Der Kund und andere Geschöpfe der Gegenwarth

Glosse

von  AnselmusFederkiel

Neulich erhielt ich eine Depesche des Versandkrämers aus Hamburg-Bramfeld, der mir unter allerley verheißungsvollen Wendungen zweifelhafte, aber angeblich außerordentlich preiswerte Waaren feilbot.
Daß dieser Mann auf meine Thaler aus war, erkannte ich augenblicklich. Befremdlicher fand ich, daß derselbe Händler zwar mein Geld begehrte, offenbar aber nicht wußte, was für ein Wesen er vor sich hatte.
Die Anrede gab darüber Auskunft.

„Sehr geehrte/r Kund/in …“


Ich las es.


Dann las ich es noch einmal.


Es stand noch immer dort.


Kund/in.


Nun ist mir der Kunde seit langem bekannt. Auch einer Kundin bin ich schon begegnet. Beide treten im Geschäftsleben häufig auf und verhalten sich, soweit meine Beobachtungen reichen, überwiegend unauffällig.


Der Kund hingegen war mir neu.


Was war ein Kund?


Eine erst kürzlich entdeckte Unterart des Kunden? Eine regionale Erscheinungsform? Oder ein noch nicht vollständig entwickeltes Exemplar, dessen sprachliche Reifung erst mit Abschluß eines Kaufgeschäftes einsetzt?


Schon seine grammatische Bestimmung bereitete Schwierigkeiten. Heißt es der Kund, des Kundes, dem Kund? Oder fällt das Wesen, sobald man versucht, es zu deklinieren, augenblicklich in den Zustand des Kunden zurück?


Und weshalb wächst ihm spätestens dort wieder jenes „e“ nach, dessen man ihn in der Anrede entmannt hat?


Die Sache verlangte nach genauerer Untersuchung.


Immerhin bot die deutsche Sprache einen ersten Hinweis. Kund ist uns nicht völlig fremd. Man kann etwas kundtun oder kundgeben; etwas kann kund und offenbar werden.
Vielleicht also war der Kund gar kein Käufer, sondern ein Mensch, dessen vornehmste Aufgabe darin bestand, etwas kundzutun.


Eine kleine Versuchsanordnung schien geeignet, hierüber Gewißheit zu erlangen.


Der Kund tritt an die Casse.
Er tut kund, daß er ein Achtelpfund Kaffee erwerben möchte.
Durch Vollzug des Kaufes wächst ihm das fehlende „e“ nach.
Er verläßt das Geschäft als Kunde.


Ob diese Metamorphose bereits mit dem Kundtun des Kaufwunsches oder erst nach Entrichtung des Kaufpreises erfolgt, bedürfte weiterer Beobachtung.


In gesprochener Sprache jedenfalls scheint der Kund außerordentlich scheu. Noch nie hörte ich jemanden sagen: „Vor mir steht ein Kund“ oder „Dieser Kund möchte bezahlen.“ Sein natürlicher Lebensraum dürfte sich vielmehr auf Formulare, Rundschreiben und andere typographisch eigenthümliche Biotope beschränken.


Das verwunderte mich. Denn um den Menschen sprachlich vollständiger zu erfassen, hatte man zunächst den Kunden unvollständig gemacht.
Gegen Höflichkeit hatte ich nie etwas einzuwenden. Sie gehörte nur bislang zu jenen Tugenden, die ohne Eingriff in den Wortkörper auskamen.


Daß man Menschen achtungsvoll anspricht, halte ich für eine erfreulich alte Gewohnheit. Ob deshalb jedes Hauptwort einer kleinen chirurgischen Behandlung bedarf, ist eine andere Frage.


Man betrachte einen vollkommen alltäglichen Vorgang:
Der Kunde fragt den Verkäufer, ob der Fahrer dem Empfänger die Ware persönlich übergeben hat.


Vier Menschen, eine Ware und eine hinreichend verständliche Frage.


Nun dieselbe Begebenheit nach erfolgter typographischer Aufrüstung:


Der/die Kund:in fragt den/die Verkäufer:in, ob der/die Fahrer:in dem/der Empfänger:in die Ware persönlich übergeben hat.


Am Vorgange selbst hatte sich nichts geändert. Der Kunde fragte noch immer, der Verkäufer antwortete, der Fahrer fuhr und der Empfänger empfing. Allein das typographische Beiwerk hatte sich inzwischen beträchtlich vermehrt.


