen des Webs. Manche Dinge begleiten einen einfach noch, wenn sich die Welt längst woandershin bewegt hat. Und manchmal schreibt man sie auf Englisch, wegen der guten alten Zeiten.