Hallo Jack!

Brief

von  Wastl

Mag schon sein, dass Schreiben eitel ist, aber nicht nur.

Schreiben dient der Mitteilung. Die heutige Literatur hat sich von der zwischenmenschlichen Kommunikation ein Stück entfernt. Und doch wird im Literaturbetrieb oft das glorifiziert, was am Ende zu Götzenbildern wird – es dient mehr der Eitelkeit der Urheber als dem Gedankenaustausch. Ursprünglich war es eine mündliche Botschaft, die sich über eine sich entwickelnde Sprache weitergab. Später wurde daraus eine Art Zeichensprache, die sich immer wieder neu deutet.

Dem kann man aber abhelfen und die Literatur wieder auf ihren ursprünglichen Zweck zurückführen, indem man sich nach ein paar Absätzen eines Buches davon anregen lässt, selbst etwas Eigenes zu schreiben. Das muss nichts mit dem Gelesenen zu tun haben – Hauptsache, die Inspiration trägt Früchte. So hat man indirekt einen Dialog mit dem Autor geschaffen, als flöge man durch seine Zeilen hindurch und kommt bei sich selbst wieder an.

Auch wenn der Autor davon nichts mitbekommt. Jeder Autor, der Menschen mag, würde sich sehr darüber freuen, dass sein Werk seine Leser zu eigenen Ideen inspiriert. Das wäre ein Königsgeschenk.

Noch ein Gedanke zur Eitelkeit: Ja, Literatur hat viel mit Eitelkeitsbefriedigung zu tun. Aber ab wann Eitelkeit gut oder schlecht wird, lässt sich nicht eindeutig festlegen. Ist Eitelkeit nicht auch notwendig, um sich selbst lieben zu können?

Beim Schreiben geht es jedoch keineswegs nur um Eitelkeit.

Alles Gute,

wünscht Dir Wastl


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Kommentare zu diesem Text


 Augustus (21.07.26, 11:48)
Das „Motiv des Schreibens“ liest sich ja schon wie eine Doktorarbeit in Germanistik. Vllt. hat das jemand tatsächlich schon untersucht - wir wissen es nur nicht. 

Das Festhalten von Sprache in Wortschrift dient der Kulturpflege, aber auch als Mahnmal, in dem sie die in der Vergangenheit bösen oder guten oder Geschehnisse, aber auch generell den Zeitgeist oder persönliches konserviert und in die Zukunft verlustfrei überträgt. 

Tatsächlich lauert in der Eitelkeit beim Schreiben eine Art - Gottkomplex - oder der Wunsch nach Unsterblichkeit, weil nun mal diese - wie gesagt - verlustfrei in die Zukunft übertragen werden wollen. 

Sie sind also von „Dauer“, sie überleben sogar den Schreiberling selbst und können als konservierter geistiger Nachwuchs betrachtet werden. Es ist ein Zeugungsakt, wenn man so will. Die Geburt der Unsterblichkeit in Texten, das ist pure Eitelkeit im Grunde, weil es einen Versuch darstellt, dem geistigen Tod zu entkommen.

Es sind Fußspuren, die hinterlassen werden, um zukünftigen Menschen einen Blick in die Vergangenheit zu gewähren, aber auch vllt. den Blick in sich zu kehren - je nach Art des Textes. 

Der Ursprung der Schriftsprache aber liegt in der Verarbeitung und Verbreitung von Informationen. Sie war zu aller erst völlig unpersönlich und wurde für Zwecke der effizienteren Verwaltung erfunden. 

 Wastl meinte dazu am 21.07.26 um 14:44:
Danke für diesen ausführlichen Kommentar. Ich hoffe, dass der Großteil nicht von einer KI stammt, sondern auf genaue Recherche oder Dein eigenes Wissen zurückzuführen ist.

Deinen Ausführungen stimme ich im Prinzip zu, nur habe ich eine andere Auffassung vom Ursprung der Literatur.

Ich gehe davon aus, dass es die zwischenmenschliche Kommunikation war, etwas, das wir Menschen im Westen nur spärlich zu beherrschen scheinen. Ein Dialog zwischen zwei Menschen mit Mehrwert wird nämlich nur selten geführt, wie ich beobachtet habe.

Selbst die Drehbücher dialoglastiger Filme wie die von Ingmar Bergman zeigen selten, wie schön und fruchtbar ein gutes Gespräch zwischen zwei Menschen sein kann.

Da frage ich mich, ob das Geschriebene zum Teil auch aus der Ernüchterung entstanden ist, dass ein fruchtbarer und angenehmer Dialog zwischen zwei Menschen nur selten stattfindet – und somit ein riesiger Monolog, der in sich Dialoge trägt, der Trost für gescheiterte soziale Aktivitäten wurde?
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