Ich hatte Sprache bislang für ein Werkzeug gehalten, mit dessen Hilfe Menschen einander verständlich machen, was sie meinen. Daß ein Wort nebenbei eine möglichst vollständige Bestandsaufnahme sämtlicher Personen liefern müsse, auf die es Anwendung finden könnte, war mir entgangen.


Der Mensch besitzt vielerlei Eigenschaften. Die deutsche Sprache hat bislang darauf verzichtet, sie sämtlich in der Anrede zu inventarisiren.


Meine Augen haben mit fortschreitendem Lebensalter eine gewisse Distanz zum Kleingedruckten entwickelt. Aber diese augenscheinliche Besonderheit findet in der Anrede des Versandkrämers keinerlei sichtbare Würdigung, obwohl sie meinen Alltag weit nachhaltiger beeinflußt als dessen Schrägstrich.


Weshalb ausgerechnet das Geschlecht nunmehr zum obligatorischen Begleitpapier jedes Hauptwortes erhoben werden sollte, blieb mir dunkel.


Wie frühere Generationen ohne diese sprachlichen Hilfsmittel zurechtkamen, verdient beinahe Bewunderung. Ihnen standen weder Sternchen noch Doppelpunkt zur Verfügung, und dennoch gelang es ihnen, Männer und Frauen wahrzunehmen und sogar miteinander in gesellschaftlichen Verkehr zu treten.


Selbst nach einem längeren Tanzgelage auf der Tenne ließ sich das Geschlecht des Gegenübers gemeinhin noch ohne Sternchen, Doppelpunkt oder sprachwissenschaftlichen Beistand ermitteln.
Die dafür gebräuchlichen Methoden mögen hier aus Gründen der guten Sitte unerörtert bleiben.


Für die Sprache war die gewonnene Erkenntniß ohnehin nicht bei jeder Gelegenheit von Nutzen. Nicht jede menschliche Eigenschaft verlangt danach, bei jeder Erwähnung mitgeführt zu werden.


Der Bäcker wollte Brot verkaufen. Der Kutscher mußte wissen, wohin er fahren sollte. Der Wirth fragte, wer noch einen Schoppen wünsche. Welche weiteren Eigenschaften Bäcker, Kutscher, Wirth oder Gast besaßen, durfte für den Augenblick ohne amtliche Feststellung bleiben.


Mein Geschlecht war dem hanseatischen Krämer offenbar von beträchtlichem Interesse. Daß ich hingegen ein Kunde und kein Kund war, schien ihm weniger wichtig.
Ich will daraus keinen Aufstand machen.


Mein ziviler Ungehorsam bewegt sich in bescheidenen Grenzen. Ich werde weder Barrikaden errichten noch mich an das Schreibpult kleben. Ich behalte mir lediglich vor, Wörter dort unversehrt zu lassen, wo sie ihren Dienst bislang ohne größere Beschwerden verrichtet haben.


Damit blieb nur noch die geschäftliche Seite der Angelegenheit.


Der Versandkrämer hatte viel Mühe darauf verwendet, mich sprachlich in seiner Anrede unterzubringen. Mich als Käufer zu gewinnen, war ihm weniger geglückt.


Ich bestellte nichts.


Für den Kund verlief die Untersuchung glimpflich.

 
Für die Geschäftsbeziehung endete sie letal.




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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (31.08.26, 16:53)

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 31.08.26 um 17:51:
Werther Herr AchterZwerg,

Ihre Stellungnahme fiel zwar wortkarg, dafür von beträchtlicher Beweglichkeit aus. Ich nehme sie mit Vergnügen zur Kenntniß.

A. Federkiel

 Moppel (31.08.26, 17:28)
:Damüsante Kunde... mehr davon wünscht sich M.

 AnselmusFederkiel antwortete darauf am 31.08.26 um 17:46:
Wertheste M., 

das freut mich sehr. An weiteren Geschöpfen und Erlebnissen der Gegenwarth scheint jedenfalls kein Mangel zu herrschen; auch die Ablage meines Schreibpultes ist bereits prall gefüllt.

A. Federkiel

 GastIltis (31.08.26, 17:42)
Danke für diesen ausführlichen Text. Für einen Leut wie mich war er mehr als überraschend.

Herzlich grüßt dich Gil. (Leut-nant der Reserve, selbst ernannt).

 AnselmusFederkiel schrieb daraufhin am 31.08.26 um 17:48:
Werther Herr Leut-nant,

daß sich nun auch ein Leut zur Sache meldet, darf als erfreulicher Fortgang der Untersuchung gelten. Für die freundlichen Worte meinen besten Dank.

A. Federkiel
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